Wie misst man journalistischen Erfolg?

Die Panama Papers waren der größte Scoop, den die Süddeutsche Zeitung je hatte. Der journalistische "Impact" war gewaltig. (Bild: Peter Hoffmann)

Klicks und Marktanteile sind wichtig, aber nicht die einzigen Maßstäbe für journalistischen Erfolg. Recherchen können auf Missstände aufmerksam machen oder Reformen hervorrufen. Die Debatte darüber, was „Impact“, also Einfluss, ist und wie er gemessen werden kann, hat auch die deutsche Medienlandschaft erreicht.

von Sonja Peteranderl

Es war ein Mega-Leak, der weltweit Beachtung fand. 11,5 Millionen Dokumente mit einem Datenvolumen von 2,6 Terabyte hatte ein Whistleblower der Süddeutschen Zeitung übergeben. Sie ermöglichten einem internationalen Journalistenteam Einblicke in ein gigantisches Briefkastenfirmensystem, mit dem die panamaische Anwaltskanzlei Mossack Fonseca Steuerhinterziehung und Geldwäsche verschleierte.

Mehr als 214.000 Offshore-Firmen wurden enthüllt, mit Verbindungen zu Politikern, Unternehmern, aber auch Kriminellen auf der ganzen Welt. Der Einfluss der „Panama-Papers“- Recherchen lässt sich nicht nur in Reichweite messen: Mehr als 2.000 Ermittlungen wurden in Deutschland eingeleitet, in manchen Ländern haben die Erkenntnisse zu Protesten und zum Rücktritt von Politikern und Regierungsmitarbeitern geführt. Aufgrund von Steuernachzahlungen und Bußgeldern konnten Regierungen weltweit mehr als 700 Million Dollar von den Steuerflüchtlingen kassieren.

Medienorganisationen weltweit machen sich zunehmend Gedanken, wie sie jenseits von Quoten, Klicks und Marktanteilen auch „Impact“ entfalten  – wie also ihre Veröffentlichungen gesellschaftliche Veränderungen bewirken können. Aufklärung der Bevölkerung, eine Gesetzesänderung, die Einstellung einer schädlichen Unternehmenspraxis oder die Entlassung eines korrupten Regierungsmitarbeiters: Die Folgen von Journalismus können unterschiedliche Formen annehmen. Was als Erfolgsformel definiert wird, hängt immer davon ab, was ein Medium erreichen will. Bei manchen ist die Bewusstseinsveränderung das Ziel, investigative Initiativen wollen oft Veränderungen in der „realen Welt“ auslösen, wie etwa bei den „Panama Papers“. Doch wie finden Medien das richtige Maß für sich?

„Impact bedeutet für jede Organisation etwas anderes, für ProPublica ist es eine Reaktion der Regierung, wie eine Gesetzesänderung – darunter nichts“, sagt die Impact-Analystin Lindsay Green-Barber, die mit ihrer Firma Impact Architects nicht nur Medien, sondern auch Stipendiaten von Stiftungen berät. „Das Wort Impact macht viele Leute nervös, aber sie sollten einfach hinterfragen, warum sie die Arbeit machen, die sie machen, welche Veränderung sie erzeugen wollen und was Erfolgsbeispiele für sie sind.“ Auf dieser Grundlage könnten dann quantitative und qualitative Kennzahlen definiert werden, mit denen die Wirkung von Recherchen greifbarer wird. Und das wiederum kann Recherchestrategien und Storytelling beeinflussen.

Wo landet mein Geld?

In den USA wurde die Impact-Debatte in den vergangenen Jahren maßgeblich von Stiftungen vorangetrieben, die auch als Journalismusförderer auftreten. Wie in der Entwicklungshilfe wollen die Geldgeber wissen, wofür ihr Vermögen eingesetzt wird. Sie wollen Ressourcen dorthin lenken, wo sie sinnvoll sind und tatsächlich etwas verändern können oder zumindest für Aufmerksamkeit sorgen. US-Stiftungen wie die Bill & Melinda Gates Foundation, die auch deutsche Recherchen finanziert (Hinweis: darunter auch ein Rechercheprojekt, an dem die Autorin beteiligt ist), fordern von Stipendiaten und Medienpartnern, dass sie die Wirkung von Projekten belegen: mit Indikatoren wie Reichweitendaten, aber auch mit Zitierungen, Reaktionen von Entscheidern und Experten, Belege für einen Einfluss auf den öffentlichen Diskurs online und offline.

