„Wir wissen, dass es keine Einzelfälle sind“

Der Stern-Artikel "Er nannte sich Alpha-Tier" brachte die Berichterstattung über den WDR ins Rollen. Die Autoren: Marta Orosz und Wigbert Löer (Fotos: Mihail Onaca, Sandra Hintze)

Das Recherchezentrum Correctiv und der Stern haben über mehrere Fälle sexueller Belästigung beim WDR berichtet – und damit die #Metoo-Debatte über das Machtgefüge zwischen Männern und Frauen in der Medienbranche forciert. Im journalist sprechen die Autoren Marta Orosz (Correctiv) und Wigbert Löer (Stern) über ihre Recherchen.

Interview von René Martens

journalist: Im April haben Sie unter dem Titel „Er nannte sich ‚Alpha-Tier’“ die erste Geschichte über teilweise hochrangige WDR-Mitarbeiter veröffentlicht, die sich mit dem Vorwurf konfrontiert sehen, Kolleginnen sexuell belästigt zu haben. Seit wann laufen diese Recherchen?
Marta Orosz: Alles fing an Mitte Dezember mit einem Hinweis in unserem anonymen Correctiv-Briefkasten. Wir konnten dann glücklicherweise Kontakt mit dieser ersten Quelle aufnehmen und uns ihre Geschichte anhören. Ich möchte vor allem unseren ersten beiden Informantinnen danken, dass sie uns vertraut haben. Sie haben auch niemals das Gespräch beendet, wenn wir die kleinsten Details hinterfragt haben, obwohl das sehr anstrengend für sie gewesen sein muss. Es hat dann ein, zwei Monate gedauert, bis wir sagen konnten: Wir haben nicht nur diese zwei Erfahrungsberichte von Betroffenen, sondern auch mehrere andere Quellen, und wir wissen, dass es keine Einzelfälle sind, sondern dass es um mehrere Vorwürfe geht – und vor allem um ein strukturelles Problem.

Wie ist die eine Woche später erschienene Geschichte über den zweiten Beschuldigten in Gang gekommen? Hier spielte ja ein Whistleblower eine Rolle, der 2010 einer WDR Personalrätin Kontakt zu Mitarbeiterinnen vermittelte, die über sexuelle Belästigung klagten.
Orosz: Nach der ersten Geschichte Anfang April haben sich sofort sehr viele Hinweisgeber gemeldet – sowohl beim Stern als auch bei uns, sowohl über den anonymen Briefkasten als auch klassisch per Post oder Telefon. Nachdem sie die erste Geschichte gelesen hatten, wussten sie, dass wir ihre Informationen vertraulich behandeln und verantwortungsvoll mit dem Thema umgehen. Wichtig war für uns, eine Geschichte zu erzählen, die neue Erkenntnisse liefert: Wie es überhaupt dazu kommen kann, dass man, nachdem man jahrelang für einen Sender gearbeitet hat, zum Opfer sexueller Übergriffe wird? Und warum unternimmt der Sender trotzdem nicht viel, damit das nicht noch einmal passiert? In diesem konkreten Fall ist ja bezeichnend, dass 2010 nicht der Beschuldigte bestraft wurde, sondern die Person, die dafür gesorgt hat, dass dessen Verhalten senderintern überhaupt bekannt wurde.

Dieses Vorgehen gegen den Whistleblower erinnert an einen Fall von 2013, als ein Talkshow-Redakteur des WDR, der das unzulässige Gebaren einer Produktionsfirma aufgedeckt hatte, seines Postens enthoben wurde.
Wigbert Löer: Ich kenne diesen Fall nur vom Lesen. Was den Whistleblower betrifft, mit dem wir es zu tun haben: Da wird jetzt natürlich von interessierter Seite versucht, den Mann zu diskreditieren. Das trifft einen Punkt, der vielleicht mal wichtig ist. Whistleblower müssen allgemein keine Engel sein. Sie müssen nicht aus hehren Motiven handeln. Sie können ruhig ganz bestimmte Interessen haben. Na klar, es ist wichtig, sich Gedanken zu machen über die Motive eines Hinweisgebers. Aber entscheidend für den recherchierenden Journalisten ist doch, dass die Dokumente, die er bekommt, korrekt sind. Ein vielleicht nicht so sympathischer Querulant oder ein Mensch auf Rachefeldzug – das können wunderbare Whistleblower sein.

Die mutmaßlichen Übergriffsopfer beim WDR hatten seinerzeit der Personalrätin nicht erlaubt, ihre Namen der Senderspitze mitzuteilen. Das klingt ziemlich erschütternd.
Orosz: Das ist symptomatisch. Wenn es um Machtmissbrauch, Mobbing und sexuelle Belästigung geht, herrscht beim WDR ein Klima der Angst. Frauen trauen sich nicht, Fehlverhalten von Vorgesetzten zu melden. Sehr viele haben auch gemerkt, dass es nicht viel bringt, wenn sie ihre Erfahrungen schildern.

