Floskel des Monats: Obergrenze

Zugegeben: Die Obergrenze ist keine herkömmliche Floskel. Bei genauerer Betrachtung ist sie dennoch – sowohl sprachlich als auch inhaltlich – unsäglich.

Man legt einen kryptischen Grenzwert fest, behauptet aber, es wäre keiner. Tatsächlich traten Seehofer und Merkel, die sich zwei Jahre lang erbittert darüber stritten, vor die Presse und stellten ein „Regelwerk zur Migration“ vor. Mit einer „flexiblen“ Obergrenze von „max. 200.000 Flüchtlingen“.

Eine Obergrenze sei es nicht, sondern ein „beschränkter Zuzug“. Eine weitere Dehumanisierung gab es in der Formulierung des atmenden Deckels. Ein Wortgeschacher, das nach Werbung für Tupperware oder Pilates klingt, nicht aber nach einem ernsten Thema über Menschen in Not und Elend. Jedenfalls können nun alle ihre Basen beruhigen, dass sie ihre Forderungen verbal durchsetzen haben können.

Egal, wie man die Obergrenze nun nennen möchte: Viele sehen sie als Verstoß gegen die Genfer Flüchtlingskonvention und das im Grundgesetz verankerte deutsche Asylrecht. Und: Ein Eingriff in Grundrechte ist eben keine Verschärfung, wie häufig falsch geschrieben, sondern meist eine Einschränkung oder Verschlechterung dieser. Einen sinnvollen Effekt hatte die öffentliche Debatte über die Obergrenze trotzdem: Wer die komplizierte Konstruktion um die Zahl 200.000 nachrechnen wollte, kam nicht umhin, sich endlich mit den exakten Bedeutungen der Begriffe Asylbewerber, Flüchtling und Migrant auseinanderzusetzen, die häufig synonym verwendet werden.

Übrigens, falls Ihnen einmal die Lust an Jamaika vergehen sollte und Sie nach Alternativen suchen: Auch andere hissen die schwarz-gelb-grünen Farben: Die Aschanti in Ghana, Sachsen und der Pauliner-Orden, der nüchtern betrachtet auch gerne zu einer Paulanerkoalition aufschäumen könnte. Wohlsein!


Für den journalist analysiert das sprach- und medienkritische Webprojekt Floskelwolke.de von Sebastian Pertsch und Udo Stiehl in jeder Ausgabe eine Floskel oder Phrase, mit der Journalisten im Monat zuvor besonders häufig danebenlagen.

Die Redaktion - 9.11.2017