„Darum mache ich mit“

Bilder: von links oben nach rechts unten.

In vielen Medienbetrieben setzen sich Journalisten für die Interessen ihrer Kollegen ein. Der journalist stellt einige vor, die bei den Betriebsratswahlen im März kandidieren wollen.

Umfrage von Monika Lungmus

„Dialog statt Disput“
Ulf Vogler, dpa-Büro Augsburg
Er ist 49 Jahre alt, seit 2010 im Betriebsrat sowie Mitglied der dpa-Tarifkommission im DJV.
Dialog statt Disput ist bei der Betriebsratsarbeit innerhalb der dpa durchaus erfolgreich. Die meisten leitenden Mitarbeiter des Unternehmens schätzen nach meinem Empfinden die Zusammenarbeit mit den Vertretern der Belegschaft. In den Gesprächsrunden werden dann oft gute Lösungen für Probleme gefunden. Wenn es doch einmal einen Konflikt gibt, gelingt eine Einigung im zweiten Anlauf. Die Betriebsratsarbeit ist nicht vergnügungssteuerpflichtig, aber sie erweitert auch den persönlichen Horizont. Deswegen kandidiere ich noch einmal.


„Teil der Mannschaft“
Matthias Zimmermann, Saarbrücker Zeitung/Pfälzischer Merkur
Er ist 47 Jahre alt und seit 16 Jahren Betriebsrat beim Pfälzischen Merkur, davon zwölf Jahre als Vorsitzender/Einzelbetriebsrat.
Was passiert, wenn der Laden dichtmacht? Ohne Betriebsrat kein Sozialplan. Was geschieht in tariflosen Unternehmen ohne Betriebsrat? Jeder handelt für sich den Verdienst mit dem Chef aus. Es bedarf keiner Horrorszenarien, um das verbriefte Recht auf ein von der Belegschaft gewähltes Mitbestimmungsgremium vor Augen zu führen. Es vertritt deren Interessen gebündelt und damit gestärkt gegenüber der Verlags-/Geschäftsleitung. Nicht als geborener Feind derer, sondern als Mittler. Wer mit einer Kandidatur zaudert: Betriebsräte sind Teil der Mannschaft, nehmen somit auch ihr eigenes Schicksal in die Hand.


„Große Lust“
Stephanie Weltmann, Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Sie ist 32 Jahre alt und kandidiert das erste Mal für den Betriebsrat.
Vor meiner Entscheidung habe ich mich genauer über die Betriebsratsarbeit informiert, mit Arbeitnehmervertretern gesprochen und festgestellt: Je mehr ich über die konkrete Arbeit eines Betriebsratsmitglieds erfahren habe, desto mehr Lust habe ich bekommen, mich in diesem Bereich auch zu engagieren. Die Interessen meiner Kollegen zu vertreten, Ansprechpartner für sie zu sein, das ist mir ein wichtiges Anliegen.


„Auch Kleinigkeiten sind wichtig“
Marc Härthe, Radio Köln
Er ist 42 Jahre alt, wurde im Juli 2016 ins Amt des Betriebsrats gewählt und kandidiert nun das erste Mal an einem regulären Wahltermin.
Bevor ich Betriebsrat wurde, habe ich mir ehrlich gesagt kaum Vorstellungen davon gemacht, wie wichtig betriebliche Mitbestimmung ist. Welche Möglichkeiten sich auftun, um das Arbeitsleben der Kollegen auf die unterschiedlichsten Arten zu verbessern. Wenn es um Arbeitszeiten oder Urlaubsregelungen geht – aber auch bei vermeintlichen Kleinigkeiten wie einer Schlafcouch für Redakteure, die nachts noch arbeiten. Neben dem Verbessern von Arbeitsbedingungen geht es bisweilen auch darum, Erreichtes zu bewahren – auch um das hohe Engagement unserer Redakteure zu würdigen und die hohe Qualität des „Produkts“ Radio Köln sicherzustellen. Dafür möchte ich mich als Betriebsrat weiter gerne einsetzen.


„Für jeden einzelnen“
Katrin Fehr, Donaukurier
Sie ist 50 Jahre alt und kandidiert zum fünften Mal für den Betriebsrat, seit 2010 ist sie Betriebsratsvorsitzende.
Ich kandidiere für den Betriebsrat, weil bei vermeintlichem Spardruck, Umstrukturierungen und den Herausforderungen der Digitalisierung Arbeitnehmerrechte oft missachtet werden. Weil es noch zu wenige Verleger, Geschäftsführer oder Abteilungsleiter gibt, die verstanden haben, dass nur zufriedene und motivierte Mitarbeiter das Unternehmen langfristig vorwärtsbringen. Mit Mitgliedern aus allen Abteilungen ist der Betriebsrat ein integrierendes Forum und ein starkes Korrektiv. Das Gremium kann vermittelnd, moderierend und gestaltend mit der und für die Belegschaft tätig sein. Mir ist es wichtig, dass der Betriebsrat jeden einzelnen Kollegen unterstützen kann.


