Ist die dpa schon punkiger geworden, Herr Gösmann?

dpa-Chef Sven Gösmann (Foto: Michael Kappeler)

Die dpa will diverser werden – das hatte Chefredakteur Sven Gösmann in der Dezember-Ausgabe des journalists angekündigt. Ein neues Bewerbungsverfahren sollte helfen, die Redaktion vielfältiger zu machen. Hat das geklappt?

Interview von Petra Sorge

journalist: Herr Gösmann, die dpa hatte in unserer Dezember-Ausgabe das Ziel verkündet, „punkiger“ zu werden. Wie viele Bewerber sind denn beim neuen Assessment Center im Januar mit bunten, hochtoupierten Haaren gekommen?
Sven Gösmann: Nun, da hatten wir keinen dabei. Einige der elf Kandidaten waren aber in anderer Hinsicht sehr interessant. Wir hatten leider auch eine hohe No-show-Quote: Nur etwa die Hälfte der Eingeladenen ist überhaupt erschienen. Experten sagen, dass das leider kein Einzelfall, sondern die Regel ist.

Wie das?
Da kann ich nur mutmaßen. Sicher haben einige Leute mehrere Eisen im Feuer. Jetzt waren es vielleicht noch 150 Bewerber. Das hängt aber auch mit einem immer kleiner werdenden Bewerberpool zusammen. Um den konkurrieren wir mit globalen Konzernen, Start-ups und Hochschulen.

Sie hatten das Assessment Center auch eingeführt, weil die dpa vielfältiger werden soll: „Mehr Marzahn, weniger Mitte“. Ist das gar nicht gelungen?
Es waren ein oder zwei Bewerber dabei, die wir früher so nicht gehabt hätten. In diesem Frühjahr konnten wir unseren Bewerberpool aber noch nicht diversifizieren. Dafür kam zum Beispiel der Artikel im journalist zu spät. Seitdem erhalten wir aber Bewerbungen und Anrufe von Leuten, die auch mal anders sind, ich würde sagen: rund 20 Prozent vielfältiger. Wir sehen, allein die Diskussion darüber entfaltet langsam eine Wirkung. Leute lesen das – und überwinden eine Schwellenangst.

Beim Wissenstest mussten Bewerber die Alben des US-Rappers Jay Z. erraten. Ist das der richtige Weg, diese Menschen zu finden, die Sie suchen?
Bei solchen Fragebögen geht es ja nicht darum, 90 Prozent richtig zu beantworten, sondern darum, die Leute zu stressen, ihre Belastungsfähigkeit zu testen. Die Fragen sind vielfältiger, digitaler und bewusst schwer. Zudem haben wir erstmals Fall- und Gruppentests durchgeführt. Da merkst du schnell, wer kann kommunizieren, wer nicht? Wir probieren uns selbst noch aus und werden das Verfahren im kommenden Jahr weiter verfeinern: Nach drei Durchläufen haben wir ein zukunftsfähiges Muster.

Was sind weitere Erfahrungen?
Früher musstest du fast fertiger Journalist sein, um bei uns anzufangen – fünf Jahre freier Lokalreporter oder zwei Jahre Hilfsredakteur beim Fernsehen.
Heute brauchen wir Leute, die sich in einem ständig ändernden Markt behaupten. Ein Texter muss auch mal vor die Kamera treten oder eine Social-Media-Reportage schreiben. Genauso sollten Journalisten einen Überblick über jene Teile der Gesellschaft haben, die nicht akademisiert sind. Die Herkunftsfrage hat für mich also nicht nur mit dem Ort meiner Wiege zu tun, sondern auch mit der sozialen Schicht, der meine Eltern angehören. Der Recruiter muss sich vergegenwärtigen: Wir suchen Leute, die nicht so sind wie ich.

Sie hatten auch angekündigt, vier Stellen im Bewerbungsverfahren für Entwickler oder Produktmanager zu öffnen. Wie sieht es da aus?
Leute zu finden, die eine technische Lösung produzieren können, ist noch schwieriger. Hier setzen wir auf persönliches Scouting und die dpa-Innovationsschmiede Next Media Accelerator. Mit zwei Kandidaten führen wir Gespräche. Einer ist gerade erst volljährig geworden. Das ist ungewöhnlich. Aber der steckt fast alle bei uns digital in die Tasche.

Was ist das Fazit? Was können Medien tun, um vielfältiger zu werden?
Wir müssen einen breiteren Kreis von Menschen erreichen als bisher. Warum sind wir an Unis präsent, nicht aber an Berufsschulen? Sechs Jahre Animateur
im Robinson-Club könnten auf eine Art doch auch ein Psychologiestudium ersetzen. Und warum werben wir nur in deutscher Sprache? Ich möchte, dass
eines Tages der Vater, der die Stellenanzeige auf Türkisch liest, seiner Tochter sagt: Wäre das nicht was für dich? Wir müssen beim Bewerben unseres tollen Berufs besser werden!

Die Redaktion - 8.2.2018