Floskel des Monats: abgesegnet

Pünktlich zum zweiten Geburtstag unserer Kolumne im journalist erhält die „Floskel des Monats“ eine ungewöhnliche Weihrauchnote. Keine drei Wochen nach dem Scheitern der sogenannten Jamaika-Koalition – streng genommen ging es noch nicht einmal um Koalitions-, sondern lediglich um Sondierungsgespräche zum ersten Beschnuppern – kürte die Gesellschaft für deutsche Sprache das „Jamaika-Aus“ zum Wort des Jahres 2017. Der zweite Platz, die „Ehe für alle“, hätte uns zwar besser gefallen. Aber so verbreitete sich die heiliggesprochene Floskel „abgesegnet“ wie ein Lauffeuer und entkam erneut dem Fegefeuer. Möglicherweise liegt es auch am dubiosen C in den Parteinamen, dass die Union so ziemlich alles absegnet, was nicht niet- und nagelfest ist – und das machen ausgerechnet Laien!

Dass Söder die Nachfolge Seehofers als Ministerpräsident antreten konnte, lag laut einer österreichischen Zeitung daran, dass ihn die CSU-Landtagsfraktion „einstimmig absegnete“. So viel Harmonie kann nur der päpstliche Segen „Urbi et orbi“ toppen. Ohnehin scheint sich die Politik im Ressort vergriffen zu haben: Jede Gesetzesvorlage muss angeblich abgesegnet werden. Aber nicht nur den Christdemokraten, auch den Genossen wurden offenbar religiöse Mythen verliehen. Anders ist es nicht zu erklären, dass der niedersächsische Landesverband der SPD das lokale Bündnis mit der CDU erst absegnen musste. Und dann die Personalien und die GroKo-Gespräche auf Bundesebene – alles musste abgesegnet werden. Herr im Himmel! Würde nicht eine einfache Abstimmung ausreichen?

Ein zweites deutsches Fernsehen schaltete im Dezember die Partybeleuchtung an und behauptete kühn, der SPD-Parteitag hätte „grünes Licht“ für Gespräche mit der Union gegeben. Zuvor tappten die Delegierten allerdings noch im Dunkeln und mussten am helllichten Tag einen Vorstandsbeschluss absegnen. Eine Tageszeitung aus Baden-Württemberg beschwor gar einen „Crashtest“, und in Wolfsburg sah man Martin Schulz „rote Linien“ ziehen. Nachdem er den Buntstift beiseite gelegt hatte, trat er vor die Presse und warb für „ergebnisoffene Gespräche“. Das klingt nach ungewisser Zukunft. Genau wie die Zukunft doch meist ungewiss ist, sind auch Gespräche tendenziell ergebnisoffen. Sonst bräuchten sich die Parteien gar nicht zu treffen. Andererseits: Für uns als Floskelwolke sind die Politiker-Äußerungen rund um solche Koalitionsgespräche ein Segen – und den geben wir gerne auch hier an Sie weiter. Amen!


Für den journalist analysiert das sprach- und medienkritische Webprojekt Floskelwolke.de von Sebastian Pertsch und Udo Stiehl in jeder Ausgabe eine Floskel oder Phrase, mit der Journalisten im Monat zuvor besonders häufig danebenlagen.

Die Redaktion - 9.1.2018