Wie Zeitungen Podcasts machen

Podcast-Boom: Wir haben uns die Nachrichten-Podcasts einiger Verlagshäuser genauer angehört. (Foto: journalist)

Im vergangenen Jahr haben hierzulande viele große Verlage eigene Podcasts herausgebracht. Der journalist zeigt, wer wann welches Format gestartet hat, worüber dort geredet wird – und wie sich das anhört.

von Kathi Preppner

„Wir sind spät dran“, gab Chefredakteur Jochen Wegner zu, als er im vergangenen September die Podcasts von Zeit Online vorstellte. Tatsächlich waren andere Medienhäuser schneller: Spiegel Online ging mit „Stimmenfang“ im März 2017 an den Start, den „Aufwacher“ der Rheinischen Post kann man sogar schon seit Oktober 2016 hören.

Damit gibt es den Podcast der Rheinländer länger als „The Daily“ von der New York Times, in dem viele das Vorbild für die Podcasts deutscher Medienhäuser erkennen wollen: Moderator Michael Barbaro lässt dort die Journalisten der Times täglich um 6 Uhr morgens aus dem Nähkästchen plaudern.
Etwa neun Monate nach seinem Start konnte „The Daily“ bereits 100 Millionen Downloads verzeichnen.

Der Journalist Philip Banse, der 2005 mit Kollegen den Podcast „Küchenradio“ schuf, findet es gut, dass nun auch etablierte Medien in Deutschland
den Podcast für sich entdecken. „Ich bin allerdings überrascht, wie amateurhaft einige dieser Podcasts produziert und präsentiert werden“, sagt Banse, der zusammen mit dem Juristen und Netzaktivisten Ulf Buermeyer auch den Politik-Podcast „Lage der Nation“ betreibt. Viele Podcasts klängen zudem wie Formatradio. „Wer mit dem Podcasten beginnt, braucht eine Weile, bis Rolle, Haltung und Format gefunden sind“, räumt Banse ein. „Das wird bei vielen der Medienhäuser nicht anders sein.“

Der journalist hat sich die Nachrichten-Podcasts einiger Medienhäuser genauer angeschaut und mit zwei Audio-Experten darüber gesprochen: mit der freien Hörfunkjournalistin Sandra Müller, die auch als Coach, Dozentin und Bloggerin in Sachen Audio unterwegs ist, und Thomas Becht, Podcast-Fan und Volontär beim Bayerischen Rundfunk. Die Hörfunk-Experten Sandra Müller und Thomas Becht haben sich die neuen Podcast-Formate der Verlage angehört. Ihr Urteil lesen Sie in der folgenden Übersicht.


„Aufwacher“ 
Rheinische Post

Der Entschluss, Podcasts zu machen, ist bei der Rheinischen Post nach Diskussionen mit Chefredakteur Michael Bröcker über die veränderte Mediennutzung entstanden. Sie seien zu dem Schluss gekommen, dass Audio der Text der mobilen Generation ist, sagt Daniel Fiene, Leiter des Audience-Engagement-Teams der Tageszeitung. Bröcker habe ihn und sein Team beauftragt, Podcast-Formate zu entwickeln. Entstanden ist der rund zehnminütige „Aufwacher“, der seit Oktober 2016 werktags gegen 7 Uhr erscheint. Moderatoren sind neben Daniel Fiene auch Henning Bulka, ebenfalls aus dem Audience-Engagement-Team, Helene Pawlitzki, in der Onlineredaktion für Düsseldorf-Themen zuständig, und Antje Seemann aus dem Video-Team. Laut Fiene erzielt der „Aufwacher“ „eine sehr gute sechsstellige Abrufzahl“, in den (leider nicht nachvollziehbaren) iTunes-Charts liegt er im Schnitt auf Platz 63, bester Platz: 20. Neben dem „Aufwacher“ gibt es von der Rheinischen Post noch die wöchentlichen Podcasts „Gut Leben“ über Gesundheit, Lifestyle und Reise, „Fohlenfutter“ über Borussia Mönchengladbach, „Die Sendung mit dem Internet“ über Netzthemen und „@Fiene und Herr Bröcker – Der Podcast mit dem Chefredakteur“.

Worüber wird geredet?
Über das, was am Tag wichtig wird, oft mit Bezug zur Region. Kollegengespräche gibt es kaum, dafür eine Wettervorhersage.

