Floskel des Monats: Luftschlag

Wenn Politiker einen Krieg vor der Öffentlichkeit rechtfertigen müssen oder – wie unangenehm! – auch noch ein lästiges Parlament für einen Einsatz befragen müssen, ziehen sie gerne an der untersten Rhetorikschublade und greifen nach dem Nato-Wortschatz. Ein fulminantes Werk voller Euphemismen! Kriegsrhetorik ist zwar keine Erfindung der Neuzeit. Doch es ist auffällig, dass spätestens seit den 1990ern verstärkt auf eine verharmlosende, weniger brutal klingende Sprache geachtet wird, die sich leider zu häufig in den Medien unredigiert ausbreitet.

Nachdem in Syrien sieben Jahre lang massiv gegen das Völkerrecht verstoßen wurde, hat eine Taskforce aus USA, Großbritannien und Frankreich schnell reagiert und eine chirurgische Kriegsführung durchgeführt. Bis das geschah, wurden Menschen gefoltert und ermordet, Hunderttausende Zivilisten kamen ums Leben, Millionen wurden in die Flucht getrieben und ganze Städte wurden bis auf die Grundmauern zerstört. Aber nach 86 durch Giftgas getöteten Menschen ist Schluss mit lustig. Ein „barbarischer Akt“, twitterte US-Präsident Trump. Kanzlerin Merkel sah eine „sehr klare Evidenz“ und „sehr schwere Indizien“ für den Chemiewaffeneinsatz Assads. Das kann nur Krieg bedeuten!

Haben Sie etwa Krieg gesagt? Nein, das ist uns so rausgerutscht. Es war natürlich eine friedenserzwingende Maßnahme. Also ein Angriffskrieg? Nein, ein präziser Militärschlag in einem Konfliktgebiet. Dann war’s also eine Bombardierung aus der Luft? Nein, lediglich ein robustes Vorgehen. Also ein Luftangriff? Nein, es waren „gezielte Luftschläge“, wie die EUAußenminister verkündeten. „Die Operation wurde perfekt ausgeführt“, sagte der französische Präsident Macron, als hätte er ein Herz transplantiert. Ex-Außenminister Gabriel vermied ebenfalls deutliche Worte – er sprach von einem „Signal, das wichtig und angemessen war“. Vermutlich schlugen mehr als 100 Raketen und Bomben in Syrien ein – und vermutlich mit chirurgischer Präzision. Signale kamen allenfalls von den Fliegersirenen.

Der scheinbar harmlose Begriff Luftschlag ist ein gutes Beispiel: Zunächst handelt es sich um eine ungenügende Übersetzung von „Air Strikes“. Außerdem suggeriert die Floskel eine Präzision: Ein konzentrierter Schlag. Peng! Dass aus Versehen mal ein Krankenhaus zerbombt wird, darf als perfider Kollateralschaden verbucht werden. Natürlich würde niemand auf die Idee kommen, den Luftschlag mit einem Clownsauftritt im Zirkus zu verwechseln. Doch präzise Sprache ist bei einem so sensiblen Thema dringend gefordert, zumal es mit Luftangriff oder Luftbombardement korrekte Termini gibt. In diesem Sinne: Mission accomplished!


Für den journalist analysiert das sprach- und medienkritische Webprojekt
Floskelwolke.de von Sebastian Pertsch und Udo Stiehl in jeder
Ausgabe eine Floskel oder Phrase, mit der Journalisten im Monat
zuvor besonders häufig danebenlagen.

Die Redaktion - 4.5.2018