"Wir dürfen durchaus mehr Selbstbewusstsein zeigen"

"Rettung des Journalismus heißt erstmal: Respekt vor journalistischer Arbeit, vor den Kolleginnen und Kollegen", sagt DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall. (Foto: Frank Sonnenberg)

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) richtet seinen diesjährigen Verbandstag in Dresden aus. Rund 200 Journalisten debattieren am 4. und 5. November über Branchenthemen und verbandsinterne Fragen. Der journalist sprach im Vorfeld mit dem DJV-Bundesvorsitzenden Frank Überall.

Interview von Monika Lungmus

journalist: Sie kommen gerade aus einer zweitägigen Bundesvorstandsklausur. Welches Ergebnis können Sie dem journalist mitteilen?
Frank Überall: Wir haben uns mit einigen medienpolitischen Themen beschäftigt, die für Journalisten interessant sind. So mit dem Presseauskunftsrecht, das wir auf Bundesebene fordern. Es steht ja auch im Koalitionsvertrag, dass das Auskunftsrecht von Journalistinnen und Journalisten gestärkt werden soll. Insofern wollen wir uns jetzt auf politischer Ebene dafür stark machen, dass es auch tatsächlich kommt. Kontrovers haben wir über die sogenannten Hintergrundgespräche diskutiert, zu denen ausgewählte Journalisten eingeladen werden. Die Kolleginnen und Kollegen werden hier sozusagen zum Teil des politischen Geschäfts. Und da stellt sich schon die Frage, wie man mit so etwas umgehen soll.

Nach Ihrer Wiederwahl zum Bundesvorsitzenden im vergangenen Jahr haben Sie im journalist-Interview nicht weniger als die Rettung des Journalismus als Ihre Mission verkündet. Wie sieht Ihre Bilanz ein Jahr später aus?
Rettung des Journalismus heißt erstmal: Respekt vor journalistischer Arbeit, vor den Kolleginnen und Kollegen. Das ist eine nicht enden wollende Mission, gerade in Zeiten, in denen wir mit "Lügenpresse"-Anwürfen konfrontiert werden, mit drastischen Sparprogrammen und zuweilen auch mit einer gewissen Ignoranz in der Politik. Da bohren wir dicke Bretter.

Sie werben ja regelmäßig für die Wertschätzung des Journalismus. Bei den Zeitungsverlegern scheint Ihr unermüdlicher Appell aber nicht anzukommen. Die Tariferhöhung zeigt doch eher Geringschätzung.
Naja, es gibt schon Verlage, die Wert legen auf guten Journalismus. Die auch Wert darauf legen, dass Kolleginnen und Kollegen anständige Arbeitsbedingungen haben und anständig verdienen. Aber es gibt auch die anderen, die nur zahlengetrieben sind. Ich glaube aber, dass Letztere mittelfristig keinen Erfolg haben. Den Kampf um die besten Köpfe wird man mit geringen Honoraren oder Gehältern letztlich nicht gewinnen können. Aber es ist in der Tat eines unserer Hauptprobleme, dass der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger mittlerweile so ein bunter Haufen ist, dass man dort Mitglied sein kann und trotzdem tariffrei.

Wie viel Verhandlungsmacht hat der DJV noch? Nehmen Sie die gemeinsamen Vergütungsregeln für freie Journalisten. Eigentlich stünde ja jetzt eine Erhöhung der vereinbarten Honorarsätze an.
In der Tat müsste es jetzt eine Steigerung geben. Ich sehe das aber auch als eine politische Herausforderung. Das Urhebervertragsrecht müsste nachgebessert werden. Was den DJV betrifft: Da haben die vergangenen Streikaktionen doch gezeigt, dass wir durchaus in der Lage sind, Druck auszuüben. Aber wir suchen auch nach neuen Wegen – beispielsweise versuchen wir, über öffentlichkeitswirksame Aktionen wahrnehmbar zu sein.

Wir beobachten eine zunehmende Aggression gegen Berichterstatter. Man hat den Eindruck, dass der Journalismus in der Gesellschaft nicht mehr geachtet wird. Was tut der DJV?
Zunächst muss man sehen: Diese Aggression erleben nicht nur Journalisten. Es ist ein gesellschaftliches Problem. Selbst Rettungsdienste werden ja immer häufiger angegriffen. Fest steht aber: Es gibt Leute aus radikalen Lagern, vor allem aus dem rechtsradikalen Lager, die dieses System, diese Demokratie angreifen. Die auch jene, die da auf Demonstrationen mitlaufen und "Lügenpresse" rufen, steuern und aufheizen. Das habe ich seit Beginn meiner Amtszeit thematisiert. Es wird aber immer schlimmer. Unsere Aufgabe ist es, die Polizei zu sensibilisieren. Die Beamten müssen einerseits die rechtlichen Rahmenbedingungen kennen, damit sowas wie bei dem Kollegen Arndt Ginzel nicht wieder vorkommt. Und zum anderen müssen Polizeikräfte da, wo es Übergriffe auf Journalisten gibt, konsequent einschreiten. Wir werden uns beim Verbandstag in Dresden sehr intensiv mit dem Thema beschäftigen.

