Ein Algorithmus für mehr Kreativität

Claus Hesseling

Journalisten, Software-Entwickler und Wissenschaftler aus sechs europäischen Ländern arbeiten an einem Tool, das Redakteuren dabei helfen soll, neue Erzählansätze zu bekannten Themen zu finden. Der Hamburger Journalist Claus Hesseling gehört zum deutschen Team.

von Catalina Schröder

journalist: Herr Hesseling, Sie wollen Journalisten dabei helfen, Geschichten spannender aufzubereiten. Warum ist das nötig?
Claus Hesseling: Gerade in Newsrooms, in denen jeden Tag viele Texte produziert werden, fehlt es aus unserer Sicht oft an Zeit für Kreativität. Am Ende übernehmen dann doch viele die Überschrift einer Agentur, oder mehrere Nachrichtenseiten berichten mit demselben Dreh von einem Ereignis. Wir wollen mehr Vielfalt in diese Berichterstattung bringen.

Wie machen Sie das?
Stellen Sie sich vor, Sie schreiben den x-ten Artikel zu Raketentests in Nordkorea. Klar, da gibt es immer neue Entwicklungen, aber ihre Leser dafür zu begeistern, wird nicht ganz einfach sein. Unser Tool – INJECT – soll Ihnen dabei helfen, einen neuen Ansatz zu finden. Dafür speisen Sie Ihr Archiv in unser System ein. Alternativ können wir auch einen Pool an Quellen zur Verfügung stellen. Anschließend geben Sie Nordkorea in die Suchmaske ein. Unser Algorithmus wird dann nach Personen, Firmen, Statistiken, Orten und außergewöhnlichen Informationen zu diesem Stichwort suchen und Ihnen Informationen dazu liefern. Wenn es gut funktioniert, steigen Sie in Ihren Text anschließend nicht mit Kim Jong-un ein, sondern mit einer Person oder einem Schauplatz, von der oder dem Ihre Leser noch nichts gehört haben.

Mit wem arbeiten Sie an diesem Projekt?
Die Ursprungsidee stammt von der City University of London und wurde von der Google Digital News Initiative gefördert. Inzwischen wird das Projekt von der EU-Initiative Horizon 2020 für eineinhalb Jahre mit einer Million Euro finanziert. Wir sind 14 Partner aus sechs Ländern.

Was ist konkret Ihre Aufgabe?
Ich arbeite als freier Trainer an der Interlink Academy in Hamburg und bilde dort Journalisten aus. Wir machen viele internationale Projekte und betreuen aktuell die Kommunikation von INJECT: Wir schreiben Newsletter und kümmern uns um Social Media. Später werden wir in Deutschland die Redakteure schulen, die das Tool nutzen.

Ist die Software schon irgendwo im Einsatz?
Es gibt in Norwegen zurzeit den ersten Test mit drei kleinen Lokalzeitungen. Die Redakteure dort geben uns Feedback: Wie gut lässt sich das Programm bedienen? Ist die Benutzeroberfläche logisch aufgebaut? Liefert der Algorithmus Ergebnisse, mit denen sie etwas anfangen können? Die größte Herausforderung für unsere Software-Entwickler besteht aber momentan darin, das Tool an die einzelnen Sprachen anzupassen. Anfangs hat es nur mit englischen Quellen funktioniert.

Sind Sie bereits mit deutschen Redaktionen im Gespräch?
In einer frühen Phase haben wir es einer Onlineredaktion vorgestellt und einem Anbieter von Content-Management Systemen, der die Webseiten der ARD betreut. Nun müssen wir abwarten, welche Redaktionen in den nächsten Monaten bereit sind, das Tool zu testen. Wir beginnen jetzt damit, die Ersten konkret anzusprechen.

Was passiert, wenn die EU-Finanzierung ausläuft?
Dann soll es in ein marktreifes Produkt münden. Unsere holländischen Partner überlegen sich gerade eine Preisstruktur: Große Verlage sollen einmal mehr zahlen als kleine, und es soll auch für Freelancer erschwinglich sein.

Die Redaktion - 10.10.2017