Spüren Sie bei den Gesprächspartnern im WDR überwiegend Resignation oder eine Hoffnung auf angstfreie Zustände beziehungsweise darauf, dass sich das Verhältnis zwischen den Hierarchen und den Mitarbeitern verbessert?
Löer: Es sind vor allem Frauen, mit denen wir Kontakt haben, und ihre Reaktionen auf die Enthüllungen sind unterschiedlich: Einige glauben, jetzt ändere sich etwas, jetzt könne etwas aufbrechen. Andere schließen es auch für die Zukunft aus, dass sich eine Frau gefahrlos über einen männlichen Vorgesetzten beschweren kann.

Im Spiegel, der ebenfalls zu den Vorgängen beim WDR recherchiert hat, stand der Satz, es sei schwer, sich die „Unternehmenskultur“ beim WDR „anders als höchst hierarchisch und düster vorzustellen“. Lässt sich aufgrund der Gespräche benennen, zu welchem Zeitpunkt diese „düstere“ Phase im WDR begonnen hat?
Orosz: Die Vorwürfe gegen den Auslandskorrespondenten des WDR, über den wir in unserer ersten Geschichte berichtet haben, gibt es jedenfalls seit 27 Jahren.

Löer: Wir konnten einzelne Fälle aufdecken, und das hatte sicher seine Wirkung im Sender. Aber das reicht nicht, um eine mögliche Entwicklung innerhalb des WDR festzumachen und zeitlich zu verorten.

Welches Potenzial steckt noch in den Recherchen? Ist noch mit weiteren Berichten über bisher in der Öffentlichkeit nicht oder kaum bekannte Skandalfälle zu rechnen?
Orosz: Es ist für mich sehr wichtig, dass unsere Hinweisgeber im Zuge der Geschichte über sexuelle Belästigung auch grundsätzlich darüber sprechen können, wie schwer es für bestimmte Gruppen innerhalb eines Unternehmens ist, in diesem Fall innerhalb des WDR, Gehör zu finden. Dass sie über das Machtgefälle sprechen können und darüber, dass die Kommunikation auf Augenhöhe sehr oft fehlt. Für uns sind die Geschichten letztlich immer dann interessant, wenn sich problematische Muster herauskristallisieren, die nicht nur beim WDR oder in der Medienbranche zu finden sind, sondern auch an anderen Arbeitsplätzen. Die Recherchen sind kein Selbstzweck. Unser Kriterium ist: Wie kommen wir einen Schritt weiter, dass man sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch in der Praxis vermeidet oder so früh wie möglich versucht zu unterbinden?

Sie haben in Ihren Artikeln die Namen der drei Beschuldigten nicht genannt. Hat das journalistische oder allein rechtliche Gründe?
Orosz: Das hat presserechtliche Gründe. Zwar stehen die Personen, um die es hier geht, teilweise regelmäßig vor der Kamera, sie sind aber keine Personen des öffentlichen Lebens im rechtlichen Sinne. Ein Fernsehreporter oder -redakteur ist zwar ein bekanntes Gesicht, aber kein Prominenter. Wir haben es hier mit Vorfällen im Bereich des Arbeitsumfeldes zu tun, die auch nur in diesem Bereich Auswirkungen haben. Es gibt also kein öffentliches Interesse daran, dass diese Personen namentlich genannt werden. Sehr wohl gibt es aber ein öffentliches Interesse, über diese Vorfälle und über den Umgang mit diesen Vorfällen zu sprechen.

Es ist ja zu beobachten, dass das rechte Milieu versucht, Ihre Recherchen für seinen Propagandakampf gegen das öffentlich-rechtliche System zu instrumentalisieren. Wie geht man, ohne das jetzt wertend zu meinen, damit um?
Löer: Es lässt sich nicht verhindern. Wir haben die Identität der drei Beschuldigten, über die wir berichtet haben, stets verborgen. Dann sieht man auf Twitter-Profilen, wie Namen genannt, Bilder gepostet, wie die Namen in den Kommentaren nochmal fröhlich wiederholt werden, in einem Fall übrigens von einem Juristen, der wohl wusste, was er tat. Ich bekomme es ja bei Recherchen wie diesen schon mal mit Medienanwälten zu tun, manchmal mit bekannten und hochbezahlten. Vielleicht wäre das ein gutes Mandat für solche Medienanwälte: Statt den Recherchen mit Wucht entgegenzutreten und zu versuchen, Veröffentlichungen vorab zu verhindern, könnten sie ein paar Abmahnungen auf Social Media loswerden - dort, wo hemmungslos geoutet und belegfrei behauptet wird.
 

WDR will Schutz verbessern

Der WDR hat inzwischen mehrere Maßnahmen verkündet, die einen besseren Schutz gegen sexuelle Belästigung im Sender gewährleisten sollen. Außerdem wurde die frühere ÖTV-Vorsitzende Monika Wulf-Mathies damit beauftragt zu prüfen, wie der WDR mit Hinweisen auf sexuelle Belästigung umgegangen ist.

Die Redaktion - 3.5.2018