Editorial: Journalismus per Livestream

Mittendrin. taz-Reporter Martin Kaul nimmt seine Zuschauer mit ins Geschehen. (Foto: Christian Ditsch)

Gerade in unübersichtlichen Situationen erfreuen sich journalistische Live-Formate zunehmender Beliebtheit. In der November-Ausgabe zeigt der journalist, wie das Format "Livestream" funktioniert, schreibt journalist-Chefredakteur Matthias Daniel in seinem Editorial.

Martin Kaul winkt. Und weil man ihn auf dem Foto inmitten von Zehntausenden Leuten leicht übersehen könnte, haben wir ihn auf unserem Titelbild der November-Ausgabe mal eingekreist. Martin Kaul ist taz-Reporter und steht gerade zusammen mit vielen anderen Menschen vor der Bühne der Unteilbar-Demonstration in Berlin. Oben spricht Herbert Grönemeyer, unten winkt Kaul.

Was Martin Kaul von den meisten anderen Zuschauern unterscheiden dürfte: Er hat gerade selbst Zuschauer. Und deshalb winkt er auch. Er sagt all jenen Zuschauern Hallo, die am Handy oder Computer verfolgen, was Kaul da gerade macht.

journalist-Chefredakteur Matthias Daniel

Und was genau macht er da eigentlich? Er streamt mit seinem Smartphone live ins Netz. Das können heutzutage viele, das machen auch viele. Was hat es also mit Journalismus zu tun, wenn Martin Kaul seine Smartphonekamera in die Menge einer Demonstration hält? Ziemlich viel. Martin Kaul erklärt das selbst am besten: „Beim Live-Journalismus geht es darum, etwas Relevantes, das geschieht, zu begleiten und sofort zu zeigen. Das heißt: die Bilder des Geschehens auszuwählen, die Protagonisten, die Stimmung, die vermeintlichen Nebensächlichkeiten, die aber doch für etwas stehen. Journalismus ist, Zeitgeschehen einzuordnen und in einen Kontext zu stellen.“

Die taz experimentiert mit dem Format „Livestream“ gerade auf vielfältige Weise. Schon vor einem Jahr hat Martin Kaul aus Hamburg vom G20-Gipfel live berichtet. Als es in Chemnitz und Köthen zu rechtsextremen Aufmärschen kam, war Kaul ebenfalls mit dem Smartphone unterwegs. Und seine Kollegin Anett Selle stapfte mit ihrem Handy Tag für Tag durch den Hambacher Forst und streamte, dokumentierte, erklärte stundenlang. Wer wissen wollte, wie der Protest im Forst tatsächlich aussah oder wie die Räumung eines Baumhauses in 17 Meter Höhe konkret abläuft, der konnte sich in den Streams von Anett Selle ein umfassendes Bild machen.

Entscheidend ist bei aller Nähe des Formats dennoch die Distanz. Noch mal Martin Kaul: „Gerade weil wir so nah dran sind, legen wir allerdings Wert darauf, immer auch auf Distanz zu bleiben: Je unübersichtlicher ein Geschehen ist, desto bedachter sollte eine Journalistin oder ein Journalist es einordnen; je hektischer es ist, desto ruhiger sollte man bleiben.“

Auch Journalisten anderer Medien streamen live. Pascale Müller zum Beispiel für Buzzfeed oder Henrik Merker für den Störungsmelder von Zeit Online. Keine Redaktion setzt dieses Format aber inzwischen so gezielt ein wie die taz. Und siehe da. Man kann damit sogar Geld verdienen. Die taz, deren Bezahlmodell im Netz auf Freiwilligkeit basiert, stellt fest, dass Menschen bereit sind, für diese Art des Teilhabenlassens zu bezahlen. Im September meldeten sich so viele neue Leute beim taz-Unterstützersystem an wie noch nie zuvor innerhalb eines Monats.

Journalismus per Livestream. Ein Format mit großem Potenzial. Martin Kaul hat in unserer November-Ausgabe aufgeschrieben, wie es geht. Mit sieben Handwerksregeln und einem Beipackzettel fürs Besteck.

Die Redaktion - 31.10.2018