Netzwerk in Unruhe

Umstrittenes Netzwerk

Bei der Hessen-Depesche, der Sachsen-Depesche, der Bayern-Depesche und der Saar-Depesche ist einiges in Bewegung: Zuständigkeiten wechseln, Fake-Autoren verschwinden, eine dubiose Firma übernimmt die Mehrheit – und der Verfassungsschutz sieht aufmerksam hin.

von Lars Radau

Der neue Ton ist zuweilen schlicht frech. Eine „Kampagne“ laufe sich langsam aus, schreibt Jörg Pollert. Und: „Nur wer nicht dabei ist, schließt sich selber aus.“ Mit dem ersten Satz bezieht sich der Handelsfachwirt, seit Ende Juli leitender Redakteur der umstrittenen Hessen-Depesche (siehe journalist 07/2017), auf die Nachricht, dass das Landesamt für Verfassungsschutz bei einer Überprüfung der Publikation „keine Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen“ gefunden hatte. Und mit dem zweiten Satz verteidigt Pollert die Praxis der Hessen-Depesche und ihrer Schwester-Angebote Sachsen-Depesche, Bayern-Depesche und Saar-Depesche, nicht nur mit Pseudonymen, sondern sogar mit komplett erfundenen Autoren – inklusive falscher Fotos und Lebensläufe – zu arbeiten. Diese fragwürdige Praxis hatte Pollert wenige Zeilen zuvor ganz offiziell eingeräumt – „namhafte politische Vertreter in Stadt und Kreis Offenbach, im Main-Kinzig-Kreis und in anderen Teilen Hessens“ hätten so in der Depesche ihre „Inhalte veröffentlichen“ können. Genutzt hätten dies vor allem Vertreter „von CDU, FDP und AfD“.

Was im hessischen Städtchen Seligenstadt, der Keimzelle des Depeschen-Netzwerks, und seiner bayerischen Nachbargemeinde Mainhausen dazu dient, im Zweifelsfall lokalpolitisches Klein-Klein und persönliche Fehden auszutragen, hat aber einen sehr viel ernsteren Hintergrund. Parallel zur journalist-Veröffentlichung hatte auch der Hessische Rundfunk (HR) recherchiert – und einige Querverbindungen zwischen CDU-Mitgliedern aus Seligenstadt und Mainhausen gefunden, die nicht nur zu den Depeschen, sondern auch zu den Seiten Nortexa.de und derfflinger.de führten. Letztere ist inzwischen abgeschaltet – und bei Nortexa führt Patricia Koperski die Geschäfte. Laut ihrem Facebook-Profil ist sie die Lebensgefährtin des NPD-Vorsitzenden Frank Franz. Beide Seiten, so der HR, seien durch die Verbreitung NPD-naher Inhalte aufgefallen – ebenso wie die Sachsen-Depesche. Und ebenso wie in Hessen schaut auch hier der Verfassungsschutz genauer hin: Die Sachsen-Depesche selbst sei zwar „kein Beobachtungsobjekt“ und werde nicht als rechtsextremistische Publikation geführt, sagt Martin Döring, Sprecher der Behörde im Freistaat, dem journalist. Gleichwohl seien einzelne Personen, die die Sachsen-Depesche publizistisch nutzen oder genutzt haben – auch unter Pseudonym – „Teil eines Beobachtungsobjekts des sächsischen Landesamtes“.

Bei der Sachsen-Depesche ist es seit der ersten journalist-Veröffentlichung wesentlich ruhiger geworden. Zwar berichtet ein Autor, der sich Jan Erbenfeld nennt, noch immer regelmäßig von Dresdner Pegida-Aufzügen. Der frühere, auch in Hessen aktive Vielschreiber Michael Krug, an dessen Echtheit es begründete Zweifel gibt, hat sich offenbar ganz zurückgezogen.

Auch hinter den Kulissen hat sich im Depeschen-Netzwerk Erhebliches geändert: Die Anteilsmehrheit der Depeschen-Mutterfirma Popularen Network GmbH liegt nicht mehr bei Lokalpolitikern aus Seligenstadt und Mainhausen. Nach einer am 20. April durchgeführten Kapitalerhöhung besitzt jetzt die in Berlin ansässige Aduno Beratungsagentur GmbH 56,25 Prozent der Anteile. Dabei ist unklar, wie Aduno die Erhöhung ihrer Anteile am Stammkapital – um immerhin 20.000 Euro – finanziert hat. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform rät von einer Geschäftsverbindung ab, gegen Inhaber und Geschäftsführer Kai Domsgen liegen demnach schuldnerregisterliche Eintragungen wegen Nichtabgabe einer Vermögensauskunft vor.

In Erscheinung getreten ist Domsgen ebenso wie sein Aduno-Partner Stephan Welk zuvor mit einem dubiosen Immobilien-Pyramidensystem. Hier könnte sich der Kreis zu den Depeschen schließen – auch in deren Wirtschaftsteil wurden ähnliche Pyramidensyteme positiv besprochen.

Für den journalist war Domsgen trotz mehrerer Anfragen auf unterschiedlichen Kanälen nicht zu sprechen – wie auch alle anderen Beteiligten des Depeschen-Netzwerks.

Zum Thema:
Im Medienpodcast Flurfunk spricht journalist-Autor Lars Radau über seine Depeschen-Recherchen (ab Minute 53:30)

Auch die Offenbach Post recherchiert intensiv zu den Hintergründen der Hessen-Depesche.

Die Redaktion - 13.9.2017