Kein Rauch zu sehen

Der Spiegel gibt oft vor, nah dran zu sein. Nicht immer ist er es tatsächlich. Bei der Berichterstattung nach dem G20-Gipfel hat sich so ein Fehler eingeschlichen. (Foto: journalist)

Der Spiegel ist berühmt für seine szenischen Beschreibungen. Dafür, besonders nah dran zu sein. In einer Titelgeschichte nach dem G20-Gipfel stimmte eine dieser Szenen nicht so ganz. Der journalist hat nachgefragt, wie es dazu kam.

von Kathi Preppner

2011 stolperte René Pfister bei der Verleihung des Henri-Nannen-Preises über Horst Seehofers Modelleisenbahn. Die hatte der Spiegel- Redakteur gleich zu Beginn seiner Reportage anschaulich beschrieben. „Wie kommt man in den Keller von Horst Seehofer?“, wollte Moderatorin Katrin Bauerfeind dann bei der Preisverleihung wissen – und Pfister antwortete, dass er niemals dort gewesen sei.

Auch in der Spiegel-Titelgeschichte „Lasst es krachen“, die nach dem G20-Gipfel im Sommer der Gewaltbereitschaft in der linken Szene nachspürte, gibt es eine Ungereimtheit. In der betreffenden Passage geht es um Haidi Giuliani, die Mutter des 2001 beim G8-Gipfel in Genua getöteten Carlo Giuliani, der einigen in der Szene als Märtyrer gilt.

„Sie selbst marschierte nicht mit, dafür sei sie zu alt“, steht in dem Spiegel- Artikel. „Aber sie kam als Kassandra, als friedvolle Warnerin, sie sah den Rauch, den Tumult, die Einsatzwagen aus sicherer Entfernung von ihrem Hotelzimmer am Hamburger Hauptbahnhof aus.“

Das stimmt so nicht. Haidi Giuliani war zwar im Juli in Hamburg. Sie kam auf Einladung des Vereins "Kultur für alle!" und nahm am 5. Juli an einer Sonderausgabe des Literaturfestivals "Lesen ohne Atomstrom" teil. Und sie ging bei der anschließenden Demonstration unter dem Motto „Empört euch! – Engagiert euch!“ mit, die laut Hamburger Abendblatt rund 2.500 Teilnehmer zählte. Giuliani war also sehr wohl in Hamburg auf der Straße. Es gibt Fotos und Videos, die zeigen, wie sie zwischen der Umweltaktivistin Vandana Shiva und dem Unternehmer Frank Otto an der Spitze des Zugs ein Transparent trägt.

Rauch und Tumult kann Haidi Giuliani dagegen nicht „von ihrem Hotelzimmer am Hamburger Hauptbahnhof aus“ gesehen haben, da sie zum Zeitpunkt der Krawalle schon wieder zu Hause in Genua war, wie sie dem journalist bestätigte. Die Titelgeschichte des Spiegels ist ein Gemeinschaftswerk von zehn Autoren, darunter Fiona Ehlers, frühere Spiegel-Korrespondentin in Rom und nun Redakteurin im Berliner Spiegel-Büro. Auf journalist-Anfrage erklärt Ehlers, dass ihre Informationen aus zwei Telefongesprächen mit Haidi Giuliani stammen.

Dass Giuliani nicht mitmarschierte, „dafür sei sie zu alt“, habe sich auf die Demonstration am Freitag, den 7. Juli, bezogen, als die Krawalle in Hamburg erst richtig losgingen. Dies sei „redaktionellen Kürzungen beim Zusammenschreiben des Titels zum Opfer“ gefallen, so Ehlers. Dass Giuliani an diesem Freitag aber wieder in Genua war und die Tumulte folglich nicht von ihrem Hotelzimmer aus gesehen haben kann, führt Ehlers auf ein Verständigungsproblem zurück. Sie habe am Telefon verstanden, dass Giuliani sich bis zum Wochenende in Hamburg aufgehalten habe.

Guiliani sah „den Rauch, den Tumult, die Einsatzwagen“ also nicht. Aber das klingt natürlich dramatischer. Giuliani spielte für die Autoren eine wichtige Rolle in dem Beitrag: „Haidi Giulianis Geschichte schlägt einen Bogen zu den Anfängen der Globalisierungsproteste in Genua 2001, sie gibt dem Spiegel-Titel eine Fallhöhe und verdeutlicht die wahre Tragik von Carlo Giulianis Tod“, sagt Ehlers.

Pfisters Beschreibung von Seehofers Modelleisenbahn war – anders als in diesem Fall – laut dem CSU-Politiker übrigens nicht falsch. Aber es gab eine lange Debatte darüber, wie viel Nähe man in einem journalistischen Text suggerieren darf, wenn man selbst nicht dabei war.

Die Redaktion - 30.11.2017