Mein Kollege, der Roboter

Handelsblatt und Focus Online zeigen: Roboterjournalismus hat Potenzial – aber auch Grenzen.

Bei Börsen- und Finanzmeldungen setzen Focus Online und das Handelsblatt immer häufiger auf Algorithmen statt Journalisten. Aber der Roboterjournalismus hat auch Grenzen.

von Anna Friedrich

Wer Aktiennachrichten bei Focus Online liest, bemerkt es nur beim genauen Hinsehen. Statt eines Autorenkürzels sind die Texte mit „Textomatic“ gekennzeichnet. Auch auf der Website des Handelsblatts taucht das Dortmunder Unternehmen am Ende zahlreicher Finanznachrichten auf. Der Dienstleister liefert mit Hilfe künstlicher Intelligenz automatisierte Nachrichten am Fließband – ganz ohne Redakteure und menschliches Zutun.

Focus Online arbeitet seit mehr als zwei Jahren mit Textomatic zusammen. Zu Beginn war es nur der Wetterbericht, seit Mai kommen auch Finanznachrichten von dem Dienstleister. Auch Verkehrs- und Sportmeldungen könnten bald von Textomatic stammen. Die Zusammenarbeit läuft gut, wie beide Partner nicht müde werden zu betonen. Textomatic-Chef Hermann Bense spricht von einer „absoluten Win-Win-Situation“. Oliver Markert, bei Burda Forward News verantwortlicher Direktor für Focus Online Local, sieht die Texte „als echte Bereicherung“. Im Frühjahr haben die Unternehmen ihre Kooperation auf eine sogenannte Premium-Partnerschaft ausgeweitet. Das bedeutet: Burda Forward beteiligt Textomatic seitdem am Umsatz, den das Portal mit den automatisiert erstellten News erwirtschaftet.

Große Datenmengen sind der Rohstoff für die Produkte von Textomatic. Das Unternehmen verwendet etwa Daten der Deutschen Börse und des Deutschen Wetterdienstes. Ein Algorithmus strukturiert die Daten und formt sie zu journalistischen Texten. Damit die Software weiß, wie sie aus den Daten Sätze bilden kann, bauen Entwickler sogenannte Templates: Sie geben dem Algorithmus Regeln an die Hand, zum Beispiel Satzvariationen und Synonym-Listen. So ist der Algorithmus in der Lage, aus einem Datensatz beliebig viele Varianten eines Textes zu produzieren. Außerdem legen die Entwickler die Tonalität der Texte fest. Das geschieht in enger Abstimmung mit den Verlagen. Zu Beginn der Zusammenarbeit prüfen noch Redakteure die automatisierten Nachrichten. Doch nach zwei bis drei Nachjustierungen läuft der Algorithmus selbstständig und bedarf keiner Kontrolle mehr.

Roboterjournalismus, den Experten vor einigen Jahren noch für Zukunftsmusik hielten, ist mittlerweile also längst Realität. Das Potenzial ist groß, entsprechend umkämpft ist der Markt: Neben Textomatic haben sich unter anderem die Unternehmen AX Semantics aus Stuttgart und das Berliner Start-up Retresco einen Namen gemacht. Sie produzieren Nachrichten, Produktbeschreibungen und Geschäftsberichte. In den kommenden Jahren dürften zahlreiche neue Anbieter den Markt betreten, denn die Vorteile des Roboterjournalismus liegen auf der Hand: Algorithmen liefern Texte im Sekundentakt, die Textomatic-Software spuckt pro Tag rund 1.000 Aktiennachrichten aus. Außerdem kostet Kollege Roboter weniger als ein Redakteur und macht nahezu keine Fehler. Dennoch gibt es Grenzen: Algorithmen fehlt menschliches Einfühlungsvermögen, sie haben kein Gespür für Situationen. „Reportagen verfassen oder zum Beispiel bei der Rede eines Politikers das Ungesagte als das Relevante zu identifizieren – das kann die Software nicht“, weiß selbst Textomatic-Chef Bense. Für ihn ist dennoch klar: Roboterjournalismus hat eine goldene Zukunft.

Sollten Robotertexte gekennzeichnet werden? In einer journalist-Umfrage vor einem Jahr hatten Branchenexperten diese Frage mit „ja“ beantwortet.

Die Redaktion - 11.9.2018