„Wenn ich nicht an die Zukunft des Journalismus glauben würde, wäre ich ein Blender“

"Wir haben gerade erst angefangen, das Internet zu verstehen", sagt Jeff Jarvis im Interview (Foto: Moritz Kircher)

Der US-amerikanische Journalismusprofessor Jeff Jarvis gilt als digitaler Vordenker seiner Branche. Im Interview mit dem journalist spricht er über die Aufgaben und Chancen des Journalismus im 21. Jahrhundert. Und darüber, warum Katzen-Content, belanglose Promi-News und Donald Trump denselben Ursprung haben.

Interview von Moritz Kircher

journalist: Herr Jarvis, der deutsche Titel Ihres Buches "Geeks Bearing Gifts" lautet "Ausgedruckt – Journalismus im 21. Jahrhundert". Erleben wir in diesem Jahrhundert das Ende gedruckter Medien?
Jeff Jarvis: Ich glaube, dass wir zum 600. Geburtstag des Buchdrucks das Ende der Technologie erleben werden, mit der man Tinte auf Papier bringt. Die Technologie endet. Aber wird die Druckindustrie verschwinden? Nein. So wunderbar jedoch der Buchdruck auch ist und so viele großartige Dinge er für die Welt getan hat – er hat seine Limitierungen. Das Digitale ist interaktiv, man kann es ergänzen, korrigieren. Es ist auf Konversation ausgerichtet. Das sind alles Dinge, die das Digitale dem Druck voraushat. Ich habe nichts gegen Print. Ich verkaufe Ihnen liebend gerne eines meiner Bücher. Aber ich glaube wirklich, dass wir an das Ende der Gutenberg-Ära kommen.

Sie empfehlen in Ihrem Buch Zeitungsverlagen, digitale Plattformen aufzubauen, auf denen Leser nützlichen Informationen aus ihrer Umgebung bekommen und sich austauschen können. Haben wir diesen Kampf nicht längst gegen Facebook verloren?
Ich glaube, dass es möglich ist. Ich gestehe, dass ich etwas zu optimistisch war, was die Entstehung und Möglichkeiten hyperlokaler Gemeinschaften und deren Bedeutung als Bestandteil eines lokalen Nachrichten-Ökosystems angeht. Es gibt viele Gründe, warum es heute hart ist für Journalisten, ihren Job zu machen. Der Werbemarkt hat sich verändert. Er wurde übernommen von großen, automatisierten Netzwerken. Die Preise sind gesunken. Ich glaube aber immer noch, dass die Zukunft der Medien in ihrer Relevanz und in ihrem  Nutzwert liegt. Das bedeutet, wir müssen die Menschen in unserer Region kennen. Sie sind keine anonyme Masse. Mit dem Tod des Gutenberg-Zeitalters kommt der Tod der Idee, dass unsere Leser eine Masse sind.  

Haben die Zeitungen das nicht längst erkannt? 
Wir machen immer noch ein Massenprodukt – das Gleiche für jeden. Wir sollten den Menschen einerseits Communitys anbieten. Wir sollten die Menschen aber auch als Individuen sehen. Der Datenschutz in Deutschland und in Europa steht dem möglicherweise im Weg – gerade jetzt mit der Datenschutzgrundverordnung. Aber ich glaube, dass man den Datenschutz wahren und das Einverständnis der Menschen zur Nutzung ihrer Daten bekommen kann. Und dann können wir die Menschen als Individuen behandeln, um ihnen mehr relevanten und nutzwertigen Journalismus zu liefern. Eine der Schlüsselaufgaben von Journalismus in dieser fragmentierten Welt ist es, Brücken zwischen Gemeinschaften zu bauen. Und als Erstes müssen wir die Orte schaffen, an denen sich diese Gemeinschaften bilden können.

Konservative Vertreter unserer Zunft würden behaupten, dass der Journalist objektiv ist und die Welt beschreibt, wie sie ist. Sie sagen, Berichte über Sportveranstaltungen und den Brand in der Nachbarschaft seien kein Journalismus. Journalismus müsse ein Werkzeug sein, um eine bessere  Gesellschaft zu bauen. Aber wer definiert, was eine bessere Gesellschaft ist? 
Das tut die Gesellschaft von ganz alleine. Es ist möglich, dass Journalismus einer Gemeinschaft hilft, ihre Ziele zu erreichen, ohne diese Ziele selbst zu definieren. Wir Journalisten haben uns immer selbst als die Agendasetter gesehen. Aber das müssen wir gar nicht sein. Die Gemeinschaft kann das  tun. Aber es ist möglich für uns, das zu erkennen und zu helfen. Ich habe meine Definition von Journalismus auch wieder überarbeitet, seitdem ich 2015 "Geeks Bearing Gifts" geschrieben habe. Meine neue Definition lautet: Wir müssen  Gemeinschaften versammeln zu zivilisierter, informierter und produktiver Konversation.

