Seppelt kritisiert russische Journalisten

Hajo Seppelt ist Anfeindungen gewohnt - nicht nur von staatlichen Stellen, sondern auch von vermeintlichen Kollegen: Bei russischen Journalisten spüre er "unglaubliche Aggression". (Foto: WDR/Herby Sachs)

Als das Visum von Sportjournalist Hajo Seppelt für die Fußball-WM Mitte Mai für ungültig erklärt wurde, bezeichnete die ARD das als „einmaligen Vorgang“. Es folgte ein diplomatisches Hickhack, das nicht darüber hinwegtäuscht, dass Seppelt nach seinen Doping-Recherchen in Russland als unerwünschte Person gilt. Das lassen ihn auch die russischen Journalisten spüren, sagt er im Gespräch mit dem journalist.

von René Martens

Hajo Seppelt gilt in Russland als „unerwünschte Person“. Das hat die russische Botschaft dem Investigativjournalisten der ARD kürzlich noch einmal bestätigt. Die unfreundliche Formulierung ist Teil einer Mitteilung, mit der die Diplomaten zähneknirschend auf massiven Protest von Politikern und Journalisten reagierten. „Die Einreise von Hajo Seppelt nach Russland erfolgt aufgrund einer einmaligen Genehmigung“, heißt es dort. Wenige Tage zuvor hatten Behördenvertreter ein vom russischen Generalkonsulat in Bonn ausgestelltes Visum für die Berichterstattung über die Fußball-Weltmeisterschaft für ungültig erklärt. Die ARD sprach daraufhin von einem „einmaligen Vorgang in der Geschichte des ARD-Sportjournalismus“.

Auslöser für die vergiftete Beziehung zwischen dem Riesenreich und dem Reporter ist vor allem Seppelts ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht" (2014). Auch in mehreren anderen Filmen hat Seppelt in den vergangenen Jahren über Staatsdoping in Russland berichtet.

Die Antipathie, die ihn die russischen Behördenvertreter derzeit spüren lassen, ist Seppelt gewohnt – allerdings nicht von staatlichen Stellen, sondern von russischen Journalisten, die sich offenbar „als Vertreter ihres Landes verstehen“, wie er sagt. „Bei internationalen Pressekonferenzen belagern sie immer wieder meinen Tisch, halten mir ständig ein Mikro vor die Nase“. Oft spüre er eine „unglaubliche Aggression“, sagt Seppelt. Er sei es „als Fernsehjournalist natürlich gewohnt, dass ich bei der Arbeit ständig von Leuten umgeben bin“. Aber was er mit russischen Journalisten erlebe, könne man durchaus als „Stalking“ bezeichnen.

Russische Kollegen belagern ihn auch deshalb, weil er regelmäßig greifbar ist. Für andere ihrer „Todfeinde“ gelte dies nicht, sagt Seppelt. Die Whistleblower Witaly Stepanow und Julia Stepanowa etwa, deren Aussagen für Seppelts Arbeit von fundamentaler Bedeutung waren, leben im Exil in den USA, Grigorij Rodtschenkow, ehemals Leiter des Dopingkontroll-Labors in Moskau, ist dort sogar im Zeugenschutzprogramm.

Jenseits des „Stalkings“ lassen sich die lieben Kollegen aus Russland aber auch andere Dinge einfallen, die Seppelt Zeit und Nerven kosten. 2016 warf ihm ein Mitarbeiter der russischen Nachrichtenagentur TASS vor, er habe bei einer Sitzung des Welt-Leichtathletikverbands IAAF mit einer Kamera durch ein Schlüsselloch gefilmt. „Abgesehen davon, dass jeder, der bis drei zählen kann, weiß, dass das herzlich wenig bringen würde, hatte die Tür gar kein Schlüsselloch“, sagt Seppelt. „Ich stand mit meinem Team 15 Meter von der Tür entfernt, um die Fernsehbilder zu machen, die man halt so macht, wenn Leute aus Sitzungssälen kommen.“

Das mag auf den ersten Blick nicht schwerwiegend wirken, aber wenn sich solche Vorkommnisse häufen, können sie zumindest lästig sein. „Immerhin weiß ich heute, wie ich mit solchen Situationen umgehen muss“, sagt Seppelt. 2016 hatte er bei einem russischen Psychomanöver einmal die Nerven verloren: Er ließ sich von einer Interviewerin des staatlichen Fernsehsenders Rossija 1 provozieren. „Da habe ich mich naiv verhalten“, sagt Seppelt heute.

Insgesamt will sich Seppelt aber nicht „beklagen“. Schließlich kann man das unsouveräne Verhalten Russlands in der Visums-Sache auch als Indiz für die Relevanz seiner Filme werten. Doping-Berichtererstattung, sagt Seppelt, habe mittlerweile eine „staatspolitische Dimension“.

In einer früheren Version dieser Meldung hieß es fälschlicherweise, Seppelt habe sich von einer Interviewerin des Senders RT provozieren lassen. Tatsächlich arbeitete die Interviewerin für den Sender Rossija 1.

Diese Meldung stammt aus der Juni-Ausgabe des journalists. Neugierig? Hier entlang.

 

 

Die Redaktion - 11.6.2018