Wie hört sich das an?
„Informativ, unterhaltsam und noch dazu schön produziert“, findet Radiomacher Thomas Becht. Außerdem sei die Ansprache ziemlich nah beim Hörer. Radio-Coach Sandra Müller sagt allerdings: „Das ist für mich so nah am Lokalradio, dass ich nicht verstehe, was die Einzigartigkeit ausmacht.“


„Stimmenfang – der Politik-Podcast“
Spiegel Online

Sechs Monate vor der Bundestagswahl, im März 2017, startete Spiegel Online den Nachrichten-Podcast „Stimmenfang“. Yasemin Yüksel, Chefin vom Dienst im Videoressort, und Videoreporterin Sandra Sperber haben ihn gemeinsam entwickelt. Einmal pro Woche produzieren Yüksel und Sperber eine 20- bis 30-minütige Folge, wobei sie meistens auf die Infrastruktur von Spiegel TV zurückgreifen. Auch die Chefredaktion ist an der Konzeption beteiligt. In den iTunes- Charts lag „Stimmenfang“ im Schnitt auf Platz 78, bester Platz: 1. Auch Spiegel Online hat weitere Podcasts im Angebot: Mitte Juli 2017 erschien zum ersten Mal „Sascha Lobo – Der Debatten-Podcast“, es folgten der Technik- Podcast „Netzteil“ und der Reporter-Podcast „Hörweite“.

Worüber wird geredet?
Wie der Name schon sagt, fangen die Macherinnen O-Töne ein: von Kollegen, Experten und Wählern. Gestartet ist „Stimmenfang“ mit einer Folge, für die Yüksel mit den Absendern wütender Lesermails telefonierte. Es gibt aber auch viele Kollegengespräche.

Wie hört sich das an?
Manchmal sind die Schnitte etwas zu deutlich zu hören, findet Becht. „Aber insgesamt wird der Podcast gut moderiert, häufige Einspieler machen ihn lebhaft.“ Müller ist „ziemlich begeistert“: „Es ist auffällig, wie gekonnt die Macherinnen mit O-Tönen umgehen. Das nötigt auch Radiomachern Respekt ab.“


„Berlin Mitte“
Berliner Zeitung

Die Idee zum Podcast sei bei einem Mittagessen mit dem Geschäftsführer von DuMont Digital entstanden, erzählt Chefredakteur Jochen Arntz. Sie wollten etwas Neues machen, um die Leser an die Redaktion zu binden. Ein weiterer Chefredakteurs- Newsletter sollte es nicht sein – also ein Podcast. Arntz hat die Idee dann gleich umgesetzt. Das war im Mai 2017. Der Chefredakteur nimmt den Podcast mit Handy und Mikrofon auf, Kollegen aus der Abteilung Marketing & Business Development schneiden ihn zusammen. Jeden Freitag ab 6 Uhr ist der etwa zehnminütige Podcast dann zu hören. Die Hörerzahlen wachsen laut Arntz „ordentlich“, in den deutschen iTunes-Charts ist „Berlin Mitte“ bislang nicht gelistet.

Worüber wird geredet?
Über Geschichten aus der Zeitung und aus Berlin. Häufig wird auf Texte im Blatt verwiesen. Arntz spricht in jeder Folge auch mit Kollegen aus der Redaktion.

Wie ist es gemacht?
Für Radio-Coach Sandra Müller ist der Podcast „eher ein Monolog, der sehr minimalistisch verpackt ist“.


„Was jetzt?“
Zeit Online

Zeit Online startete im September 2017 gleich drei eigene Podcasts. Der Nachrichten-Podcast „Was jetzt?“ erscheint werktags zwischen 5 und 6 Uhr. Die Onlineredakteure Rieke Havertz, Simone Gaul und Fabian Scheler sowie die Radiojournalisten Wiebke Nauhauser und Heiko Reusch spielen ihn im Newsroom ein, hergestellt werden die etwa zehnminütigen Folgen dann von der Berliner Podcast-Produzentin Maria Lorenz. In den iTunes-Charts lag „Was jetzt?“ im Schnitt auf Platz 13, bester Platz: 1. Daneben gibt es den wöchentlichen Sex-Podcast „Ist das normal?“ und den 14-tägigen Podcast „Frisch an die Arbeit“, in dem die Macher mit Prominenten über ihr Verhältnis zum Job reden. Etwa einen Monat nach Zeit Online hat auch die gedruckte Zeit einen Podcast herausgebracht: „Die Geschichte hinter der Geschichte“. Dort erzählen Redakteure aus verschiedenen Ressorts von ihrer Arbeit und ihren Recherchen.