Journalisten sollen also ihren Teil zu einer besseren Gesellschaft  beitragen. Vor drei Jahren, als besonders viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt: „Wir schaffen das.“ Und viele Journalisten haben sich das zu eigen gemacht und wollten sich für die gute Sache einsetzen. Heute sagen Beobachter, dieses Verhalten hat dem Journalismus viel Glaubwürdigkeit gekostet. War es ein Fehler, sich für „Wir schaffen das“ und damit für die vermeintlich gute Sache einzusetzen? 
Wenn man betrachtet, was gerade in den USA passiert, ist das eine sehr aktuelle Frage. Ich habe das damals mit großem Interesse verfolgt. Zeitungen wie Bild, die eigentlich im Ruf steht, gegen Immigration und Flüchtlinge zu sein, haben sich zuerst auf die Seite der Bundeskanzlerin gestellt. Der damalige  Bild-Chefredakteur Kai Diekmann hat einen Flüchtling bei sich zu Hause aufgenommen. Ich denke, das alles war einfach human. Sicherlich hat das seitdem zu Problemen geführt. Der rechte politische Flügel hat das ausgenutzt. Es ist das Gleiche mit der AfD in Deutschland und Trump in den Vereinigten Staaten. Wir hatten gerade diesen schrecklichen Fall in den USA mit den Kindern von Immigranten, die von ihren Eltern getrennt wurden. Dabei haben sie sich nichts zuschulden kommen lassen, außer dass sie in ihren Herkunftsländern vor dem Tod geflohen sind. Ich denke, als menschliche Wesen haben wir keine andere Wahl, als dem mit Empathie zu begegnen. Die Moderatorin Rachel Maddow vom liberalen Sender MSNBC, die ich sehr gerne  im Fernsehen sehe, konnte kürzlich ihren Bericht über Kleinkinder, die von ihren Eltern getrennt wurden, nicht zu Ende bringen, weil sie in Tränen ausbrach. Sie hat sich dafür als Journalistin entschuldigt. Meine Antwort an sie auf Twitter war: Es gibt keinen Grund, sich für Menschlichkeit zu entschuldigen.

Erst vor kurzem hat US-Präsident Donald Trump via Twitter Lügen über steigende Kriminalitätsraten in Deutschland verbreitet, um seine eigene politische Agenda in Sachen Migration voranzubringen. Ist es ein Problem für den Journalismus, dass Politiker und andere Mächtige die Journalisten nicht mehr brauchen, um Dinge in die Welt zu setzen? 
Es gibt ja Facebook, Twitter und weitere soziale Medien. Es ist ein Problem. Aber es ist auch ein Nutzen. Wir waren die Agendasetter und die Gatekeeper. Der Journalismus war in einer machtvollen Position. Manchmal haben wir das  gut genutzt, manchmal nicht. Amerikaner mit afrikanischem oder lateinamerikanischem Ursprung zum Beispiel waren nicht unbedingt gut repräsentiert in den großen, von den Weißen kontrollierten Medien. Ich feiere die Chancen, die das Internet bietet, dass jeder mit jedem online sprechen kann. Daraus ist für uns alle großer Nutzen entstanden. Ich war ein großer Verfechter des Gedankens von einem offenen Internet. Aber ich musste lernen – wir alle mussten  das, auch die sozialen Plattformen –, dass die schiere Offenheit bis zu einem gewissen Grad zu Manipulierbarkeit führt, zu Propaganda, Onlinetrollen und zu Betrügern. Und zu Donald Trump. Aber ich würde auch sagen, dass die Geschäftsmodelle der Medien Trump nach vorne gebracht  haben. Das Geschäftsmodell der Massenmedien, die einem Publikum einfach nur Menge verkaufen und damit Aufmerksamkeit erzeugen wollen. Damit kommen wir zum „Clickbait“. Die Medien haben das erfunden. Das führt zu Katzen-Content und Kardashians. Und es führt erwiesenermaßen zu Donald Trump. Er war der Clickbait-Kandidat. Das Internet und die sozialen Medien tragen dafür die  Verantwortung. Aber genauso trägt der Journalismus seine Verantwortung.