In Deutschland steht die Diskussion über Impact noch am Anfang. Aber: „Die Impact-Debatte wird auch hier noch stärker geführt werden“, glaubt Thomas Schnedler, Projektleiter für das Nonprofit-Journalismus-Programm beim Netzwerk Recherche. Schnedler betreut die gemeinnützigen Medien-Start-ups, die in einem speziellen Programm gefördert werden. „Bei gemeinnützigen Werkzeugen für Journalisten ist es leichter, den Erfolg zu quantifizieren“, so Schnedler. Das Journalistennetzwerk Hostwriter könne etwa auswerten, wie viele Mitglieder sich anmelden oder wie intensiv die Plattform genutzt wird. Das Informationsfreiheitstool Frag Den Staat weiß, wie viele Anfragen an Behörden gestellt werden und wie schnell eine Antwort kommt – oder eben keine. „Schwieriger wird es bei redaktionellen Newsrooms, weil sie in der Regel auf die Thematisierung und nicht auf eine politische Konsequenz zielen – und das ist schwer zu messen“, so Schnedler. „Es ist wie beim Quotendruck: Auch die Quote beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen erfasst ja nicht, welchen Einfluss ein Beitrag in einem Politmagazin auf den politischen Diskurs hatte.“

Gerade bei politischer Berichterstattung könne die Wirkungszuschreibung verzerrt sein: Politische Effekte sind oft durch verschiedene Einflüsse bedingt – wie Wahlen, parteiinterne Machtkämpfe oder Aktivismus von NGOs – und oft nicht linear auf Journalismus zurückzuführen. „Eine langfristige Impact-Messung ist vor allem bei großen Recherchen wie den, Panama Papers‘ sinnvoll, wo auch vieles mit Zeitverzug passiert“, glaubt Schnedler.

Das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ), das die Recherchen zu den „Panama Papers“ koordiniert hat, berichtet auf der Website regelmäßig über aktuelle Veröffentlichungen und Erkenntnisse, die auf Basis der Datenleaks gewonnen wurden. So entsteht ein umfassendes Bild über die Konsequenzen der weltweiten Recherchen. In Grafiken wird der Einfluss visualisiert.

Unterschiedlicher Einfluss

Die Analystin Lindsay Green-Barber unterscheidet bei der Impact-Messung zwischen Effekten auf der Mikroebene, die etwa das Wissen, die Einstellung oder das Verhalten des Publikums beeinflussen, dem Meso-Wandel, der beispielsweise den öffentlichen Diskurs verändert oder eine Community aktiviert, und der Makro-Wirkung auf institutioneller Ebene, wie Regierungsreaktionen oder Gesetzesänderungen.

Auch wenn die ganz große, institutionelle Veränderung unter US-Investigativjournalisten als Goldstandard gilt, sind alle Ebenen wichtig. „Das Problem ist, dass alle zu eng über Impact denken. Wir müssen darüber diskutieren, um verschiedene Arten gesellschaftlicher Veränderung wertzuschätzen – eine ist nicht besser als eine andere“, so Lindsay Green-Barber. Für Initiativen wie das Fuller Project for Investigative Reporting wäre es etwa zu hochgegriffen, die Abschaffung von Diskriminierung zu bewirken – stattdessen versucht die journalistische Initiative, konkret den öffentlichen Diskurs zu verändern, indem sie mehr Stimmen von Frauen in der Berichterstattung sichtbar macht und so die Art verändert, wie über Frauen berichtet wird.

