Journalisten in Deutschland

Wenn Medien pauschal über "die Flüchtlinge“ sprechen, fühlt sich die Journalistin Hiba Obaid nicht angesprochen. "Warum wird nicht normaler berichtet?" Diese Frage stellt auch journalist-Chefredakteur Matthias Daniel im Editorial der September-Ausgabe.

Auf unsere August-Titelgeschichte zu der Frage, wie Medien mit Populismus umgehen, gab es zwei Arten von Reaktionen. Die erste Fraktion begann die Nachricht an uns häufig mit: „Danke, das musste unbedingt mal gesagt werden.“ Bei der zweiten Fraktion war die Tonlage etwas aggressiver und reichte von: „Geht’s noch?“ bis hin zu „Meinungs-KGB!“

Und es gab viele Reaktionen. Aus beiden Fraktionen.

Bei dieser Art von Feedback sagt man unter Journalisten normalerweise: Glückwunsch, alles richtig gemacht. Denn: Wenn man auf eine Geschichte nur Lob erntet, ist das meist verdächtig. Genauso sollte es einem aber zu denken geben, wenn ein Beitrag ausschließlich Kritik einfährt. Jubel und Beschimpfung sind in der Regel ein ganz gutes Zeichen.

Als wir mit unserem Autor Michael Kraske die August-Titelgeschichte geplant haben, war unser erstes Ziel: Wir wollen eine Debatte lostreten. Im Nachhinein muss man – trotz der ungewöhnlich großen Zahl an Reaktionen – sagen: Das ist uns nicht gelungen. Und das gibt in der Tat zu denken. Die Themen „Flüchtlinge“ und „Medien“ scheinen im Moment derart zu polarisieren, dass sie zwar zu einer großen Resonanz führen. Zu einer Diskussion führen sie aber (bis auf wenige Ausnahmen) nicht.

Was hat unser aktuelles Titelthema mit all dem zu tun? Nichts, und doch ganz viel.

„Viele Medien stellen Geflüchtete entweder sehr negativ oder sehr positiv dar. Das finde ich peinlich“, sagt Hiba Obaid darin. „Warum wird nicht normaler berichtet?“ Obaid ist 2013 aus Aleppo geflüchtet. Vorbei am IS kam sie über den Libanon in die Türkei. Jetzt lebt sie in Berlin und arbeitet als Journalistin. Hier macht die 28-Jährige gerade ein Volontariat, das sich speziell an geflüchtete Journalisten richtet. journalist-Autorin Kathi Preppner stellt dieses bemerkenswerte Projekt und ihre Teilnehmer in unserer September-Ausgabe vor.

Wenn in den Medien pauschal über „die Flüchtlinge“ gesprochen wird, fühle sie sich nicht angesprochen, sagt Hiba Obaid. Die Volontärin hat in Aleppo arabische Literatur studiert. Als in Syrien die Revolution begann, hat sie zusammen mit Kommilitonen eine Zeitschrift gegründet. Unter Pseudonym schrieben die Macher über Freiheit und Würde. Jetzt arbeitet sie in Deutschland. Sie hat ZDF-Moderator Claus Kleber interviewt und eine jahrelang verschollene Brieffreundin einer Leipzigerin in Jordanien aufgespürt.

Gerade absolviert Hiba Obaid eine von insgesamt neun Außenstationen ihres Volontariats: bei der Bild-Zeitung. Eine Journalistin in Deutschland. Eigentlich ganz normal.

Wenn man über die Themen „Medien“ und „Flüchtlinge“ diskutieren will, hilft es, Klischees und Stereotype hinter sich zu lassen.

Hier finden Sie die Themen unserer September-Ausgabe.

Die Redaktion - 2.9.2018