Prekäre Arbeit im Journalismus

Thomas Schnedler: Dissertation "Prekäre Arbeit im Journalismus" (Foto: Christian Herrmann)

In seiner Doktorarbeit entwirft der Journalist Thomas Schnedler Szenarien, wohin die Prekarisierung den Journalismus führen kann: Richtung Braindrain oder Aufbegehren. Und er erklärt, warum es ein Miteinander geben muss – „vor allem zwischen den Generationen“.

von Kathi Preppner

Prekäre Arbeit hat im Journalismus unterschiedliche Folgen. Während manche Journalisten bei ihrer Arbeit Abstriche machen, ist sie für andere Ansporn, ihre Leistung noch zu steigern. Das ist ein Ergebnis aus Thomas Schnedlers Dissertation „Prekäre Arbeit im Journalismus“, die voraussichtlich in diesem Herbst veröffentlicht wird.

Schnedler, der als Projektleiter für das Netzwerk Recherche arbeitet und seine Doktorarbeit an der Universität Hamburg bei Journalistik-Professor Volker Lilienthal vorgelegt hat, hat mit freien, fest-freien und in Teilzeit oder befristet beschäftigten Journalisten aus allen Mediensparten gesprochen: über ihren Arbeitsalltag, rechtliche und soziale Arbeitsbedingungen, Zufriedenheit im Job und über Geld. 16 von 27 Befragten hat er anschließend als prekär eingestuft – und unter ihnen drei verschiedene Typen ausgemacht.

Der „Kompensationstypus“ fühlt sich trotz prekärer Bedingungen sicher, was entweder an materieller Sicherheit durch Dritte oder an Einkünften aus anderen Berufsfeldern liegt. Dieser Typus schränkt seine Produktivität mitunter ein: Für Recherche-intensive Reportagen und Features bleibe „ganz selten“ Zeit, erzählt ein Befragter, „höchstens in den Sommerferien mal“. Der „Motivationstypus“ hat trotz gefühlter Unsicherheit Spaß am Job und will gute Ergebnisse abliefern. „Meine einzige Sicherheit ist quasi die Arbeit, die ich abgebe“, sagt eine Befragte. Alle fünf Befragten, die dem Motivationstypus angehören, sind auch in der PR tätig. Laut Schnedler ein Problem, weil daraus Rollenkonflikte entstehen können.

Der „Frustrationstypus“ fühlt sich (eher) unsicher und berichtet von mangelnder Sinnhaftigkeit im Job und reduziert-produktivem bis kontraproduktivem Verhalten. Ein Redakteur gibt zu, seinen „Frust auch on air ausgelassen“ und „Blenden versaut“ zu haben. Vier von fünf Befragten, die dem Frustrationstypus zuzurechnen sind, spielen mit dem Gedanken, dem Journalismus den Rücken zu kehren – oder haben das bereits getan.

Aufgrund der kleinen Fallzahl lassen sich zwar keine generellen Zusammenhänge zwischen prekären Arbeitsbedingungen und Abstrichen beim Arbeitsverhalten ableiten. „Dass die Befragten zum Teil über weniger Engagement bei der Arbeit, über Frust und Ungerechtigkeiten berichten, ist ein Problem für den Journalismus“, kommentiert Schnedler jedoch. „Das lässt einen Braindrain und eine Deprofessionalisierung befürchten.“ Denn wenn Medienunternehmen „noch stärker auf die anspornende Wirkung befristeter Arbeitsverträge bei jungen Redakteuren setzen und den Braindrain der älteren, zunehmend enttäuschten Journalisten billigend in Kauf nehmen“, wie Schnedler es in einem möglichen Szenario beschreibt, gehe mit jedem Mitarbeiter auch Erfahrungswissen verloren. Zudem könne dieses Verhalten dazu führen, „dass hochqualifizierte Nachwuchskräfte gar nicht mehr in den Journalismus gehen“.

„Was es braucht, ist ein solidarisches Miteinander“, sagt er. „Dieses Miteinander muss es geben zwischen den unbefristet Angestellten und den unsicher Beschäftigten, zwischen den besser verdienenden Männern und den schlechter bezahlten Frauen – und vor allem zwischen den Generationen.“ Zum anderen müsse man auch die Personalverantwortlichen in den Verlagen und Sendern davon überzeugen, „dass Prekarität auf Dauer schädlich ist“.

Die Redaktion - 6.7.2018