„Man kann Menschen berühren“

Susanne Dickel: "Wir vermitteln Menschen, wie die Situation an Orten ist, die sie nicht direkt erleben können". (Foto: Martin Heller/IntoVR )

Susanne Dickel ist eine der erfahrensten 360°-Videojournalistinnen in Deutschland. Bei der DJV-Tagung Besser Online wird sie über ihre Arbeit und den Zukunftsjournalismus sprechen. Der journalist bat die Mitbegründerin einer VR-Produktionsfirma im Vorfeld zum Interview.

Interview von Monika Lungmus

journalist: Frau Dickel, Sie gelten als Pionierin des deutschen 360°-Videojournalismus. Wie haben Sie dieses Medium für sich entdeckt?
Susanne Dickel: Das fing 2015 an. Ich habe damals noch bei der Welt gearbeitet, war dort im Videoteam von Martin Heller. Und der hat gefragt, wer sich denn mit Virtual Reality und 360°-Videos befassen möchte. Und da ich das ganz spannend fand, war ich die Erste, die die Hand gehoben hat. Danach habe ich mich erst einmal informiert, war aber schnell sehr begeistert davon, was man mit diesem Medium für Geschichten erzählen kann.

Was fasziniert Sie denn am Einsatz der neuen Technik, der 360°-Videos?
Dazu möchte ich vorausschicken, dass es mir nicht nur um eine coole Technik geht, die man irgendwie einsetzen muss. Das ist für mich überhaupt gar kein Ansatz. Es geht einfach darum, spezielle Geschichten damit zu erzählen. Insbesondere emotionale Geschichten. Also, Technik ist für mich kein Selbstzweck.

Inwiefern eignet sich das 360°-Video insbesondere fürs journalistisches Arbeiten?
Wir als Journalisten sind ja Vermittler. Wir vermitteln Menschen, wie die Situation an anderen Orten, in anderen Städten, in anderen Staaten ist, die sie nicht direkt erleben können. Und beim 360°-Video, insbesondere wenn man die VR-Brille aufhat, kann man wirklich in diese andere Situation eintauchen. Die Menschen können das Gefühl haben: Ich bin jetzt wirklich dabei, kann einfach besser die Situation anderer Menschen wahrnehmen.

Was muss man als Reporter beachten, wenn man mit 360°-Videos eine gute Story machen will?
Beispielsweise muss man sich mehr Zeit lassen: Beim klassischen Video macht man ja manchmal so Schnitte von zwei Sekunden. Beim 360°-Video muss man den Leuten genug Zeit geben, sich umschauen zu können. Deswegen muss man die Geschichte mehr atmen lassen, man muss hier einen Schnitt eben 10, 15, 20 Sekunden stehen lassen. Und das gibt der Geschichte natürlich einen ganz anderen Flow. Das bedeutet auch, dass man sich im Vorfeld gut überlegen muss, wie die Geschichte funktioniert. Es gibt einen englischen Spruch, den ich jetzt mal frei übersetze: Klassisches Video drehen ist wie Jagen, und 360°-Video drehen ist wie das Aufstellen von Bärenfallen. Man muss die Kamera ja auch alleine lassen und somit die Kontrolle abgeben, um nicht in der Situation zu erscheinen. Auch da kann man sehr faszinierende Momente einfangen.

Journalismus besteht ja auch darin, mit den Menschen zu sprechen. Wie funktioniert das beim 360°-Video? Kann man beispielsweise ein Interview führen?
Es kommt darauf an, was man für eine Geschichte erzählt. Es gibt die Möglichkeit, dass man die Fragen aus dem Versteck heraus ruft. Was man aber auch machen kann: nochmal ein Audio-Interview machen, was dann unter die Bilder gelegt wird. Und wo man den Menschen sieht, der uns gerade das Interview gibt. Und da kann man auch nochmal nachhaken.

Gibt es denn Themenbereiche, die sich gar nicht für 360°-Videos eignen?
Ich würde lieber sagen, was sich eignet. 360°-Videos kann man gut einsetzen, wenn es etwas zu erleben gibt, wenn man Menschen in Situationen bringen kann, die sie normalerweise nicht erleben können: sei’s auf eine Bühne, sei’s in einem Cockpit eines Flugzeuges, sei’s auf Grönland, wo die Klimaerwärmung sichtbar wird, oder auch mittenrein in den Kosovo-Konflikt oder in eine Mine untertage. Ich versuche eigentlich immer, die beste Form zu wählen, um eine Geschichte gut zu erzählen. Und manchmal ist es auch eher ein Text als ein Video.

Sie haben gesagt, dass die Zuschauer mehr Freiheiten haben. Könnten Sie das nochmal etwas ausführen?
Naja, bei einem 360°-Video kann man ja selber entscheiden, in welche Richtung man schaut und auf was man sein Augenmerk legt. Das bedeutet, dass jeder ein Stückweit seinen eigenen Film sieht. Als Journalist muss man da wiederum aufpassen, dass man die wichtigen Dinge trotzdem vermittelt, dass die Betrachter das auch mitbekommen.