Worüber wird geredet?
Über die Themen, die am Tag wichtig werden. Zunächst in Nachrichtenform, später werden auch Kollegen zu verschiedenen Themen befragt.

Wie hört sich das an?
Für Thomas Becht klingen die Kollegengespräche manchmal „sehr geskripted und vorgelesen“. Sandra Müller gefallen zwar die „jungen Stimmen“, sie hört aber „einen etwas unentschlossenen Nachrichtenduktus“ und hält den Aufbau für veraltet: „So klang Radio in den frühen Privatradiozeiten.“


„Sagen, was ist“
Der Spiegel

Der Podcast des gedruckten Spiegels ist Teil eines Podcast-Angebots, das der Hörbuch- und Hörspiel-Anbieter Audible Anfang November 2017 gestartet hat. Diese sogenannten Audible-Original-Podcasts gibt es nur hinter der Bezahlschranke der Amazon-Tochter, die bis Ende 2018 einen siebenstelligen Betrag in Entwicklung und Produktion dieser bislang 24 Podcasts stecken will. Multimedia-Redakteur Olaf Heuser und Spiegel-TV-Autorin Christina Pohl moderieren „Sagen, was ist“ und planen, konzipieren und produzieren auch die einzelnen Folgen. Bei Bedarf werden sie dabei von Spiegel-TV-Chefredakteur Steffen Haug und Matthias Streitz aus der Chefredaktion von Spiegel Online unterstützt. „Sagen, was ist“ erscheint jeden Donnerstag und dauert rund 45 Minuten. Hörerzahlen gibt Audible nicht heraus.

Worüber wird geredet?
Über die Recherchen der Spiegel-Redakteure, die auch ausführlich zu Wort kommen. Begleitend zum Spiegel-Magazin geht es um Regierungskrise, ein Jahr Trump oder Geschlechterrollen.

Wie hört sich das an?
Professionell. Die Teaser erinnern an Spiegel TV, aber die Gespräche klingen locker: Man duzt sich, lacht und erzeugt so beim Hörer das Gefühl, den Journalisten nahezukommen.


„Das Thema“
Süddeutsche Zeitung

Die Süddeutsche Zeitung nahm die groß angelegte Recherche zu den Paradise Papers als Aufhänger, um im November 2017 einen Podcast zu starten. Videoredakteurin Laura Terberl moderiert die rund 30-minütigen, jetzt wöchentlich erscheinenden Folgen, kümmert sich um Organisation und Skripte. Im Hintergrund steht das Innovations-Team der SZ. Sie seien gerade dabei, ein Team für den Podcast aufzubauen, sagt Terberl. Die Produktion übernimmt derzeit noch die Produktionsfirma ikone media, sie soll aber in den nächsten Monaten ins Haus geholt werden. In den iTunes-Charts lag „Das Thema“ im Schnitt auf Platz 40, bester Platz: 1.

Worüber wird geredet?
Im Mittelpunkt stehen Kollegengespräche. In den ersten sechs Folgen geht es um die Recherchen zu den Paradise Papers. Die späteren Folgen nehmen sich je ein großes Thema vor wie den NSU-Prozess, die #MeToo-Debatte oder den Krieg in Syrien.

Wie hört sich das an?
Radio-Coach Sandra Müller findet die langen Gespräche gut: Sie seien homogener als im Radio, wo es oft längere Unterbrechungen gibt. Ihr gefällt auch Terberls Moderation: „Man hat das Gefühl, man lernt diese Talkerin und die Art, wie sie mit dem Thema umgeht, kennen.“


„Schnack & Thumby“
Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag (shz)

Eigentlich sollte der Podcast „Let‘s schnack“ heißen, doch dann setzte sich der Name „Schnack & Thumby“ durch, der auf das Dorf Schnarup-Thumby zwischen Flensburg und Schleswig anspielt. Den Podcast von shz.de gibt es seit November 2017. Konzipiert hat ihn Onlineredakteur Maximilian Matthies, der die ersten Folgen zusammen mit Mira Nagar moderiert hat. Nach und nach sollen aber auch andere Kollegen der Onlineredaktion den etwa 30-minütigen Podcast machen, der jeden Freitagnachmittag erscheint. Ein Redakteur aus dem Videoteam kümmert sich um Aufnahme und Schnitt. Laut Matthies hatten die ersten acht Folgen im Schnitt 1.000 Hörer, in den deutschen iTunes-Charts ist „Schnack & Thumby“ nicht gelistet.

