Kein Spiegel der Gesellschaft

Im Jahr 1965 war das Bildungsniveau von Bild-Lesern und der Gesamtbevölkerung nahezu deckungsgleich. Das hat sich im Jahr 2018 deutlich verschoben.

Die Struktur der Bild-Leser war lange Zeit ein Abbild der Gesellschaft. Altersschnitt, Bildungsniveau und Geschlechterverteilung waren nahezu deckungsgleich. Inzwischen haben sich die Verhältnisse verschoben. Bild repräsentiert nicht mehr das Volk.  

Die Bild-Zeitung erreicht nicht mehr alle Bevölkerungsteile gleichermaßen. Das zeigt eine Leseranalyse des journalists. Zwar hat die Bild-Zeitung nach wie vor den Anspruch, für das gesamte Volk zu sprechen. Tatsächlich erreicht sie heute überwiegend mittelalte Männer ohne Abitur, wie der journalist in seiner Juli-Ausgabe aufzeigt. Die stark wachsende Gruppe der formal gut und sehr gut ausgebildeten Menschen im Land ist in Bild deutlich unterrepräsentiert. In ihrer Leserstruktur kann Bild heute also keine Repräsentativität mehr beanspruchen.

Das war früher anders. Laut einer Leseranalyse des Jahres 1965 entsprach die damalige Struktur der Bild-Leserschaft der der Gesamtbevölkerung. Geschlecht, Altersschnitt und Bildungsniveau waren nahezu deckungsgleich. Damals hatten 48 Prozent der Bild-Leser maximal einen Hauptschulabschluss mit anschließender Lehre, in der deutschen Bevölkerung waren es 42 Prozent. Inzwischen haben sich die Verhältnisse verschoben. Heute haben immer noch 41 Prozent der Bild-Leser höchstens einen Hauptschulabschluss mit Lehre, in der Gesamtbevölkerung sind es aber nur noch 30 Prozent.

Auch hinsichtlich der Geschlechterverteilung ist Bild kein Abbild der Gesellschaft mehr. Zwei Drittel der Leserschaft ist männlich, lediglich ein Drittel ist weiblich.

Der neue Bild-Chefredakteur Julian Reichelt scheint sich auf die veränderte Stammleserschaft eingestellt zu haben. Eine aktuelle Titelanalyse des journalists zeigt, dass bei der Bild-Zeitung im Zeitraum von Anfang März bis Mitte Juni jene Schlagzeilen dominierten, bei denen es um den Zusammenhang zwischen Ausländern, Flüchtlingen und Gewalt ging. Berücksichtigt man, dass der formale Bildungshintergrund und das Geschlecht einen starken Einfluss auf die Haltung gegenüber Flüchtlingen haben, dann scheint Bild hier sowohl thematisch als auch in der Tonalität seinen Hauptlesern entgegenzukommen.

Die ausführliche Analyse der Bild-Leserstruktur lesen Sie in der Juli-Ausgabe des Medienmagazins journalist. Neugierig? Dann hier entlang.

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Zur Methode:

Die soziodemografische Analyse fußt einerseits auf Daten der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e.V. (Media-Micro-Census 2018 / ma 2018 Pressemedien I), andererseits auf der Publikation „Qualitative Analyse der Bildzeitungs-Leser“ (1965), die der Springer Verlag vom Contest-Institut für angewandte Psychologie und Soziologie mit Infratest und Divo erstellen ließ. Ausgewiesen sind jeweils Reichweitendaten (bzw. der „weiteste Leserkreis“), verglichen mit der Gesamtbevölkerung ab 14 Jahren. Um die Trendanalyse auf Plausibilität zu prüfen, haben wir stichprobenartig weitere Reichweitenanalyse-Daten aus anderen Jahrzehnten getestet, die die skizzierten Trends bestätigten. Dazu zählen neben Daten aus der ma II von 1972, Daten aus der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse aus verschiedenen Jahren (1992/1997/2008). Durch die Wiedervereinigung und die aus Gründen der eingeschränkten Verfügbarkeit gemischte Nutzung von ma- und AWA-Daten kommt es zwar zu gewissen Datenbrüchen, die Trends blieben aber auch hier robust.

Die Redaktion - 4.7.2018