"Da steckt noch Leben drin"

Steffen Grimberg: "Ein mehr als 60 Jahre altes System kann man nicht von jetzt auf gleich in die Zukunft schleudern." (Foto: Marieke Wolter)

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist zurzeit viel in Bewegung, glaubt Medienjournalist Steffen Grimberg, der zwei Jahre lang für die ARD gearbeitet hat. Im 3. Teil unserer Serie zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erzählt Grimberg, warum er die Debatte um ARD und ZDF begrüßt und was sich bei den Anstalten bereits gewandelt hat.

Interview von Kimberly Schäfer

journalist: Ihre Meinung zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist in Ihrer Funktion als Medienkritiker nicht immer positiv ausgefallen. Wie kam es, dass Sie dennoch zwei Jahre lang ARD-Sprecher waren?
Steffen Grimberg: Auch als Medienkritiker habe ich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer liebevoll kritisch begleitet. Ich halte den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für eine wichtige und sehr notwendige Einrichtung. Wie in vielen anderen notwendigen Einrichtungen, läuft dort aber nicht immer alles richtig. In den zwei Jahren, in denen ich Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille war, habe ich die Erfahrung gemacht, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk durchaus konstruktiv mit Kritik umgeht. Auch wenn es bei so vielen Mitarbeitern natürlich viele gibt, die damit Schwierigkeiten haben.

Hat die Arbeit für die ARD Ihren kritischen Blick auf den Sender verändert?
Ich glaube, ich sehe die ARD und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gar nicht so viel anders als vorher. Ich habe jetzt vielleicht noch ein paar tiefere Einblicke.

Was ist von den Vorsätzen geblieben, die Karola Wille zu Beginn ihrer Amtszeit als ARD-Vorsitzende hatte?
Eine ganze Menge. Zum einen das Bewusstsein, dass die Öffentlich-Rechtlichen wieder mehr auf die Menschen zugehen und sich und ihre Arbeit erklären müssen. Zum Beispiel bei Redaktionsbesuchen, bei denen sich die Besucher anschauen, wie Sendungen entstehen und welche Kriterien gesetzt werden. Es gab aber auch bahnbrechende Einigungen mit Produzentenverbänden und eine neue, günstigere Altersversorgungsregelung. Außerdem ging es mit der Transparenzoffensive weiter, mittlerweile sind alle Intendanten- und kumulativ auch die Direktorengehälter öffentlich und der entsprechende Bereich auf der ARD-Website wurde nutzerfreundlicher gestaltet, so dass man die Vielzahl der Angaben auch findet und verstehen kann. Wir haben momentan einen großen Modernisierungsprozess und eine politische Diskussion darüber, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk im digitalen Zeitalter aussehen soll. Ich glaube, das gehört zu den großen Dingen, die in Bewegung gekommen sind.

Vielen erscheint dieser Modernisierungsprozess langsam und schwerfällig. Woran liegt das?
Allein die ARD mit ihren Landesanstalten bringt schon viele unterschiedliche Interessen mit, dazu kommen ZDF und Deutschlandradio und internationale Programme wie Arte und 3sat. Da gibt es natürlich enorm viel Gesprächsbedarf, und Kompromisse sind in solchen Diskussionen der Regelfall. Aber ich muss sagen, da ist gerade eine ganze Menge in Bewegung in der Medienpolitik. Das ist ja zu einem guten Teil im konstruktiven Dialog mit den Anstalten entwickelt worden. Von daher überrascht es mich sogar, dass es jetzt relativ zügig zu gehen scheint. In den zwei Jahren habe ich schon manchmal gedacht: Jetzt drehen wir uns schon wieder im Kreis. Aber das System zeigt gerade, dass schon noch Leben in ihm steckt.

Bei welchen Debatten hatten Sie das Gefühl, sich im Kreis zu drehen?
Da gibt es viele Beispiele. Nehmen Sie die Einigung mit den Verlegern darüber, wer was im Internet darf. Das war eine unendliche Geschichte, die läuft seit mehr als zehn Jahren. Jetzt scheint es endlich eine Lösung zu geben, mit der man sich in strittigen Fällen verständigen kann.

Was nehmen Sie Positives aus der Arbeit für die ARD mit?
Ich glaube, wir haben gezeigt, dass die ARD durchaus in der Lage ist, sich zu verändern. Und dass sie inzwischen ein Bewusstsein für die Menschen hat, für die sie da ist. Innerhalb von zwei Jahren kann man Dinge anstoßen, man kann erste Schritte machen. Aber ein mehr als 60 Jahre altes System kann man nicht von jetzt auf gleich in die Zukunft schleudern.

