Kauft euch ein Pferd!

Silke Burmester: "Schickt eure Eltern in die Wüste, die euch beigebracht haben, ein liebes Mädchen zu sein" (Foto: Stefanie Preuin)

Seit bald 50 Jahren kämpfen Frauen um ihre Gleichstellung. Und trotzdem geht es nur im Zeitlupentempo voran. „Bringt die Schildkröte in den Zoo und kauft euch ein Pferd“, hat die Medienjournalistin Silke Burmester den rund 260 Journalistinnen empfohlen, die kürzlich zur DJV-Veranstaltung „Frau Macht Medien“ gekommen waren. Der journalist dokumentiert die Rede.

von Silke Burmester

Das Stichwort ist „Wendy“. Wendy, das Pferdemagazin. Oder auch die Geschichten von Bibi und Tina – in den letzten Jahren unglaubliche Kinoerfolge unter der Regie von Detlev Buck. Es ist der Mädchentraum vom Leben mit Pferd. Vom wilden Ritt auf seinem Rücken und dem aufregenden Odeur von Abenteuern.

Das Sujet des Pferdemädchens, in dem Mädchen im Alter zwischen acht und zwölf große Abenteuer erleben, in denen sie meist zusammen mit einer Freundin die häuslichen Grenzen verlassen, um durch die Natur zu galoppieren, und in der Wildnis dafür sorgen, dass das Gute leuchten kann, ist einer der wenigen Räume, in denen Mädchen das Wildsein gestattet wird.

Mädchen mit Pferden – das sind die, denen es zugesprochen wird, die  allgegenwärtige Aufsicht zu verlassen, unbekanntes Terrain zu erkunden und die am Ende des Ritts zerzaust aussehen. Die Haare struppig, vielleicht auch ein Stück Zweig, ein Blatt darin, das T-Shirt oder die Jeans vom Draht eines Zaunes, den es zu überwinden galt, kaputt.  

Der wilde Ritt, das Überspringen von Zäunen und Grenzen, der Wind der Geschwindigkeit der an den Ohren kitzelt, ist der Traum vieler Mädchen – und wenn sie dann zwanzig oder dreißig oder vierzig Jahre später Journalistin sind und sich zu einer Veranstaltung wie dieser hier einfinden, dann müssen sie, dann müssen wir feststellen, dass wir doch wohl eher eine Schildkröte unter dem Hintern haben, denn einen Gaul. Wenn wir von individuellen Erfolgen innerhalb unserer Positionen absehen, müssen wir feststellen, dass unser Kampf um Gleichstellung in unserem Beruf doch eher in Zeitlupe vonstatten geht.

Gemächlich, sehr gemächlich bewegen wir uns auf das zu, was völlig normal sein sollte: Die Hälfte aller Posten und Positionen besetzen zu können, auf allen Ebenen der Hierarchie. Unser Ritt ist so langsam, so gemütlich und einlullend, dass wir mitunter ganz schläfrig werden und vergessen, weswegen wir uns nochmal aufgemacht haben. Und erst, wenn wir den Kopf heben, und in der Ferne unter dem Banner „Macht, Prestige, Geld“ diesen Klüngel Männer ausmachen, der sich bestens gelaunt und lachend auf die Schultern klopft, fällt es uns wieder ein: Ach ja, wir wollten doch auch die Möglichkeit haben, uns in Führungspositionen zu beweisen. Und auch die, darin zu scheitern. Gleichberechtigung und Gleichstellung bedeutet ja nicht nur, dass Frauen ebenso toll sind und glanzvoll agieren wie Männer. Nein, es bedeutet auch, dass wir die Möglichkeit bekommen, genau so beknackt zu sein, wie sie. So zu scheitern wie sie. Nicht erfolgreich zu sein. Ein Unternehmen gegen die Wand zu fahren. Auf die Verführungsmacht von Prestige versprechenden Autos, Uhren und Textilien hereinzufallen. Und im Wahn um Anerkennung und Geltungssucht die eigenen Grenzen zu missachten und einen Herzkasper zu bekommen.

