Aus Fehlern lernen

Zu lang, zu oberflächlich, bringt nichts: Die Blattkritik ist in vielen Tageszeitungs-Redaktionen nicht besonders beliebt – und könnte besser ablaufen, zeigt eine Masterarbeit der Fachhochschule Kiel. Woran es hapert und wie Journalisten aus ihren Fehlern lernen können.

von Kathi Preppner

Das Potenzial der Blattkritik wird gerade im Regionalen von vielen Redakteuren nicht erkannt, glaubt Jörn Radtke. Darum hat der Journalismusprofessor das Thema an der Fachhochschule Kiel in die Lehre eingebracht. Kira Oster, die dort während ihres Volontariats beim Verlag A. Beig ein Masterstudium absolvierte, griff es auf.

Zu ihrer Abschlussarbeit mit dem Titel Blattkritik – von der lästigen Pflichtaufgabe zur täglichen Qualitätskontrolle hat Oster eine Online-Umfrage durchgeführt, an der 286 Redakteure regionaler Tageszeitungen teilgenommen haben. Zudem hat sie Interviews mit fünf zum Teil leitenden Redakteuren von SZ.de, Welt Hamburg, Zeit Wissen, Tagesspiegel und Geo geführt.

Die Umfrage zeigt, dass es bei 77 Prozent der Befragten eine Blattkritik gibt – mit der etwa die Hälfte davon eher unzufrieden bis sehr unzufrieden ist. Die Begründungen ähneln sich: Die Blattkritik wird als zeitraubend, unstrukturiert und oft auch als zu oberflächlich empfunden. Tatsächlich ist bei nur knapp zwölf Prozent die Dauer vorgegeben. Bei 41 Prozent gibt es einen Leitfaden, der die Blattkritik strukturiert und inhaltlich lenkt.

Für die tägliche Site-Kritik bei SZ.de gibt es zum Beispiel einen Katalog mit 15 Fragen, von denen die jeweiligen Kritiker sich mindestens fünf aussuchen müssen. Diese Herangehensweise hat sich Onlinechefin Julia Bönisch bei einer Regionalzeitung abgeguckt.

Probleme bereitet auch der Umgang mit der Kritik. In den meisten Redaktionen wird die Blattkritik vor allem von Redakteuren und Vorgesetzten (je über 70 Prozent) durchgeführt. Externe werden nur bei einem Fünftel der Befragten eingeladen. So wird die Blattkritik laut Umfrage mitunter für Eigenlob und Machtspiele genutzt. Persönliche Befindlichkeiten spielen nur für ein Zehntel der Befragten keine Rolle.

Das Problem bei der internen Kritik sei, dass keiner den Kollegen auf die Füße treten wolle, sagt Jürgen Schaefer, stellvertretender Geo-Chefredakteur. Darum gebe es bei Geo neben der Blattkritik mit Externen das „Heftbier“, bei dem ungezwungen darüber gesprochen werden könne, was gut und was nicht so gut funktioniert hat. Um den Mitarbeitern den Umgang mit Kritik zu erleichtern, gibt es bei SZ.de etwa alle zwei Jahre Feedback-Seminare.

Die oft mangelhafte Fehlerkultur in den Redaktionen mache die Blattkritik unbeliebt, glaubt Kira Oster, inzwischen Redakteurin bei shz.de. Dem journalist sagte sie: „Fehler möchte keiner machen – noch weniger möchte man explizit darauf gestoßen werden. Das ist absurd, weil man ja nur aus Fehlern lernen kann.“

Oster empfiehlt eine tägliche kurze Blattkritik von fünf bis zehn Minuten und eine lange, die wöchentlich oder monatlich durchgeführt wird. Zudem listet sie in ihrer Arbeit einige Beispielfragen an das Produkt auf.

Journalismusprofessor Radtke kann sich auch vorstellen, Leser einzubeziehen: „Die Redaktionen könnten die Blattkritik nutzen, um zu zeigen, dass sie sich und ihre Produkte hinterfragen und kritisch sehen, und Ergebnisse der Blattkritik vielleicht auch mit ihren Lesern diskutieren.“ So könne man Leser positiv stimmen, die sich über mangelnde Qualität der Zeitungen sowie fehlende Selbstkritik von Journalisten ärgern.

Die Redaktion - 11.4.2018