Aufklären. Aufräumen.

journalist-Chefredakteur Matthias Daniel (Foto: journalist)

"Tom Buhrow hat sich aufgemacht, die Kontrolle wiederzuerlangen", schreibt journalist-Chefredakteur Matthias Daniel in seinem Editorial über das Interview, das Hans Hoff mit dem WDR-Intendanten geführt hat. Über mehrere Wochen schien die größte ARD-Anstalt wie paralysiert. Jetzt stellt sich der Intendant.

Es gibt nicht so wahnsinnig viele Intendanten oder Senderchefs, die öffentlich Fehler zugeben würden. WDR-Intendant Tom Buhrow tut in unserem großen journalist-Interview genau das. Er sagt: „Ich werfe mir drei Fehler vor.“ Buhrow redet nicht drumherum, er wälzt es nicht auf die Vergangenheit ab oder spricht in einem nebulösen „wir“. Er nimmt es auf sich.

Über mehrere Wochen schien die größte ARD-Anstalt wie paralysiert. Seit der Stern Anfang April mit seinen Recherchen zu dem „Alpha-Tier“ die Berichterstattung über Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung im WDR losgetreten hatte, agierte der Sender hilflos. Die Stellungnahmen des WDR wirkten mal patzig, mal unvollständig, dann wieder verloren sie sich in einem nicht nachvollziehbaren Kleinklein. Immer sah das, was der Sender tat, irgendwie nachgeschoben oder ausweichend aus. Da konnten die Verantwortlichen noch so sehr betonen, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes oder des Arbeitsrechts keine Details nennen zu dürfen – in der Öffentlichkeit blieb das Bild eines Senders, der selbst nicht so genau weiß, was bei ihm eigentlich los war. Und noch schlimmer: was bei ihm eigentlich los ist. Das Bild eines Senders, der die Kontrolle verloren hat.

Tom Buhrow hat sich aufgemacht, die Kontrolle wiederzuerlangen.

Buhrow stellt sich, er erklärt, er gibt Einblick. Da ist der Ärger mit dem Personalrat – über Umgang und Einfluss. Er könne das verstehen, sagt Buhrow heute. „Ich hätte die Arbeitnehmerseite noch näher an meine Seite holen müssen.“ Da ist die Kanzlei, die der WDR zunächst als Anlaufstelle benannt hat, mit der der Sender aber schon in anderen Arbeitsrechtsangelegenheiten zusammengearbeitet hatte. Die Auswahl war falsch, sagt Buhrow heute über eine Entscheidung, die er selbst vor wenigen Wochen so getroffen hat. Und da ist der Umgang mit dem WDR-internen Whistleblower Arnim Stauth. Der hatte im Jahr 2010, vor Buhrows Amtszeit, eine Ermahnung erhalten, nachdem er Hinweise auf sexuelle Belästigung weitergeleitet hatte. „Die Ermahnung war rückblickend ein Fehler“, sagt Buhrow heute.

journalist-Autor Hans Hoff trifft bei seinem Interview auf einen Gesprächspartner, dem es um ernsthafte, konsequente Aufklärung zu gehen scheint. Man nimmt Buhrow ab, dass er den WDR ändern will. Und er zeigt offen, wie sehr ihn die vergangenen Wochen mitgenommen haben. Hier finden Sie unsere Vorabmeldung zu dem Interview.

Wie ist das eigentlich bei den anderen Sendern? Gibt es sexuelle Belästigung, Übergriffe, das Ausnutzen von Abhängigkeiten nur beim WDR? Nein, gibt es nicht. journalist-Autorin Kathi Preppner hat bei den ARD-Anstalten, dem ZDF, der Mediengruppe RTL und ProSiebenSat.1 nachgefragt, wie die Situation dort ist. Es zeigt sich: Die Sender haben aus der #MeToo-Debatte gelernt und gehen das Thema jetzt selbst an. Die zweite Erkenntnis: Auch bei anderen Sendern hat es Vorfälle sexueller Belästigung gegeben. Die Ergebnisse der Umfrage haben wir hier dokumentiert.

 

Die Redaktion - 1.6.2018