Es geht aber auch um die Möglichkeit, diese von Männern definierte Welt, ihre Gesetze, Regeln und Mechanismen zu hinterfragen und wohlmöglich zu verändern. Andere Strukturen zu finden, in denen Arbeit nicht nur dann gut genug ist und Anerkennung erntet, wenn sie mit Gesundheitsgefährdung und Negierung privater und familiärer Interessen und Verantwortung einhergeht.

„Lernt, aufmüpfig zu werden und Forderungen zu stellen. Organisiert euch.“
 

Und natürlich wollen wir für unsere Arbeit ebenso häufig mit Preisen ausgezeichnet werden wie Männer. Und nicht komischerweise irgendwie nie gut genug sein, so dass auf dem Gruppenfoto der Sieger beim Reporter- oder Nannen-Preis die Frauen mit dem Ausruf bedacht werden: „Hier, hier ist eine!“

Ein engagierter Beobachter und Dokumentar der Umstände ist der Verein ProQuote Medien. Seit seiner Gründung vor gut fünf Jahren dokumentieren die dort engagierten Frauen wie viele der Führungspositionen innerhalb der Redaktionen mit Frauen, besetzt sind. Und machen Druck. Druck über die Öffentlichkeit, Druck in den Verlagen und Funkhäusern. Ich bin Mitglied bei ProQuote Medien, das soll der Transparenz halber gesagt werden, und ich weiß, es tut sich was. Nicht nur faktisch, auch was die Haltung gegenüber Frauen in Führung anbelangt, aber eben nur sehr langsam. Schildkrötenlangsam.

Warum haben wir das Gefühl, das, was uns in diesem Kampf trägt, ist eine große, weise, beharrliche und leider extrem langsame Riesenschildkröte, aber kein feuriger Araber?

Warum sind die Ergebnisse so bescheiden? Denn das sind sie. Sie sind bescheiden und peinlich. Denn wir kämpfen ja nicht erst seit fünf Jahren. Wenn man sich so unterhaltsame Fernsehserien wie „Zarah“ oder „Good Girls Revolt“ anguckt, die die Verhältnisse in den Redaktionen in den 1970er Jahren abbilden, dann wird klar: Wir kämpfen seit damals. Seit bald 50 Jahren. Um Aufstieg, Macht und Geld – am Ende des Tages aber einfach darum, ernst genommen zu werden. Und teilhaben „zu dürfen“.

Darum geht es. Egal, wer sich für Frauen in Führungspositionen oder Gleichstellung im Beruf einsetzt, dafür, dass auch Frauen die relevanten Themen im Journalismus besetzen, – es geht immer darum, dabei sein „zu dürfen“. Nicht länger außen vor zu bleiben.
Ich finde das erbärmlich. Erbärmlich und beschämend.
Nicht nur für uns.

Die Frage ist natürlich, woran es liegt, dass wir noch immer von Gottes Gnaden abhängig sind? Von der Frage, ob die Männer so nett sind, uns ein wenig Platz einzuräumen?

Liegt es an den Männern, die halt einfach nicht nett sind? Die einfach keine Lust haben, freiwillig auf Privilegien, Ansehen, Macht, Status und Geld zu verzichten?

Oder liegt es vielleicht auch an uns, die wir zu mädchenhaft sind? Immer noch zu rosa-rot? Die wir nicht gelernt haben anzuecken? Die wir immer noch Angst haben, uns unbeliebt zu machen? Die wir doch so viel lieber gelobt werden möchten, weil wir so beflissen sind, alles richtig zu machen? Die wir insgeheim am liebsten am Ende des Monats das Fleißkärtchen vorlegen würden, um uns einen schönen Blumenstempel abzuholen, oder einen mit Schmetterlingen.

Natürlich gibt es auch ein paar andere. Frauen, die sich engagieren, die den Mund aufmachen und das Risiko eingehen, sich unbeliebt zu machen. Aufzufallen, anzuecken. Frauen, die ihre Zeit und ihre Kraft dafür verwenden, dass sich etwas ändert. Die diesen Kongress hier organisieren oder im Journalistinnenbund aktiv sind, bei den Digital Media Women, Pro Quote gründen oder wegen ungleicher Bezahlung gegen ihren Arbeitgeber klagen, wie Birte Meier gegen das ZDF.