Wie macht man das?
Es gibt so gewisse Techniken, den Fokus der Menschen wieder einzufangen. Man weiß zum Beispiel, dass Menschen gerne andere Menschen anschauen. Wenn ich eine Person im Bild habe, dann wird auf diese Person geschaut. Oder wenn es eine Bewegung gibt, von rechts nach links, dann folgt man tendenziell dieser Bewegung. Ich habe schon gesagt, dass man den Leuten möglichst Zeit geben muss, damit sie sich umschauen können, damit sie die Situation verfolgen können. Man kann auch mit Sprechertext arbeiten und sagen: „Sehen Sie den Mann im schwarzen Anzug.“. Das sind alles Dinge, die Aufmerksamkeit einfangen können.

Besteht nicht die Gefahr des Missbrauchs, weil man mit 360°-Videos auch Emotionen bei den Zuschauern freisetzen kann?
Ich habe ja meine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule gemacht und wir haben uns dort auch mit Medienethik beschäftigt. Von daher bin ich durchaus sensibilisiert für das Thema. Und ich bin auch der festen Überzeugung, dass man mit jeder Form von Medium manipulieren kann und sehr schlimme Reaktionen hervorrufen kann. Ich halte also 360°-Videos nicht für gefährlicher als andere Medienanwendungen. Aber da es ein neues Medium ist, haben viele da natürlich mehr ein Augenmerk darauf als auf die Medien, die man kennt. Ich glaube, dass Produzenten im VR-Bereich dafür im Moment sogar sensibilisierter sind als andere.

2016 haben Sie zusammen mit Martin Heller, der nach wie vor bei der Welt arbeitet, die Produktionsfirma IntoVR gegründet. Wie kam es dazu?
Wir haben ja bei der Welt einige Produktionen gemacht. Und dabei haben wir festgestellt, dass man Menschen mit dieser Art von Videos besser erreichen kann als mit den klassischen Videos. Man kann Menschen berühren, zum Nachdenken bewegen. Und das ist ja auch das, was man immer möchte als Journalist.

Wie sieht es in zwei, drei Jahren mit den 360°-Videos aus?
Tatsächlich sehe ich 360°-Videos als eine Brückentechnologie zur Virtual Reality (VR), die zu schaffen ja sehr komplex ist. Ich denke, dass sich der 360°-Videojournalismus weiterentwickelt, als eine von mehreren Formen in diesem Bereich. Da gibt es jetzt schon Ansätze wie Photogrammetry und Volumetrisches Filmen.

Und wo steht der Journalismus dann?
Ich glaube, dass Glaubwürdigkeit und Markenbindung ein wichtiges Thema ist. Da hat insbesondere der Lokaljournalismus viele Möglichkeiten, weil der traditionell mehr an den Usern dran ist als es in überregionalen Medien der Fall ist. Und ich hoffe, dass die lokalen Medien dieses „Pfund“, was sie dort haben, zu nutzen wissen.


Zur Person:
Susanne Dickel, 32, hat die Deutsche Journalistenschule und parallel den Masterstudiengang an der Ludwig-Maximilian-Universität absolviert. Anschließend arbeitete sie als freie Journalistin, bevor sie zum Videoteam von WeltN24 kam, wo sie Martin Heller kennenlernte, der mit ihr die Produktionsfirma IntoVR gründete. Während Heller für Welt als Head of Video Innovations tätig ist, ist Mitbegründerin Dickel bei IntoVR fest angestellt. Unterstützt wird sie dort von Christiane Wittenbecher sowie einem Team freier Mitarbeiter.

 

Aus aktuellem Anlass wird bei der DJV-Digitalkonferenz am 22. September auch über den Hass gegen Journalisten und die Bedrohung der Pressefreiheit diskutiert.

Es gibt noch freie Plätze für die Digitalkonferenz Besser Online, die der DJV am 22. September in Leipzig veranstaltet. "Wir möchten wachrütteln, ein bisschen provozieren, aber auch die fantastischen neuen Möglichkeiten und Techniken aufzeigen, die uns als Journalisten im Zeitalter der Digitalisierung zur Verfügung stehen", sagt Ute Korinth, die Vorsitzende des DJV-Fachausschusses Online. So beschäftigen sich die Panels beispielsweise mit den Möglichkeiten der Virtuellen Realität und der Künstlichen Intelligenz im Zukunftsjournalismus oder mit der professionellen Enttarnung von Netzlügen.

Aus aktuellem Anlass wurde nun auch ein neues Panel in das Programm aufgenommen: Unter dem Titel "Medienhetze und rechte Gewalt" diskutiert Polizeihauptkommissar Olaf Hoppe, der das Social-Media-Team der Polizei Sachsen leitet, mit Journalisten über die Frage, was in Chemnitz aus dem Ruder gelaufen ist und wie eine weitere Eskalation der Angriffe gegen Medienvertreter verhindert werden kann.

Die Redaktion - 10.9.2018