„Über unsere Inhalte kann man nicht gerade lachen“

Andre Wolf

Falschmeldungen, Abofallen, Spam-Mails – beim österreichischen Verein Mimikama können Nutzer jede Form von Internetmissbrauch melden. Wie Mimikama ihnen hilft, erzählt Pressesprecher Andre Wolf in Teil 8 unserer Interviewreihe zum Thema Fake News.

Interview von Caterina Nürnberg

journalist: Wir haben Freitagmittag. Wie viele Fakes wurden heute schon auf mimikama.at gemeldet?
Andre Wolf: In den letzten 24 Stunden haben wir neun Artikel verfasst, was etwas unter dem üblichen Tagesschnitt liegt. Wir haben mittlerweile eine Veröffentlichungsrate von knapp hundert Artikeln in der Woche.

Wie definieren Sie Fake News?
Den Begriff Fake News haben wir bis zum November 2016 nicht gekannt. Er ist während der US-Präsidentschaftswahl aufgetaucht. Für uns sind Fake News pseudo-redaktionell erstellte Inhalte, die nicht wahr sein müssen. Beispielsweise werden bestehende News-Seiten kopiert oder nachgestellt. Wir haben es auch öfter mit Hybrid-Fakes zu tun: Ein echtes Bild oder Video wird mit falschem Text veröffentlicht oder umgekehrt.

Was wäre ein Beispiel für so einen Hybrid-Fake?
Im Dezember 2016 gab es ein Video, auf dem angeblich eine junge Frau von muslimischen Migranten in einer Wiener U-Bahn vergewaltigt wird. Das Video zeigt tatsächlich, wie eine Gruppe junger Männer eine Frau angeht, aber man erkennt nicht genau, was passiert. Es wurde später herausgefunden, dass das Video nicht aus Wien stammt, sondern aus Prag, und dass keine muslimischen Migranten, sondern ein Übergriff aus dem Drogenmilieu darauf zu sehen ist. Man hat es einfach in einen falschen Zusammenhang gestellt. Das ist ein klassischer Hybrid-Fake. Das Video ist echt, aber die Aussage falsch und absurd.

Inwiefern haben sich die Falschmeldungen während Ihrer Arbeit bei Mimikama verändert?
Zwischen 2011 und 2013 gab es noch viele harmlose Inhalte wie Hoaxes und urbane Legenden. Im darauffolgenden Jahr haben wir zum ersten Mal Hysteriewellen bemerkt. Da gab es  den sogenannten weißen Lieferwagen, der angeblich Kinder entführte und an die Organmafia verkaufte. Das war natürlich Unsinn! Dann kam es zum großen Schnitt, als der allererste dokumentierte Flüchtlings-Fake im Umlauf war. Zwei Jahre später waren erstmals viele Darstellungen über den Islam im Netz zu finden, die teilweise nicht richtig und bis heute voller Hass sind. Zurzeit ist es etwas ruhiger. Seit letztem Winter ist auch die Fremdenfeindlichkeit zurückgegangen. Momentan werden viele englischsprachige Inhalte über Deutschland erstellt, die nicht stimmen. Wir beobachten, ob es weiterhin so bleibt.

Gibt es Ereignisse, die vermehrt für Fake News sorgen?
Gerade Terroranschläge führen immer wieder zu einem punktuellen Anstieg von Falschmeldungen. Das haben wir schon oft beobachtet. Kürzlich brachten einige Medien Meldungen zu den gesuchten Kindern nach dem Manchester-Anschlag – mit einer Fotocollage, die schlichtweg ein Fake war. Der Gründer von 4Chan sowie mehrere YouTuber waren auf ihr zu sehen. Auch deutsche Medien haben das Bild verbreitet. So etwas passiert, wenn man unsauber arbeitet.

Was macht das mit unserer Gesellschaft?
Es schürt Vorurteile, Wut und Hass. Man muss aufpassen, dass man sich an dieser Stelle nicht beeinflussen lässt und eine falsche Aussage erkennt.

Wie entstand die Idee zu Mimikama?
Mimikama hat sich aus der Not heraus entwickelt. Der Vereinsgründer ist 2011 beim Spielen von „FarmVille“ selbst in eine Klick-Falle geraten und warnte seine Freunde davor. Seine Warnung haben Leute vielfach im Internet geteilt, und so stellte er fest, dass es in diesem Bereich eine große Nachfrage gab.

Was genau umfasst die Arbeit des Vereins?
Ursprünglich ging es nur um Falschmeldungen auf Facebook, wie Kettenbriefe oder urbane Legenden. Im Laufe der Zeit hat sich das gewandelt. Wir haben irgendwann E-Mails mit Viren, Trojanern und Phishing hinzugenommen. Aktuell nimmt dies rund dreißig Prozent unserer Veröffentlichungen ein. Zusätzlich beraten wir Internetnutzer, wie sie verdächtigen Inhalten begegnen können. Mittlerweile erstellen wir auch Schulmaterial und halten vor Journalisten, Schulklassen und im privatwirtschaftlichen Bereich Vorträge.

Wie sieht die Überprüfung der eingehenden Meldungen im Detail aus?
Zunächst versuchen wir, die Ursprünge einer Meldung zu finden. Danach suchen wir Menschen, die mehr darüber wissen oder fragen bei Behörden nach. Auch Verweise aus klassischen Medienstellen zählen dazu. Bilder und Videos prüfen wir auf Herkunft und Alter und überlegen, inwiefern sie in dem neuen Zusammenhang gebraucht werden könnten.

Wie veröffentlichen Sie Ihre Ergebnisse?
Bei kleinen Anfragen gibt es oftmals eine eins-zu-eins Supportantwort per E-Mail: Schau mal, dort kannst du dich weitergehend informieren. In den meisten Fällen reicht das aus. Wenn einzelne Themen häufig bei uns angefragt werden, schreiben wir darüber auf unserem Blog mimikama.at. Die Beiträge verbreiten wir auch über unsere Kanäle in den sozialen Netzwerken.

Die Likes Ihrer Beiträge auf Facebook und Twitter scheinen ein wenig eingeschlafen zu sein.
Über unsere Inhalte kann man nicht gerade lachen. Auf der anderen Seite verbreiten wir absichtlich keine dramatischen, übertriebenen Inhalte und keinen Alarmismus. Es gibt Seiten, deren Inhalte unseren ähneln, die in ihren Überschriften jedoch maßlos überziehen. Das machen wir nicht und akzeptieren, weniger Interaktion zu kassieren.

Wirkt sich das auf Ihre Reichweite aus?
Das ist schwer einzuschätzen. Wenn wir über sehr relevante Themen schreiben, werden die Posts sowieso geteilt. Wir leben daher meistens von der Nachhaltigkeit unserer Artikel.

Was wird in zehn Jahren aus Mimikama geworden sein?
Was morgen mit Mimikama ist, weiß ich nicht. Das ist das Interessante. Wir haben uns in den letzten sechs Jahren immer dem Nutzerverhalten angepasst. Welche Plattform morgen vorherrscht, wissen wir nicht. Aber wir werden uns immer daran orientieren, wo Nutzer im Internet Probleme haben.


Zur Person:
Andre Wolf ist Pressesprecher sowie Content- und Social-Media-Coordinator beim österreichischen Verein Mimikama, wo er auch für die Überprüfung und Analyse von Inhalten im Netz zuständig ist.

Hier geht es zur Übersichtsseite der Interviewreihe „Fake News“.

Die Redaktion - 4.9.2017