Was aber ist mit den anderen? Warum sind sie so stumm? Warum so verhalten? Wie kann es sein, dass die „Süddeutsche Zeitung“, wo wir heute zu Gast sind, momentan gefühlt fast täglich die geschlechtsbedingte Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft benennt und darüber berichtet, es aber im eigenen Hause überhaupt nicht hinbekommt, die Verhältnisse jenseits von kosmetischen Maßnahmen zur Glättung eines altertümlichen Erscheinungsbildes zu ändern? Folgt man dem Impressum des gedruckten Blattes, so sieht es bei der „Süddeutschen“ so aus: 8 Ressortleiterinnen stehen drei Herren in der Chefredaktion und 23 Ressortleiter und übergeordnete Verantwortliche gegenüber. Und ich denke, wir wären mehr als naiv, wenn wir annähmen, die Ressortleiterinnen bekämen das gleiche Gehalt wie ihre männlichen Kollegen.

Warum lassen sich die hier arbeitenden Frauen das gefallen?
Warum ist der Geschäftsführung der Widerspruch zwischen formuliertem Anspruch und Realität nicht so peinlich, dass sie die Herrschaft hier im Hause aufbricht und beendet?

Wir Frauen sprechen von der Hoffnung, „dass sich was ändert“. Wir warten drauf, „dass sich was ändert“. Manche von uns tun etwas dafür „dass sich was ändert“. Aber was bitte, ist das „was“???

Ja, wir wollen, dass sich die Umstände ändern. Tatsächlich aber wollen wir, dass sich die Männer ändern. Die Männer sollen es uns ermöglichen, auch Karriere zu machen, auch die relevanten Stücke zu schreiben und auch die Führungspositionen einzunehmen, um über die Inhalte zu bestimmen. Pro Quote formuliert ihr Vorgehen sehr hübsch: „Wir trommeln so lang, bis uns auch der letzte Chefredakteur hört!“

„Sagt nie eine Podiumsanfrage ab, ohne eine andere Frau zu empfehlen.“
 

Nun denke ich mir, Chefredakteure sind ja nicht taub. Es sei denn, sie sind wirklich uralt. Aber in der Regel sind sie es nicht. Die können hören und lesen. Die können auch intellektuell begreifen, was wir wollen. Aber versetzt euch doch nur einmal in ihre Lage. Oder in die Lage derer, die Dank ihres Geschlechts die Posten besetzen. Die sehen eine Gruppe anderer, und die anderen, die Frauen, sagen: Ich will dahin, wo du bist. Gib mir deinen Stuhl, gib mir deinen Platz. Gib mir deine Macht. Deine Befugnisse. Verzichte auf Prestige und Anerkennung, denn die will ich jetzt haben.
Würden wir da freiwillig sagen: Ja, klar! Komm, nimm! Ich hab‘ dann mal weniger!

Haben wir unsere Wohnungen geräumt, als die Flüchtlinge vor der Tür standen und sind in die Container gezogen? Nein. Es wäre uns auch nicht eingefallen.

Aber genau das verlangen wir. Freiwilligen Verzicht. Noch dazu auf das, was für viele das Tollste überhaupt ist: Macht, Prestige, Geld.

Wir waren sehr naiv, als wir dachten, wir müssten nur klarmachen, wie ungerecht das Ganze ist, und dann würden schon die Stühle für uns frei werden. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, und ich meine die jüngste Vergangenheit, nicht die gesamten 50 Jahre, dass es wichtig und richtig war, laut zu sein, Krawall zu machen. Zu sagen: Jetzt reicht es! Jetzt ist Schluss!
Aber ich glaube auch, dass wir rauskommen müssen aus der Situation, in der wir und die Gesamtlage von der Gönnerhaftigkeit Einzelner abhängen.

