Was hat die #metoo-Debatte in den Redaktionen ausgelöst?

Ines Pohl (o.l., Foto: Philipp Böll), Katja Hertin (o.r., Foto: Focus Online), Katrin Gottschalk (u.l., Foto: David Olivera), Hannah Suppa (u.r., Foto: Madsack)

Der journalist hat vier leitende Journalistinnen gefragt, wie sie und ihre Redaktionen mit der #metoo-Debatte umgehen: Ines Pohl (Deutsche Welle), Katja Hertin (Focus Online), Katrin Gottschalk (taz) und Hannah Suppa (Märkische Allgemeine)

„Macho-Männern den Boden entziehen“
 

Ines Pohl,
Chefredakteurin der Deutschen Welle

Ich sehe die #metoo-Debatte als starken, lange überfälligen Impuls, den Gesellschaften kulturübergreifend hoffentlich gut nutzen, um dem Sexismus mit all seinen Facetten zu begegnen. Dabei sollte diese Debatte aber nicht den Eindruck erwecken, dass Sexismus erst dann anfängt, wenn Männer unflätige Sprüche machen, oder, noch schlimmer, unmittelbare, körperliche sexuelle Gewalt gegenüber Frauen – und Männern! – ausüben.

In der DW erlebe ich spürbar, was es für einen Unterschied macht, wenn wichtige Leitungspositionen tatsächlich mit genau so vielen Männern wie Frauen besetzt sind. Nur so ist Gleichberechtigung kein Lippenbekenntnis, sondern gelebte Realität. Und nur so kann es gelingen, dass Macho-Männern nach und nach der Boden entzogen wird.

Dass ich jahrelang die einzige Frau an der Spitze einer überregionalen deutschen Zeitung war, sagt viel aus über den Nachholbedarf in der Medienbranche in unserem Land insgesamt. Die #metoo-Debatte hat hier auf jeden Fall das Bewusstsein geschärft - allein deshalb, weil wir wie viele anderen über die Sinnhaftigkeit diskutieren.
 

„Neue Generation von Führungskräften“
 

Katja Hertin,
stellvertretende Chefredakteurin bei Focus Online

Ich habe festgestellt, dass vielen Männern die Dimensionen des Problems oft gar nicht bewusst sind und dass ihnen oft nicht klar ist, mit welchen Verhaltensweisen sie Frauen verletzen und herabwürdigen. Die Debatte schärft das Bewusstsein für die Problematik.

Bei mir persönlich haben die Grenzverletzungen mit wachsender Berufserfahrung, steigendem Status in der Firma und guter Vernetzung in der Branche mehr oder weniger aufgehört. Zudem konnte ich mit den Jahren wesentlich souveräner mit der Thematik umgehen und etwa mit einer klaren Ansage kontern. Inzwischen ist eine neue Generation von Führungskräften nachgewachsen, die einen entspannteren, respektvolleren, emanzipierten Umgang zwischen den Geschlechtern pflegt.

Wir haben bei Focus Online die #metoo-Debatte journalistisch sofort aufgegriffen und zu einem großen Thema der Berichterstattung gemacht. Allerdings müssen wir gerade als Journalisten sehr aufpassen mit Vorverurteilungen und das Gebot der Fairness bei der Berichterstattung beachten.

Im Zuge der thematischen Auseinandersetzung haben wir in der Redaktion auch über eigene Erlebnisse und Grenzfälle diskutiert. Ich habe dabei eine große Sensibilität bei den Kollegen festgestellt. Bei einem Durchschnittsalter in der Redaktion, das etwa bei Anfang 30 liegt, und sehr flachen Hierarchien, empfinde ich das Miteinander als gleichberechtigt und entspannt.
 

„Das ist kein exklusives Frauenthema“
 

Katrin Gottschalk,
stellvertretende Chefredakteurin der taz

Einer der stärksten Artikel, die wir zu #metoo in der taz hatten, war eine anonyme Sammlung von Erinnerungen männlicher taz-Redakteure. Sie haben sich darin gefragt, wann sie in der Vergangenheit übergriffig waren, wann sie weggeschaut haben. Auch wenn die Beispiele harmlos anmuten, verschieben sie dennoch den Fokus: #metoo ist kein exklusives Frauenthema.

In Deutschland sind keine prominenten Fälle von Vergewaltigungen oder tätlicher Übergriffe bekannt geworden. Stattdessen beherrscht hier das Nachdenken über sexistische Sprüche den Diskurs. Wir wissen aber: Laut einer Studie des Bundesfrauenministeriums haben 40 Prozent der Frauen in Deutschland sexuelle Gewalt erlebt.

Es gibt sie also, die Geschichten, die öffentlich erzählt werden könnten. Dass sie nicht öffentlich werden, ist das Recht aller Betroffenen. So bleibt bei uns die Skandalwelle aus.

Positive Effekte hat die Debatte dennoch. Männer wie Frauen denken über Grenzüberschreitungen nach. Frauenberatungsstellen berichten, dass sie immer mehr Anfragen bekommen. Deshalb braucht es solche Debatten. Sie machen einen Teil der Lebensrealität gerade von Frauen sichtbar. Als stellvertretende Chefredakteurin und Feministin bin ich dankbar, dass #metoo so eine Form von Empowerment ermöglicht.
 

„Diversität muss der Anfang sein“
 

Hannah Suppa,
Chefredakteurin der Märkischen Allgemeinen Zeitung

#metoo spannt den großen Bogen – hat zunächst sexualisierte Gewalt, dann den launig gemeinten und doch herabwürdigenden Alltagssexismus sichtbar gemacht. Daher sollten wir nicht aufhören darüber zu reden, wie Männer Machtpositionen ausnutzen und dass machohafte Breitbeinigkeit in der Gesellschaft und in den Büros oft den Ton angibt. Auch in Redaktionen.

Was bleibt von der Debatte im Journalismus? Auch die Erkenntnis, dass Diversität in den Redaktionen Sexismus den Nährboden entziehen kann. Journalisten sollen die Bandbreite des Lebens abbilden und sind doch selbst oft verengt im Blick. Eine Redaktion braucht unterschiedliche Erfahrungen, Perspektiven, Haltungen. Der Reflex ist zu oft, Themen einem Geschlecht zuzuordnen und Klischees aus Gewohnheit zu füttern. Badesee-Saison beginnt? Da gibt’s das obligatorische Bikini-Foto vom Lokalfotografen. Kita-Platz-Suche, Abtreibungsdebatte? Soll die Kollegin machen. Das geht auch anders – es muss nur jemand merken und in der Position sein, etwas zu ändern. Auch viele Männer haben übrigens keine Lust mehr auf starre Stereotypen und schlichte Schenkelklopfer. Sie haben sich längst für einen anderen Umgangston entschieden – manche sagen es nur nicht laut genug. Der Hashtag kann Mut-Motivator sein – und das wäre ein großer Erfolg.

Die Redaktion - 8.1.2018