Werden Zeitungen die laufende digitale Revolution überleben? In ihrer jetzigen, gedruckten Form?
Ich glaube nicht. Aber es gibt keinen Grund, dass wir uns als Journalisten an irgendwelche Definitionen aus der Vergangenheit halten müssen. Aus diesem Grund lehre ich Journalismus und deshalb ist es gerade jetzt so aufregend, Journalist zu sein. Wenn ich nicht an die Zukunft des Journalismus glauben würde, wäre ich ein Blender, wenn ich Journalisten in den Beruf bringen würde. Wir haben das Potenzial für eine schillernde Zukunft. Aber das braucht Zeit. Noch einmal zurück zu Gutenberg: Von der Erfindung des Buchdrucks bis zur ersten gedruckten Zeitung hat es eineinhalb Jahrhunderte gedauert. Eineinhalb Jahrhunderte, bis jemand gemerkt hat, was mit dem Buchdruck möglich ist: Menschen zu sagen, was in ihrer Gemeinschaft vor sich geht. Im Jahr 1994 ist das kommerzielle Internet aufgekommen.

Das heißt, wir stehen noch ganz am Anfang?
In Relation zu Gutenbergs Zeit sind wir jetzt im Jahr 1474. Und bis zur Erfindung der Zeitung ist es noch ein gutes Jahrhundert hin. Martin Luther war noch nicht einmal geboren und hatte lange nichts veröffentlicht und seine Revolution gestartet. Wenn wir uns also jetzt gedanklich mit dem Internet auf dem Stand des Jahres 1474 befinden, haben wir noch keine Ahnung, was das Internet überhaupt ist. Es ist zu früh, zu definieren und zu regulieren und damit zu begrenzen, was das Netz ist. Wir haben noch sehr viel Zeit, zu experimentieren und Fehler zu machen und Erfolge zu feiern. Und in diesem Prozess erfinden wir neu, was Journalismus ist. Wir setzen nicht mehr voraus, dass wir Geschichten machen, die wir in Container stopfen, wie sie Gutenberg  erfunden hat. Journalismus wird zum Service, der Menschen in ihren Gemeinschaften hilft – mit neuen Werkzeugen und auf neuen Wegen. Wir haben gerade erst angefangen, das zu verstehen. Ja, es gibt eine Zukunft für Zeitungen. Aber nicht als Zeitung, sondern als neu konzipierter Service für Gemeinschaften und die Gesellschaft als Ganzes.

Mit all diesen Ungewissheiten, auf die die Branche gerade zusteuert – würden Sie jungen Menschen empfehlen, den Beruf Journalist zu ergreifen? Idealismus in allen Ehren. Man will ja auch Geld damit verdienen. 
Meine Studenten bekommen alle einen Job. 90 Prozent schaffen das innerhalb von sechs Monaten – gerade weil sie die Welt auf neuen Wegen betrachten. Ich habe die Chance, mit allen meinen Studenten einmal im Jahr im Herbst zu  sprechen. Und ich sage ihnen, dass es ihre Aufgabe ist, den Journalismus neu zu erfinden. Ich bin zu alt dafür. Ich kann ihnen nur dabei helfen und beobachten, was sie tun. Aber sie sind dafür verantwortlich, neu zu erfinden, was wir sein können. Ich denke also, wir leben gerade in einer sehr aufregenden Zeit. Es gibt eine ganze Menge neuer Jobs da draußen – in der Produktentwicklung, in der Zielgruppenarbeit. Sogar in der Werbung. Es geht nicht mehr nur darum, Geschichten zu schreiben, um ein Papierprodukt zu füllen. Wir haben alle möglichen neuen Wege. Und junge Menschen haben die besten Voraussetzungen, ihre Vorstellungskraft zu nutzen, was Journalismus künftig sein kann. Also ja: Es ist gerade eine sehr gute Zeit, im Journalismus zu sein.   

Moritz Kircher ist Redakteur beim Nordbayerischen Kurier in Bayreuth.

 

Die Redaktion - 26.7.2018