Als Pro Quote anfing, Krawall zu machen, war die „Zeit“ ein Medienhaus, das quasi sofort reagiert hat. Mehr oder weniger augenblicklich wurde eine Frau in die Chefredaktion berufen und das Ressortleitersystem umgebaut. Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass Giovanni di Lorenzo das getan hat, weil ihm nach Jahrzehnten der Zusammenarbeit mit Frauen auf einmal aufgefallen ist, dass ihre Fähigkeiten durchaus ausreichen, um Verantwortung zu übernehmen. Nein, ich denke, die „Zeit“ hat aus Imagegründen so gehandelt. Es gibt ja keine wirkliche Notwendigkeit, Frauen Verantwortung zu übertragen. Der einzige Grund ist der, zu begreifen, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, Frauen draußen zu lassen.

Auch andere Verlage haben reagiert. Und haben ganz vorsichtig an der einen oder anderen Stelle mal eine Frau auf einen Führungsposten gesetzt. Aber nur, wenn es keine zu großen Veränderungen bringt. Also kamen die Frauen, die nun was zu sagen hatten, vor allem in den weichen Ressorts Gesellschaft, Kultur, Panorama zum Sitzen. Und wenn in der Politik oder der Wirtschaft, dann natürlich in der Doppelspitze. Mann, Frau – für die Ausgewogenheit.

Was bleibt, ist das Moment des Wohlwollens. Jemand muss Einsicht haben. Verständnis. Verständnis dafür, dass es nur fair ist, Frauen auch Macht zu geben. Oder eben zeitgemäß.

Ich finde das schlimm. Es geht nicht um Wohlwollen und auch nicht um Verständnis. Es geht um eine Selbstverständlichkeit. Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, dass eine Frau einen Führungsposten bekommt, oder die relevante Story. Kein Kalkül und keine Beruhigungsmaßnahme. Dass wir da überhaupt noch drüber reden müssen, empfinde ich als ungeheuer beschämend.

Aber ich glaube, es gibt eine Lösung. Einen Hebel.
Denn unsere Schildkröte ist nicht allein. Sie wird begleitet von einem Esel. Es ist der Esel „Equal Pay“. Der trottet neben ihr her. In typischer Esels-Dusseligkeit. Lahm, Kopf gesenkt. Auf seinem Rücken die Last der Ungerechtigkeit. Manchmal bleibt er ohne ersichtlichen Grund stehen und geht keinen Schritt weiter. Dann kann man schubsen und ziehen, der will nicht. Ihm gilt es jetzt Beine zu machen. Beziehungsweise die Last abzunehmen und auf ein Motorrad zu packen.

Es ist momentan noch schwierig, an Zahlen zu kommen, was die Bezahlung von Journalistinnen und Journalisten in Deutschland betrifft. Freie Journalistinnen verdienen, so zeigen es Erhebungen der Künstlersozialkasse, rund 25 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Das heißt jedoch nicht automatisch, dass sie für dieselbe Arbeit schlechter bezahlt werden. Es kann auch einfach bedeuten, dass sie vor allem zu Themengebieten arbeiten, die weniger lukrativ sind. Auch darüber gilt es zu sprechen.

In der Vorbereitung auf diesen Vortrag habe ich Henrike von Platen angerufen, die gleich zum Thema „Equal Pay“ auf dem Podium sitzt. Sie hat mich auf eine großartige Einrichtung der britischen Regierung aufmerksam gemacht, der Homepage des „Gender Pay Gap Service“. Alle Unternehmen sind verpflichtet, dort die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen auszuweisen. Demnach bekommen die Frauen, die bei der „Financial Times“ arbeiten, 24,4 Prozent weniger als die Männer, wird ein Bonus ausgezahlt, so ist dieser um 37,9Prozent geringer. Arbeiten Frauen bei der „Times“, verdienen sie 26,8 Prozent weniger und ihr Bonus fällt um 41 Prozent geringer aus. Bei der BBC ist das Gehalt von Frauen um 18,9 Prozent geringer und der Bonus um 33,9 Prozent. Die geringste Differenz hat die Stichprobe beim „Guardian“ ergeben, dort sind es 11,3 Prozent weniger Gehalt und 1,1 Prozent weniger Bonus.

Als einziges deutsches Medienunternehmen habe ich den Bauer-Verlag finden können. Er zahlt Frauen in Großbritannien 13,6 Prozent weniger Lohn und der Bonus fällt 34,9 Prozent geringer aus.

