Floskel des Monats: An den Rollstuhl gefesselt

Als Mitte März der weltbekannte theoretische Physiker und Astrophysiker Stephen Hawking starb, traten die Medienvertreter von einem ins nächste Fettnäpfchen: Er sei an den Rollstuhl gebunden, gar „gefesselt“ gewesen. Einer der bekanntesten Aktivisten zum Thema Inklusion dürfte Raúl Krauthausen sein, der mit seinem Sozialhelden-Team die Plattform leidmedien.de betreibt. Krauthausen beantwortete unsere Frage, ob er denn an den Rollstuhl gefesselt sei, wie folgt: „Ich fühle mich nicht an den Rollstuhl gefesselt, weil der Rollstuhl für mich alles andere als Fesselung bedeutet. Der Rollstuhl bedeutet für mich Freiheit, Unabhängigkeit. Ein Rollstuhl ist ein Fortbewegungsmittel, das ich selbstbestimmt von A nach B bewegen kann. Das heißt, ohne Rollstuhl werde ich eigentlich gefesselt und zwar an den Ort, an dem mein Rollstuhl kaputtgegangen oder verloren gegangen ist oder mir unter dem Hintern weggeklaut wurde. Dann komme ich nämlich wirklich nicht vorwärts.“

Eine weitere Gefahr ist die mediale Stigmatisierung. Natürlich ist es – wie bei Hawking – erforderlich, auf seine Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) hinzuweisen; schließlich beeinträchtigte sie ihn, seitdem er 21 Jahre alt war. Und als Mensch ohne Behinderung ist es auch vielmehr ein Ausdruck des Erstaunens beziehungsweise der Bewunderung als eine gewollte Kränkung; das möchten wir keinem Kollegen unterstellen. Doch die Reduzierung auf diese Krankheit – oder besonders schlimm „trotz seiner Behinderung“ – lässt die Kompetenzen und Persönlichkeit unfair in den Hintergrund rücken.


Für den journalist analysiert das sprach- und medienkritische Webprojekt
Floskelwolke.de von Sebastian Pertsch und Udo Stiehl in jeder
Ausgabe eine Floskel oder Phrase, mit der Journalisten im Monat
zuvor besonders häufig danebenlagen.

Die Redaktion - 4.4.2018