„Im Idealfall werden wir zur Versicherung“

Im November ging Forbidden Stories an den Start: Die kleine Investigativredaktion unterstützt Journalisten, die wegen ihrer Recherchen bedroht werden. Bastian Obermayer, Investigativjournalist der Süddeutschen Zeitung, berät das Team.

Interview von Catalina Schröder

journalist: Herr Obermayer, was genau steckt hinter Forbidden Stories?
Weltweit werden jeden Tag Journalisten bedroht, ins Gefängnis gesteckt oder umgebracht, weil sie Geschichten recherchieren, die ihren Regierungen oder anderen mächtigen Menschen nicht gefallen. Diese Reporter können uns in einem Onlinesafe Material zu ihrer Recherche hinterlassen und eine Anweisung, unter welchen Umständen wir ihre Arbeit fortsetzen sollen. Wir werden aber auch selbst aktiv. Beispielsweise wenn jemand ermordet wurde und wir seine Recherchen so wichtig finden, dass wir sie fortsetzen.

Wer hatte die Idee dazu?
Der französische Journalist Laurent Richard. Wir haben uns vorletztes Jahr kennengelernt. Ich fand die Idee toll, so einfach und überzeugend, wir haben oft daran herumgedacht und sogar gemeinsam versucht, Geldgeber zu überzeugen. Ich bin dafür allerdings eher weniger begabt.

Wie wird das Projekt finanziert?
Laurent konnte das Omidyar Network, die Stiftung von Ebay-Gründer Pierre Omidyar, überzeugen, für zwei Jahre jeweils 250.000 US-Dollar zur Verfügung zu stellen. Momentan arbeiten zwei hauptamtliche Kollegen sowie Laurent Richard selbst in Teilzeit für Forbidden Stories. Ich stehe zur Verfügung, ohne Bezahlung, wann immer sie meinen Rat wollen. In die Recherche steige ich aber nur ein als Rechercheur der SZ.

Im November ist das Projekt gestartet: Wie wird es angenommen?
Die Kollegen um Laurent haben erste kleine Geschichten aus Mexiko aufgegriffen. Zu den Details, wie viele Journalisten sich an Forbidden Stories gewandt haben, möchten wir aber lieber nichts sagen. Wir wollen einerseits, dass das Projekt in Journalistenkreisen bekannt wird, andererseits wollen wir Regierungen und Machthaber in weniger demokratischen Ländern auch nicht zu sehr auf uns aufmerksam machen. Das ist ein Balance-Akt.

Wie setzen Sie die Recherchen von Kollegen fort?
Damit das möglich ist, muss derjenige seine Arbeit ja sehr genau dokumentiert haben. Klar, es wird nicht einfach. Wir versuchen, an möglichst viele Quellen zu gelangen, die er oder sie genutzt hat, und sprechen im Idealfall mit Informanten. Aber es wird Fälle geben, in denen wir scheitern werden.

Wenn die Recherche für einen Kollegen gefährlich war, dürfte sie auch für einen Reporter von Forbidden Stories nicht ungefährlich sein.
Bevor wir uns einer Geschichte annehmen, versuchen wir abzuschätzen, wie gefährlich die Recherche werden könnte. Wenn jemand versucht hat, mehr über ein nordkoreanisches Gefangenenlager herauszufinden, werden wir das sicher nicht fortführen. Aber es macht hinsichtlich der Gefährdung schon einen Unterschied, ob ein deutscher Journalist von hier aus über Erdogan recherchiert, oder ob das ein türkischer Kollege in der Türkei macht.

Was glauben Sie, wie sich Forbidden Stories entwickelt?
Bevor wir eines Tages vielleicht großen Zulauf bekommen, müssen wir uns Vertrauen erarbeiten. Dafür müssen die Leute erste Ergebnisse von größeren Recherchen sehen, und das dauert sicher noch. Im Idealfall sind wir eines Tages eine Art Versicherung für Reporterinnen und Reporter in Gefahr – nämlich dann, wenn Regierungen oder andere mächtige Personen wissen, dass sie gewaltsam zwar eine missliebige Journalistin oder einen unangenehmen Journalisten stoppen können, nicht aber die Geschichte. Weil die Recherchen im Zweifel von Forbidden Stories fortgeführt werden – und am Ende vielleicht mehr Aufmerksamkeit bekommen als die ursprüngliche Geschichte, da Forbidden Stories kollaborativ arbeitet und die Recherchen weltweit teilt. 

Die Redaktion - 7.3.2018