So, und jetzt stellen wir uns einmal vor, so eine Website gäbe es in Deutschland! Und wir denken an Dickschiffe der Dick-Eier-Kultur. An den „Spiegel“, die FAZ, das „Manager Magazin“, die „Süddeutsche Zeitung“, die „Zeit“, den „Stern“, „Geo“. Aber auch an die „Rheinische Post“, das „Hamburger Abendblatt“, den „Münchner Merkur“.

Die Vorstellung, dass diese Häuser offenlegen müssten, in welchem Ausmaß sie Frauen für die gleiche Arbeit und die gleiche Position weniger zahlen als Männern, entzündet augenblicklich ein Feuerwerk der Freude. Sollte irgendeines der genannten Häuser zu Unrecht genannt sein, bitte ich um Entschuldigung – aber wie wahrscheinlich ist das!?? Wie wahrscheinlich ist es, dass auch nur eine Redaktion darunter ist, die Männer nicht besser behandelt als Frauen? Ich wage zu behaupten: Die Wahrscheinlichkeit geht gegen Null.

Ich glaube, in dieser schreienden Ungerechtigkeit, in dem Sachverhalt, dass Männer für dieselbe Tätigkeit, für dieselbe Position in vielen Fällen mehr Geld bekommen, liegt eine große Chance für unseren Kampf um Gleichstellung in unserem Beruf. Aber auch in anderen Sparten. Denn für den Umstand, DASS dem so ist, gibt es keine Rechtfertigung. Es gibt keine plausible Erklärung dafür, dass von zwei Menschen, wenn sie den gleichen Beruf ausüben und die gleiche Position bekleiden, der eine mehr Geld bekommt, bloß, weil er einen Penis hat und Brusthaar.

Vielleicht ist dies das Stichwort. „Brusthaar“. Vielleicht sollten wir es den „Brusthaarkampf“ nennen und die Frage stellen, warum Haare auf der Brust ausreichen, um jemandem mehr Geld zu zahlen.
Die Fernsehkollegin Birte Meier ficht gerade vor Gericht diesen Kampf aus. Das ZDF hat ihr über Jahre weniger gezahlt als ihrem männlichen Kollegen. Dem, mit den Haaren auf der Brust. Die Windungen, die auch das Gericht bemühte, um die Praxis zu rechtfertigen, sind abenteuerlich und führten zu einer Ablehnung von Meiers Klage gegen das ZDF wegen Diskriminierung.
Auch wurde die Einsicht in die Gehälter der Kollegen, die der gleichen Tätigkeit nachgehen, abgelehnt.

„Ich glaube, Equal Pay könnte das große, relevante Thema der nächsten Jahre werden. Und ein Instrument, um die Gleichbehandlung von Frauen und Männern und die Chancengleichheit voranzutreiben.“
 

Das seit Januar geltende Entgelttransparenzgesetz macht es kaum besser: Nur Betriebe ab einer Größe von 200 Mitarbeitern müssen Einsicht gewähren. Und das auch nur, wenn dort mindestens sechs Personen des anderen Geschlechts arbeiten, die eine ähnliche Tätigkeit ausüben, wie der Antragsteller beziehungsweise die Antragstellerin. Obschon diese irrwitzige Voraussetzung die Absicht schwächt, dürften ein paar für uns interessante und relevante Kandidaten dabei sein: der „Spiegel“ etwa, der „Stern“, das ZDF.

Ich glaube, „Equal Pay“ könnte das große, relevante Thema der nächsten Jahre werden. Und ein Instrument, um die Gleichbehandlung von Frauen und Männern und die Chancengleichheit voranzutreiben. Denn beim gesetzlich festgeschriebenen Anspruch auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit gibt es die Chance, sich aus dem Bereich der Gönnerhaftigkeit herauszubewegen. Geld ist eine objektive Größe. Die Summe, die jemand verdient, die Boni, die gezahlt werden, müssen nichts sein, das ein Chefredakteur nach Sympathie und Tagesform festlegt. Sie sind etwas, das sich festschreiben ließe, um eine Arbeit zu vergüten, unabhängig von der Frage, ob der, der sie ausführt, Brusthaar hat.