In der Schweiz wurde Anfang des Jahres über die Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren abgestimmt. Denken Sie, dass eine ähnliche Forderung auch auf Deutschland zukommen könnte?
Letztlich haben wir eine ähnliche Debatte, die ich begrüße. Es ist überhaupt nicht unanständig, sich anzugucken, was man eigentlich vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk bekommt und ob man vielleicht noch andere Ideen hat. Auch da hat das öffentlich-rechtliche System gezeigt, dass eine Menge möglich ist. Ein Beispiel ist Funk als junges Angebot, das nur online läuft. Da sind sogar die altehrwürdige BBC oder andere öffentlich-rechtliche Vorbilder nicht so weit.

Sind solche Angebote denn schon bekannt genug?
Man hat lange gedacht, die Leute wüssten, was zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk gehört, was er macht und dass er der Gesellschaft dient. Aber vielen war das nicht klar. Der neue Slogan der ARD will das deutlich machen: „Wir sind deins.“ Das Programm wird im Auftrag der Gesellschaft für die Gesellschaft gemacht.

Hätte der öffentlich-rechtliche Rundfunk das besser kommunizieren sollen?
Die Handelnden im öffentlich-rechtlichen Rundfunk hatten lange mit den Menschen auf der Straße nicht mehr viel Kontakt. Sie waren sich auch nicht mehr darüber im Klaren, dass sie im Auftrag der Gesellschaft unterwegs sind. Aber ich glaube, es gibt viele Anzeichen, dass man allmählich wieder kapiert, wo der Hase langläuft.

Ein Kritikpunkt von Beitragsgegnern ist, dass eine WG mit sechs Leuten genauso viel Rundfunkbeitrag bezahlt wie ein Single-Haushalt. Wäre Ihrer Meinung nach ein Pro-Kopf-Beitrag besser?
In der Regel ist eine WG nicht so solvent wie ein gut verdienender Single. Allerdings hatte das Bundesverfassungsgericht auch Streitfälle auf dem Tisch, über die es sich zu diskutieren lohnt. Für Zweitwohnungen wurde bislang zum Beispiel noch einmal der volle Beitrag fällig. Die Beitragsgegner sind allerdings auch nicht das Millionenheer, das sie zu sein scheinen.

Woran merkt man das?
Es gibt eine sehr kleine Gruppe von Hardcore-Gegnern, aber es gibt auch einen großen Teil von Menschen, die sehr berechtige Fragen an das System haben. Da hat die ARD schon früh gesagt, dass es ihre Pflicht ist, mit denen in den Dialog zu treten. Ich glaube, das öffentlich-rechtliche System hat begriffen, dass man auf diese Menschen zugehen, ihre Einwände ernst nehmen und sich damit auseinandersetzen muss.

Also sollte der Rundfunkbeitrag so bestehen bleiben?
Ich glaube, das gerätebezogene Gebührensystem war nicht mehr praktikabel. Da war zum Teil der Ehrliche, der sich angemeldet hat, der Dumme. Die zusätzlichen Beitragseinnahmen durch die Systemumstellung haben gezeigt, dass sich viele Menschen ihrer Gebührenpflicht entzogen hatten. Außerdem könnte man heute technisch gesehen auch mit einer elektrischen Zahnbürste fernsehen. Es wäre nicht praktikabel zu überprüfen, wozu jedes Gerät 365 Tage im Jahr genutzt wird.

Wie würde der Journalismus in Deutschland ohne den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aussehen?
Ehrlich gesagt ist das sehr schwer vorstellbar. Sollte man, ähnlich wie es in der Schweiz gedroht hat, den öffentlich-rechtlichen Bereich Knall auf Fall abschalten, dann wäre das natürlich ziemlich dramatisch. Logischerweise würde in einem rein privaten System mehr Informationsprogramme bei den Privatsendern laufen. Im dualen System sind die Lizenzauflagen der privaten Sender verhältnismäßig locker gefasst. Die britischen kommerziellen Kanäle müssen zum Beispiel deutlich mehr Public-Service-Inhalte anbieten.

Was sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Zukunft beibehalten?
Es geht nicht darum, was irgendeinen Redakteur interessiert. Die Zuschauer müssen sich im öffentlich-rechtlichen Rundfunk in ihrer Lebenswirklichkeit wiederfinden. Die Menschen müssen sehen, dass sie mit ihren Sorgen und Nöten, aber auch den positiven Facetten bei ARD und ZDF gut aufgehoben sind. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss vor allen Dingen beibehalten, dass er von der Gesellschaft für die Gesellschaft gemacht und finanziell ermöglicht wird.


Zur Person:
Steffen Grimberg war knapp ein Jahr lang Referent für den Grimme-Preis, bevor er von 2016 bis 2017 als Sprecher der damaligen ARD-Vorsitzenden Karola Wille wirkte. Zudem war Grimberg als Medienjournalist für das NDR-Medienmagazin „Zapp“ und die „taz“ tätig. Seit März dieses Jahres verstärkt er das Team des MDR-Medienportals „Medien360G“. Im Jahr 2009 wurde er mit dem Bert-Donnepp-Preis, dem Deutschen Preis für Medienpublizistik, ausgezeichnet.

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Die Redaktion - 4.9.2018