Reichelts neuer Kurs?

journalist-Chefredakteur Matthias Daniel (Foto: journalist)

Ist die Bild-Zeitung noch ein "Seismograph der deutschen Befindlichkeit"?, fragt journalist-Chefredakteur Matthias Daniel im Editorial der Juli-Ausgabe. Anders als früher erreicht die Bild-Zeitung heute nicht mehr alle Bevölkerungsteile gleichermaßen. Das hat Konsequenzen.

Ist die Bild-Zeitung ein Spiegel der Gesellschaft? Immerhin erreicht das Blatt trotz schrumpfender Druckauflage jeden Tag rund zehn Millionen Menschen. In einem Werbeprospekt heißt es, Bild sei „ein Seismograph der deutschen Befindlichkeit“. Bild spricht für das Volk. Aber stimmt das eigentlich?

Nein. Es stimmt nicht. Genauer gesagt: Es stimmt nicht mehr.

journalist-Autor Olaf Wittrock hat für uns eine bemerkenswerte Zeitreise unternommen. Er hat sich angeschaut, wie die Leserstruktur von Bild im Jahr 1965 ausgesehen hat: Bildungsniveau, Geschlecht, Berufsverteilung. Und da lässt sich Erstaunliches feststellen: 1965 passten die Leserschaft von Bild und die Gesamtbevölkerung fast wie identische Schablonen übereinander. Das gilt für die Verteilung der Schulabschlüsse genauso wie für die Geschlechterverteilung. Ja: 1965 haben genauso viele Frauen wie Männer Bild gelesen. Bild war so, wie das Land war. Noch im Jahr 1972 hieß es in einer Studie: „Der Bild-Leser unterscheidet sich vom Nicht-Bild-Leser eigentlich nur dadurch, dass er Bild liest.“

Im Jahr 2018 sieht das völlig anders aus.

Geschlechterverteilung? Nur noch ein Drittel der Bild-Zeitungs-Leser sind Frauen. Verschoben hat sich auch die Verteilung beim Bildungsniveau: In der Gesamtbevölkerung haben heute 31 Prozent Abitur oder einen Studienabschluss, unter den Bild-Lesern sind es nur 16 Prozent.

Die Bild-Zeitung erreicht nicht mehr alle Bevölkerungsteile gleichermaßen. Oder etwas pauschaler ausgedrückt: Im Jahr 2018 wird Bild vornehmlich von mittelalten Männern ohne Abitur gelesen.

Möglicherweise ist das einer der Gründe, warum die Themenmischung der Bild-Zeitung in der jüngeren Vergangenheit so ist, wie sie ist. Der Bildblog-Redaktionsleiter Moritz Tschermak formuliert das so: „Das Selbstverständnis der Bild-Redaktion ist seit jeher: Hier spricht das Volk. Nur kam das beim Volk nicht mehr so richtig an.“

Nach der gescheiterten Doppelspitze mit Tanit Koch bestimmt Julian Reichelt seit einigen Monaten allein über den Kurs von Bild. Beobachter attestieren der Zeitung seitdem einen Kurswandel. Weg von der Mitte, hin zum Populismus. Ausländer, Flüchtlinge, Gewalt. Sind das die Themen, mit denen Bild künftig sein Leser-Klientel erreichen will?

Krawall aus Kalkül? Darüber hätten wir gerne mit Julian Reichelt gesprochen. Aber der Bild-Chef, der sich sonst mit Vorliebe so gibt, als ob er keinem Streit aus dem Weg gehen würde, sagte ab. So kurz nach dem Start wolle er sich noch nicht zu seinen Vorstellungen über die Positionierung des Blatts äußern.

Hier finden Sie die Zusammenfassung unserer Analyse.

Die Redaktion - 6.7.2018