„Beruf und Familie vereinbaren“
Katja Schmidberger, Thüringer Allgemeine
Sie ist 44 Jahre alt und kandidiert zum zweiten Mal für den Betriebsrat.
Gute Arbeitsbedingungen wachsen nicht einfach auf Bäumen. Auf Augenhöhe mitzubestimmen heißt, seine Rechte und Pflichten zu kennen und zu wissen, wie ich als Mitarbeitervertreter agieren kann. Ich will mich nicht nur für gute Arbeitsbedingungen im Allgemeinen einsetzen, sondern zudem versuchen, Probleme und Fragen von Kollegen zu klären. Als Mutter eines Sohnes ist es mir auch wichtig, dass gut ausgebildete Journalistinnen die Möglichkeit haben, ihren Beruf auszuüben und trotzdem genügend Zeit für die Familie zu haben. Hier gibt es Nachholbedarf. Ich kandidiere auch für den Betriebsrat, weil ich dafür streiten will, dass gute Ausbildung von Redakteuren auch weiterhin angemessen bezahlt werden muss.


„Auf Augenhöhe“
Ruth Gerbracht, Weser-Kurier
Sie ist 61 Jahre alt, seit 2002 im Betriebsrat, seit 2012 als Vorsitzende.
Betriebsratsarbeit ist nicht immer einfach – und dennoch macht sie großen Spaß. Ich habe enorm viel gelernt. Nicht nur auf fachlicher Ebene, auch in Richtung Zusammenarbeit, gemeinsame Stärken entwickeln, Sozialkompetenz. Dazu gehört unter anderem auch eine erfolgreiche Gesprächsführung mit schwierigen Partnern, die einem meist auf der Verlagsseite gegenübersitzen. Das hat mir eine Menge Respekt eingebracht beim Arbeitgeber. Gespräche finden mittlerweile auf Augenhöhe statt – auch bei den üblichen Streitigkeiten. Und das Engagement als Betriebsrat, sich für die Kollegen einzusetzen, verschafft mir eine große Zufriedenheit. Nicht alles dem Arbeitgeber zu überlassen, sondern selbst mitgestalten, ist ein hohes Gut, das wir nicht aus der Hand geben dürfen. Ein großer Erfolg war sicherlich die Arbeitszeiterfassung in der Redaktion 2013. Es hat viel Mühe gemacht, sie durchzusetzen, wir alle mussten jede Menge Widerstand ertragen.


„Jetzt erst recht“
Gunter Becker, Nordbayerischer Kurier
Er ist 59 Jahre alt, seit 1998 im Betriebsrat und seit 2008 Betriebsratsvorsitzender.
Mal wieder nicht angemeldete Überstunden hier, Probleme mit der Urlaubsgenehmigung dort: Die Themen, mit denen sich der Betriebsrat beschäftigen musste, waren all die Jahre überschaubar. Die Einhaltung der Tarifverträge in den einzelnen Abteilungen stand im Fokus der Betriebsratsarbeit. Seit dem Verkauf der Mehrheitsanteile gehört der Nordbayerische Kurier zum Konzern SWMH. Der fackelte nicht lange: Nach dem Betriebsübergang hieß die Devise: Synergien nutzen – was nichts anderes bedeutete als Arbeitsplatzabbau. Erstmals und hoffentlich letztmals musste der Betriebsrat einen „Sozialplan Restrukturierung“ verhandeln. Bei allem Engagement und juristischer Unterstützung zeigte sich, wie begrenzt die Möglichkeiten sind, wenn David gegen Goliath kämpfen muss. Dann muss man die Erfahrung machen, dass trotz aller Betriebsverfassungs- und sonstiger Gesetze der Arbeitnehmer die schlechteren Karten hat. Dann schlägt Enthusiasmus schon mal in Enttäuschung um. Trotzdem oder jetzt erst recht werde ich wieder kandidieren.


„Mischt euch ein!“
Erdmann Hummel, Nachrichtensender Welt (früher: N24)
Er ist 54 Jahre alt, seit 2010 im Betriebsrat und seitdem auch Vorsitzender, seit 2014 auch stellvertretender Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats.
Leute mischt euch ein! Das empfehle ich jedem, der Sorge hat, ob er in Zukunft noch mit Journalismus sein Geld verdienen kann. Als Betriebsrat möchte ich auch in Zukunft die Mitbestimmungsrechte voll ausschöpfen. Deshalb kandidiere ich. Bei der Umstrukturierung von N24 im Jahr 2010 verloren 100 Kolleginnen und Kollegen ihren Job. Unser Betriebsrat verhandelte hart und konnte damals durch einen soliden Sozialplan die schlimmsten Nachteile für die Betroffenen ausgleichen. 2019 wird unser Nachrichtensender ins neue Axel-Springer-Gebäude einziehen. Aus Zeitung, Onlineredaktion und TV sowie Bewegtbild entsteht hier etwas Neues. Dieser Umgestaltungsprozess sollte für alle Beschäftigten bessere und zukunftssichere Arbeitsplätze, aber keine Nachteile bringen. Auf meine volle Freistellung als Betriebsratsvorsitzender habe ich verzichtet. Vier Tage in der Woche arbeite ich als Redakteur und bin so dicht an den Problemen meiner Kollegen dran.

Die Redaktion - 7.3.2018