Floskel des Monats

Sozial schwach klingt nach einer Phrase, die darauf Acht geben möchte, niemanden zu verletzen. Sie möchte harmloser klingen, vielleicht auch netter. Paradoxerweise erzeugt sie das genaue Gegenteil und macht es so nur schlimmer: Die gemeinhin als sozial schwach bezeichneten armen Menschen sind nämlich nicht sozial schwach oder gar unsozial, sondern – wenn überhaupt – einkommensschwach. Soziale Stärke lässt sich nicht vom Kontostand ablesen! Möglicherweise sind arme Menschen sogar sozialer veranlagt. Ein gutes Beispiel für echte soziale Schwäche ist aus unserer Sicht der US-amerikanische Präsident Donald Trump, der trotz seiner Milliarden auf seinen Bankkonten ein teils asoziales Verhalten zeigt.

Die Formulierung sozial schwach ist also ein klassischer Euphemismus. Sie hat nicht nur einen mildernden Charakter, sondern ist erniedrigend und zynisch. Kritik gab es schon häufiger. Der Kabarettist Hagen Rether sagte einst: „Meiner Erfahrung nach sind viel eher die ökonomisch Starken sozial schwach.“
Auch Sozialverbände wie die AWO empfehlen, sozial schwach wegen seiner stigmatisierenden Wirkung nicht zu benutzen – und die Nationale Armutskonferenz führt die Formulierung sogar in ihrer „Liste der sozialen Unwörter“ auf.

Und die Medien? Verblüffenderweise wird das fragwürdige Synonym in nahezu allen Medien jeder politischen Ausrichtung genutzt. Unser Tipp: Journalistinnen und Journalisten sollten zum einen die Zitate korrekt als solche kennzeichnen, um sich die Beschönigungen aus Politik und Wirtschaft nicht zu eigen zu
machen, und sie zum anderen entkräften. Am besten schreiben Sie das, wofür „sozial schwach“ tatsächlich steht: finanziell, wirtschaftlich oder ökonomisch schwach - oder noch besser in drei Buchstaben komprimiert: arm.


Für den journalist analysiert das sprach- und medienkritische Webprojekt
Floskelwolke.de von Sebastian Pertsch und Udo Stiehl in jeder
Ausgabe eine Floskel oder Phrase, mit der Journalisten im Monat
zuvor besonders häufig danebenlagen.

Die Redaktion - 6.2.2018