Ich glaube, nach diesen letzten Jahren der Sensibilisierung, nach dem „Es reicht!“, kann es ein Weg sein, mit der Forderung nach Regelungen weiterzumachen. Zu versuchen, dem Wildwuchs männlicher Willkür Regeln und Gesetze entgegenzustellen. Leider ist das Entgelttransparenzgesetz in seiner jetzigen Form ziemlich nutzlos, also müssen wir für eine Nachbesserung kämpfen. Wir brauchen wie in Großbritannien die Verpflichtung für Unternehmen ihren Pay Gap sichtbar und für alle einsichtig zu machen. Vielleicht müssen wir eine Schäm-Dich-Kampagne starten, um dem Image von Unternehmen zu schaden, die Frauen als Menschen zweiter Klasse betrachten. Wir müssen erreichen, dass Frauen für Unternehmen, die ihnen nicht das volle Gehalt zahlen, nicht arbeiten.

Die Debatte um „Equal Pay“ kommt zu einer guten Zeit. Noch nie waren Frauen so hoch qualifiziert. Noch nie waren so viele Frauen so hoch qualifiziert. Noch nie gab es so viele Frauen, die sich und ihr Leben so selbstverständlich selbst finanzieren. Noch nie gab es so viele Frauen, die wissen, dass sie nicht schlechter sind als Männer.

Wenn es gelingt, die himmelschreiende Verachtung, die in der ungleichen Bezahlung liegt, zum Thema zu machen, werden die anderen Themen nachrücken. Frauen, die das gleiche Geld bekommen wie Männer, wird man auch auf die gleichen Posten setzen. Man wird Journalistinnen die relevanten Themen geben, die Studioleitung, den Recherchepool ganz selbstverständlich mit ihnen besetzen.

Das heißt aber auch, dass wir Frauen in die Hufe kommen müssen. Wir müssen von unserer Schildkröte absteigen, die uns so schön gemütlich durch die Gegend schunkelt. Wir müssen uns etwas Rasanteres suchen. Dafür müssen viele von uns noch ihre Angst ablegen. Manche die vor Geschwindigkeit, andere die, sich zu zeigen.

Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir viele sein. Wir sollten uns überlegen, ob es nicht klug wäre, die verschiedenen ProQuote-Verbände, die es mittlerweile gibt, in einer Dachorganisation zu vereinen. Allein der Zahl wegen. Und der Macht einer großen Organisation.

Wir müssen präsent sein. Wir müssen auf Podien gehen und uns einmischen. Wenn ihr davor Angst habt, macht ein Training. Lernt, auf der Bühne zu stehen und ins Mikro zu sprechen. Schickt eure Eltern in die Wüste, die euch beigebracht haben, ein liebes Mädchen zu sein. Ein fleißiges. Eines, das sich einfügt. Legt die Sprüche ab: „Du brauchst das nicht.“ „Dein Bruder kann das besser.“ Und den hübschen: „Und das soll gut sein?!?“

Lernt Verhandeln. Sagt nicht nein, wenn ein Experte gesucht wird. Nehmt Einfluss auf die Inhalte der Journalismus-Tagungen, in dem ihr Themen einreicht.

Fordert Diskussionen ein. Über Equal Pay, über den Mangel weiblicher Führungskräfte, über die Kriterien, nach denen Jurys Texte und Fernsehproduktionen bewerten. Dass wir kaum Preise bekommen, liegt nicht an uns. Es liegt an den Strukturen.

Lernt, aufmüpfig zu werden und Forderungen zu stellen. Organisiert euch. Veranstaltet Workshops zum Reden auf der Bühne, zum Unterbrechen von Mansplainern. Zum Verhalten in Meetings. Geht in den Wald und schreit. Und sagt nie eine Podiumsanfrage ab, ohne eine andere Frau zu empfehlen.

Bringt die Schildkröte in den Zoo und kauft euch ein Pferd. Einen Wallach. Nennt ihn „Wendy“.

Weitere Informationen zum Thema und zum diesjährigen DJV-Journalistinnenkongress „Frau Macht Medien“ finden Sie auf der Website des DJV unter der Rubrik Info/Chancengleichheit & Diversity.

Die Redaktion - 9.5.2018