Sie sind im vergangenen Jahr durch die Republik getourt und haben Lobbyarbeit für die Sache der Journalisten betrieben. Was haben Sie auf politischer Ebene erreicht?
Zum einen bin ich nicht der Einzige, der das macht. Ich habe ein gutes Team im Bundesvorstand und auch in der Bundesgeschäftsstelle. Aber in der Tat war ich viel unterwegs. Im Bereich der Politik muss man einen sehr, sehr langen Atem haben. Bis man einen Termin bekommt, das dauert. Wir werden Ende des Jahres endlich, nach langer Zeit, über unsere Forderungen nach einem Mindestlohn für Volontäre sprechen können.

"Raus aus dem Jammertal" – unter diesem Motto hat der DJV dieses Jahr seine Tagung Besser Online veranstaltet. Auch Sie selbst fordern, dass die Branche aus ihrer negativen Grundstimmung rauskommt. Sind Journalisten zu wehleidig und unbeweglich?
Vor allem Medienmanager sind ganz oft viel zu wehleidig. Sie jammern, dass niemand für Journalismus bezahlen mag, und meinen, wenn man den Rotstift kreisen lässt, wird alles gut. Bloß hat das dann irgendwann nichts mehr mit Journalismus zu tun. Das Jammern bringt niemanden weiter. Ich möchte eine Aufbruchsstimmung, weil Journalismus nicht nur ein toller Job ist, sondern auch für die Gesellschaft unglaublich wichtig ist. Und ich glaube, dass es gerade in einer Zeit, wo die Menschen mit Fake News und Halbwahrheiten oder Spaßportalen im Netz konfrontiert sind, eine Rückbesinnung auf guten Qualitätsjournalismus gibt. Wir dürfen also durchaus mehr Selbstbewusstsein zeigen.

Sprechen wir mal über die innerverbandlichen Diskussionen. Der Fachausschuss Zukunft hält das Image des Verbands für renovierungsbedürftig. Der DJV müsse moderner, attraktiver werden. Wie sehen Sie das?
Naja, wir sind doch auf einem ganz guten Weg. Wir haben beispielsweise schon vor Jahren den Bereich Social Media deutlich ausgebaut. Natürlich müssen wir uns immer bewegen, uns immer weiterentwickeln. Dass der DJV ein etwas angestaubtes Image hätte, so wie es die jungen Kolleginnen und Kollegen im DJV sehen, das kann ich so nicht teilen. Es ist aber wichtig und gut, dass sie Diskussionen anstoßen, auch zum Beispiel über die Frage, ob der DJV föderal, also in Landesverbänden organisiert bleiben soll. Ich bin ein Freund davon. Aber auch im Bundesvorstand diskutieren wir das sehr kontrovers. Da spiegelt sich die Bandbreite der unterschiedlichen Positionen in unserem Verband.

Der Bundesvorstand wird in Dresden ein Positionspapier zur Zukunft des DJV zur Diskussion stellen. Wie muss sich der DJV denn aufstellen, um zukunftsfähig zu sein?
Wir beobachten, dass die Zahl der hauptberuflich tätigen Journalisten schrumpft. Also müssen wir uns überlegen, wie wir damit umgehen. Ganz konkret geht es um die Frage, ob und wie wir das bisherige Berufsbild an eine veränderte Realität anpassen. Denn es entwickeln sich ja viele journalistische Arbeitsgebiete, die mit dem klassischen Journalismus nicht mehr viel zu tun haben. Ich erinnere daran, dass vor ein paar Jahrzehnten noch gegen die Einführung von Computern in den Redaktionen gestreikt wurde. Heute ist es selbstverständlich, als Journalist sehr viele Dinge am Computer zu machen. Wir müssen also an der einen oder anderen Stelle darüber nachdenken, wer ist Journalist und wer nicht. Wir werden auch darüber nachdenken müssen, wie wir zu sinnvollen Kooperationen kommen, wo Landesgeschäftsstellen beispielsweise zusammenarbeiten sollten. In diesem Zusammenhang freue ich mich auch sehr, dass jetzt die Weichen gestellt sind für eine Fusion in Berlin. Denn auf Dauer wäre es absolut falsch, dass es in der Hauptstadt zwei Landesverbände gibt.
 

Die Redaktion - 3.11.2018