Worüber wird geredet?
In jeder Folge geht es um zwei Themen mit Schleswig-Holstein-Bezug. In Telefongesprächen berichten Kollegen von ihren Recherchen, dazu kommt ein Ausblick auf die kommende Woche.

Wie ist es gemacht?
Locker. Radio-Coach Sandra Müller findet allerdings, dass die „Schnack & Thumby“-Macher sich eher an einer Talk-Sendung als an einem Podcast orientieren.


„Einspruch“
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Den Podcast der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) gibt es seit Ende November 2017. Genauer gesagt ist es der Podcast des digitalen Magazins Frankfurter Allgemeine Einspruch, das ebenfalls Ende November erschienen ist und sich mit Rechtsthemen befasst. Der Podcast erscheint immer mittwochs und ist etwa eine Stunde lang. Gemacht und moderiert wird er von Constantin van Lijnden, FAZ-Politikredakteur, und Corinna Budras, Wirtschaftsredakteurin der FAS. Beteiligt ist auch die Einspruch-Magazin-Redaktion unter Leitung von Reinhard Müller. „Mit dem Podcast wollen wir die Leser zu Einspruch hinführen“, sagt Müller. Durchschnittliche Position in den iTunes-Charts: Platz 63, bester Platz: 13.

Worüber wird geredet?
Ausschließlich über Rechtsthemen. Da wird der Nutzen des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes am Beispiel zweier gelöschter AfD-Tweets diskutiert und der Fall der LuxLeaks- Whistleblower zum Anlass genommen, über Berufs- und Steuergeheimnis zu sprechen.

Wie ist es gemacht?
Radio-Coach Sandra Müller findet den FAZ-Podcast richtig gut: „Da hat jemand verstanden, wie die klassischen Laber- Podcasts funktionieren.“ Der Podcast habe eine klare Ausrichtung, der Hörer wisse also, was ihn erwartet, und höre sich dann auch mal eine 72-minütige Folge an.


Und sonst?
Neben den vorgestellten Podcasts gibt es viele weitere, die von Zeitungs- oder Zeitschriftenjournalisten gemacht werden. Dabei geht es natürlich nicht nur um Nachrichten, sondern auch um Sport, Kino, Technik, Gespräche mit Prominenten oder Wirtschaftsexperten. Die Bild-Zeitung steht als Absender hinter derzeit sechs Podcasts, darunter „Sicherheit für die Ohren“, in dem die Kriminalreporter Peter Rossberg und Axel Lier über die Themen aus ihrem Redaktionsalltag sprechen, und „Pönis Kinopodcast“, in dem der Filmkritiker Hans-Ulrich Pönack die Filmstarts der Woche bespricht. Wie der Podcast des Spiegels liegen einige weitere Formate von Medienhäusern und Medienmachern hinter der Bezahlschranke von Audible: Bei „Radio Motherboard“ erzählen Redakteur Dennis Kogel und seine Kollegen von Motherboard von den Recherchen der Wissenschafts- und Technik-Plattform des Lifestylemagazins Vice. Bei Audible gibt es außerdem Podcasts der Magazine 11Freunde, Titanic, Galore, Bunte und Straight. Die Wirtschaftszeitschrift Brand Eins, für die schon seit April 2016 das Onlineradio detektor.fm den Podcast „Das Brand Eins Magazin zum Hören“ produziert, hat ebenfalls bei Audible einen Podcast: „Brand Eins – Das Gespräch“, ein Wirtschaftstalk zwischen dem Journalisten und Moderator Jörg Thadeusz und Menschen, die in den vergangenen Jahren in Brand Eins beschrieben oder interviewt wurden. „Der Podcast- Markt ist interessant genug, um mehrere Ansätze zu probieren“, sagt Chefredakteurin Gabriele Fischer dem journalist dazu. „Vielleicht wird daraus ja irgendwann auch ein Geschäftsmodell, das braucht immer seine Zeit.“


Kathi Preppner arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

Die Redaktion - 7.2.2018