Immer neue Berichte, immer neue Enthüllungen. Das ICIJ gibt in einer Grafik einen Überblick über die Dimensionen der "Panama Papers" (Quelle: ICIJ)

Das Ziel beeinflusst die Themenauswahl, die Zielgruppendefinition und die Publikationsstrategie: Wollen gemeinnützige Rechercheinitiativen etwa politischen Makro-Wandel erreichen, sollten sie sich Medienpartner suchen, die eine große Reichweite haben und von Entscheidern gelesen werden, wie etwa der New York Times. Wollen sie Bürger aufklären oder aktivieren, sind lokale Medienpartner sinnvoller, die als glaubwürdig gelten und etwa die Menschen einer bestimmten Region oder Bewohner im Umfeld eines Missstandes erreichen.

Inzwischen existieren mehrere Open-Source-Tools, die es Journalisten erleichtern, die Wirkung ihrer Recherchen systematischer zu erfassen – von Leserkommentaren bis zu politischen Konsequenzen. Als Forschungsprojekt des Tow Center for Digital Journalism an der Columbia University ist die Software „NewsLynx“ entstanden. Ein anderes Tool namens „Impacto“ hat Pedro Burgos konzipiert, ein brasilianischer Absolvent des Knight Fellowships beim International Center for Journalists. Der von Lindsay Green- Barber entwickelte „Impact Tracker“ ist eine vor allem von US-Medien genutzte interaktive Datenbank, die je nach Bedarf angepasst werden kann.

Bevor Green-Barber sich vor zwei Jahren selbstständig gemacht hat, hatte sie für das kalifornische Center for Investigative Reporting (CIR) als Analystin gearbeitet. „CIR-Reporter wissen spannende Details über ihre Recherchen, sie reichen normalerweise ein paar Informationen an Stiftungen weiter, und sie schickten auch mir die Infos weiter“, so Green-Barber. Das lief allerdings zufällig und unkontrolliert. „Der ‚Impact Tracker‘ wurde mit der Idee entwickelt, dass Reporter, Redakteure, Chefredaktion und Geschäftsführung den Wert von Recherchen auf eine zentralisierte Art und Weise sammeln und belegen können.“ Eine Mischung aus quantitativen und qualitativen Metriken stellt die Wirkung von Recherchen auf der Mikro-, Meso- und Makroebene dar.

„Impact ist zentral für unsere Organisation und unsere Bemühungen, Unterstützung und Finanzmittel zu mobilisieren“, sagt Annie Chabel, die sich beim CIR um Fundraising kümmert. Gerade für gemeinnützige Organisationen sei es wichtig, den Erfolg von Recherchen kontinuierlich an Interessengruppen wie eben den Geldgebern zu kommunizieren – aber auch an das Publikum. Das Tracking von Einfluss-Indikatoren kann ebenfalls zeigen, ob Aktivitäten durchdacht sind, Annahmen und Strategien funktionieren. „Wir überprüfen unsere Ziele regelmäßig mit der Leitung des CIR und justieren sie vierteljährlich nach, falls das notwendig ist“, so Chabel.

Es gibt aber keine Zauberformel, die für alle Medien funktioniert. Die Nonprofit-Meinungsplattform Project Syndicate erfasst etwa in einem Google Spreadsheet, inwieweit sie ihr Ziel erreicht, dass bekannte Experten und Entscheider Meinungsbeiträge für das Portal verfassen, wie gut es gelingt, diese Stimmen in öffentliche Debatten hereinunzutragen und ob die Autoren wiederholt für das Portal schreiben.

Das deutsche investigative Recherchebüro Correctiv sucht noch nach der passenden Software und den Metriken, die den Erfolg von Correctiv- Recherchen optimal abbilden. „Wir sehen uns verschiedene Tools an, aber ich habe bisher nicht die Lösung gefunden, die perfekt passt“, sagt Simon Kretschmer, Geschäftsführer von Correctiv. „Das Impact-Thema ist von großer Relevanz für uns, und wir werden das auch im kommenden Jahr sehr stark weiterentwickeln.“ Die bisher getesteten Tools würden zu kurz greifen, um die Einbindung der Community und die Aktivierung der Crowd für Recherchen abzubilden, die für Correctiv zentral sind.

