„Fernsehen ist out. Die Schüler informieren sich über das Smartphone“

Gymnasiallehrer Christian Haase erzählt in Teil 9 unserer Interviewreihe zum Thema Fake News, welchen Einfluss Falschmeldungen im Klassenzimmer haben.

Interview von Yvonne Zwirnmann

journalist: Wissen Ihre Schüler, was Fake News sind?
Christian Haase: Ich würde mal behaupten, sie glauben es zu wissen. Wie das so häufig ist. Aber dennoch fallen sie auch darauf rein. Der Begriff wird von den Schülern gern auch zum Rumalbern benutzt. Wenn der Lehrer was sagt, kommt schon mal: Sind das jetzt auch keine Fake News?

Medienbildung ist Teil des Bildungsplans bei Ihnen in Bremen. Wie sieht die Umsetzung aus?
In Klasse 5 lernen die Schüler das Internet kennen. In Jahrgang 6 haben wir eine Projektwoche zum Thema Cybermobbing. Da unterrichten Oberstufenschüler die Sechstklässler. Außerdem geht es um Urheberrecht und Datenschutz. Ab der 7. Klasse greift dann jedes Fach für sich die Medienbildung inhaltlich auf.

Wie sieht das am Beispiel vom Geschichtsunterricht in der Oberstufe aus?
Da ist es natürlich relativ einfach. Zunächst geht es um Quellenkritik. Wir untersuchen Bildquellen, Zeitungsartikel, Videos und Dokumentationen auf ihren Wahrheitsgehalt. Ein Schüler von mir hat mal gesagt: Wie krass wäre das denn gewesen, wenn die Propaganda der Nationalsozialisten über die heutigen medialen Möglichkeiten hätte verbreitet werden können. Das ist echt spannend, darüber zu diskutieren.

Sehen Sie einen Unterschied bei der Informationsgewinnung der Schüler heute und vor fünf Jahren?
Ja. Zum einen gucken die Schüler kein Fernsehen mehr. Fernsehen ist out. Die gesamte Informationsbeschaffung läuft über das Smartphone. Auch gedruckte Tageszeitungen werden immer weniger gelesen, das geht alles über Apps. Einige Schüler haben die Apps von Spiegel Online, „Tagesschau“ oder Süddeutscher Zeitung. Ganz gruselig wird es natürlich, wenn sie ihre Nachrichten nur auf Facebook beziehen, also nur das lesen, was andere Leute posten.

Schnelligkeit vor Glaubwürdigkeit?
Es ist nun mal so, dass Nachrichten unglaublich schnell sind. Das Warum ist immer weniger wert, die Nachricht  wird direkt rausgehauen. Das finde ich mittlerweile auch schwach von den traditionellen Medien.

Was meinen Sie genau?
Wenn ich da an den Amoklauf von München im letzten Sommer denke, was da die öffentlich-rechtlichen, aber auch die anderen Sender abgezogen haben. Das war ein Knaller! Keiner wusste, was passiert ist, aber es lief trotzdem in Dauerschleife. Eigentlich gab es keine Informationen. Da wäre es besser, einfach mal zu sagen: Wir unterbrechen jetzt und sehen uns wieder, wenn wir etwas wissen.

Hand aufs Herz: Sind Sie schon mal auf Fake News reingefallen?
Ja, bin ich. Auf Videos, die irgendwo gepostet wurden, und bei denen man erst mal denkt: Oh mein Gott, was geht denn da ab? Da hat es bei mir echt eine Weile gedauert, bis ich gemerkt habe, dass das ein Fake war. Ich würde nur behaupten, dass ich mich davon nicht beeinflussen lasse. Aber ich glaube, jeder fällt erst mal auf Fake News rein, wenn sie gut gemacht sind.

Bekommen Sie Diskussionen zwischen Schülern mit, bei denen ganz offensichtlich mit falschen Informationen argumentiert wird?
Ich beobachte das manchmal bei den sehr engagierten Schülern. Gerade wenn sie politisch sehr engagiert sind, beziehen sie sich gern nur auf ihre Informationen. Ich habe schon viele Marxisten, Leninisten und Anarchisten unterrichtet. Die sind dann häufig in ihren Foren unterwegs, haben ihre eigenen Zeitungen und reflektieren ganz wenig. Alles, was aus ihrem Spektrum kommt, wird nicht hinterfragt.

Gefangen in der eigenen Filterbubble?
Ja, das würde ich schon sagen. Das ist aber auch eine Sache des Alters.

Denken Sie, dass Sie als Lehrer Einfluss auf die Informationsgewinnung Ihrer Schüler haben?
Ich weiß noch, dass mein Lehrer immer zu uns gesagt hat, dass wir jeden Tag Zeitung lesen müssen. Und ich habe es nicht gemacht. Meistens denken die Schüler dann ja ein paar Jahre  später: Mensch, da hat er damals doch recht gehabt. Man hat also Einfluss, aber nicht so direkt wie man es gerne hätte.


Zur Person:
Christian Haase unterrichtet seit 2010 am Alten Gymnasium Bremen die Fächer Geschichte und Sport. Er leitet an seiner Schule die Projekttage zum Thema „Medienkompetenz und Cybermobbing“.

Hier geht es zur Übersichtsseite der Interviewreihe „Fake News“.

Die Redaktion - 14.9.2017