Gesellschaftlicher Wandel

Der größte Erfolg ist für Correctiv die Abschaffung eines Missstandes, den das Rechercheteam aufgedeckt hat –  doch im Gegensatz zum US-Vorbild ProPublica stellen nicht allein politische Reaktionen wie Gesetzesänderungen die Messlatte dar, sondern auch der Weg hin zu einem Wandel. „Wir wollen positive gesellschaftliche Veränderungen anstoßen”, sagt Kretschmer. „Wenn wir den Eindruck haben, dass irgendwo ein Missstand besteht, wollen wir Licht darauf werfen und eine Debatte anstoßen – wir geben aber keine Antwort vor, sondern die Debatte soll dazu führen, dass andere gesellschaftliche Akteure eine bessere Lösung finden können.“

Nach einer Recherche zu sexueller Belästigung und Machtmissbrauch beim WDR wurde etwa eine unabhängige Prüferin engagiert. Die Berichterstattung über Erntehelferinnen in Italien und Spanien, die sexuell ausgebeutet wurden, führte zu Ermittlungen der spanischen Staatsanwaltschaft, und manche europäischen Konzerne haben ihre Erdbeerenzulieferer gewechselt. Correctiv veröffentlicht Recherchen auf der eigenen Plattform, aber auch in Partnerschaft mit etablierten Medien, um die Reichweite zu steigern. Das Publikum wird in die Recherchen involviert. 3.000 Mitglieder bilden die Community und finanzieren Recherchen mit, Bürger werden aber auch zum Teil von Recherchen.

Bei sogenannten Crowd-Newsroom-Projekten zu Themen wie Mietpreisentwicklung, Unterrichtsausfall oder Sparkassen setzt Correctiv auf Crowdsourcing, wertet Dokumente aus, die Hunderte von Bürgern zur Verfügung stellen. Die Community soll noch ausgebaut werden, auch Weiterbildungen in der Online-Akademie „Reporterfabrik“ soll Menschen befähigen, selbst zu recherchieren. „Die Debatte zu führen, ist unser großes Ziel – und dafür sind aufgeklärte und gut informierte Bürger das A und O”, so Kretschmer.

Auch kommerziell orientierte Medienunternehmen wie CNN oder New York Times haben eigene Impact-Tools entwickelt, machen auf speziellen Seiten die Auswirkungen von Recherchen transparent und fordern Leser zu Aktivitäten und Spenden auf. „Impact hat ganz klar einen Markenwert und einen positiven Einfluss auf die Einkünfte“, so Lindsay Green-Barber. Die Vermessung des eigenen Wertes sollte allerdings mehr als eine Fassade sein, die attraktiv auf Geldgeber und Publikum wirkt. „Ich hoffe, dass noch mehr Nonprofit-Initiativen realisieren, dass sie sich um Impact kümmern sollten – nicht nur, weil ein Geldgeber das will, sondern auch, weil wir die Welt so in einen besseren Ort verwandeln können“, so Green-Barber. Ein klares Erfolgsbarometer kann zu gezielteren Recherchen und Partnerschaften führen und hilft dabei, Reporter und Ressourcen besser zu dirigieren – und auch Fehler zu erkennen.

Während US-Medien und Rechercheinitiativen teilweise eigene Impact-Analysten oder Impact-Redakteure beschäftigen, die die Erfolgsmessung im Blick haben und auswerten, existiert solch eine Kultur in Deutschland noch nicht. Selbst die Süddeutsche Zeitung erfasst den Einfluss der „Panama Papers“ bisher nicht systematisch – obwohl er der größte journalistische Coup der Zeitung ist und ein gutes Beispiel dafür, was Journalismus bewirken kann. Die SZ-Redakteure Bastian Obermayer und Frederik Obermaier, die Initiatoren der „Panama Papers“-Enthüllungen, melden zwar neue Erfolge der Recherchen immer wieder auf Twitter – archiviert wird aber bisher vor allem im Hinterkopf.

Die Redaktion - 16.11.2018