Umfrage
Welche Konsequenzen ziehen Sie aus dem Fall Relotius?
Ende Dezember machte der Spiegel den Fälscher-Fall öffentlich. (Foto: journalist)

Wir haben sechs Medienverantwortliche gefragt: welche Konsequenzen ziehen Sie für Ihre Redaktion aus dem Fall Claas Relotius?

Umfrage von Jan Freitag
 

Kai Gniffke (Foto: NDR/Thorsten Jander)

„Bedeutung journalistischer Standards“

Kai Gniffke, Chefredakteur ARD-aktuell

Der Fall Relotius hat uns noch einmal die überragende Bedeutung journalistischer Standards vor Augen geführt. Wir vertrauen nach wie vor unseren Korrespondentinnen und Korrespondenten in hohem Maße. Zugleich erwarten wir von ihnen, dass sie stets die Plausibilität ihrer Recherchen deutlich machen. Dabei kommt es uns zugute, dass im Fernsehen das Videomaterial meist einen nachprüfbaren Beleg darstellt.

 

Joachim Dorfs (Foto: LG Piecowski)

„Keine grundlegenden Veränderungen“

Joachim Dorfs, Chefredakteur Stuttgarter Zeitung

Beiträge, die von Handelnden gelesen werden und vielfach vor Ort spielen, unterliegen einer anderen Kontrolle als Stücke aus dem Mittleren Westen der USA oder Syrien – durch Leser und Kollegen. Deshalb wird es auch keine grundlegenden Veränderungen in den Redaktionsabläufen geben. Was es aber geben wird: eine Sensibilisierung aller Mitarbeiter, auch kleine Unsauberkeiten zu vermeiden. Und eine Bestätigung der Redaktionskultur, die auf Kontrolle, aber auch Vertrauen basiert.

 

Martin Grandl (Foto: Guido Engels)

„Starkes Verifizierungssystem“

Martin Gradl, Nachrichtenchef Infonetwork/RTL

Gedrucktes Kopfkino à la Relotius ist im TV kaum denkbar. Neben Faktencheck, Qualitätsmanagement und Kontrollinstanzen wie Rechtsabteilung oder Jugendschutz gilt bei uns der Bildbeweis – und hier haben wir ein starkes Verifizierungsteam aufgebaut. Nichtsdestotrotz zeigt uns die Causa, wie wichtig es ist, dass wir unsere Standards permanent hinterfragen. Denn natürlich sind auch wir nicht mit letzter Sicherheit vor Betrügern mit krimineller Energie gefeit.

 

Barbara Junge (Foto: taz)

„Teil der Ausbildung“

Barbara Junge, stellv. Chefredakteurin der taz

Die Kontrollfunktion der Medien bedeutet auch, das eigene Handeln zu hinterfragen. Das wird tagtäglich die journalistischen Diskussionen und Abläufe in der taz prägen. Sicher wird die Auseinandersetzung mit dem Fall Claas Relotius künftig zur Ausbildung der vielen jungen Kolleginnen und Kollegen gehören, die bei der taz ihre journalistische Karriere beginnen. Wo die Redaktion jenseits dessen Konsequenzen zieht, ist einen Monat danach noch gar nicht abschließend diskutiert.

 

Giovanni di Lorenzo (Foto: Jim Rakete)

„Ein Text war ganz erfunden“

Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur Die Zeit

Die betrügerische Energie von Claas Relotius war so enorm, dass vermutlich jedes andere Medium darauf reingefallen wäre. Auch für Zeit Online hat er fünf Texte geschrieben, von denen einer wohl ganz erfunden war, und bei einem Interview hat er Passagen hinzugedichtet. Unsere Recherchen laufen weiter. Allen, die in der Affäre einen Beleg für angebliche Selbstherrlichkeit erkennen wollen, sei jedoch zugerufen: Medien sind sich selbst korrigierende Systeme – nicht immer, aber immer öfter.

 

Daniel Puntas (Foto: privat)

„Selbstreinigender Effekt“

Daniel Puntas, Chefredakteur und Herausgeber Reportagen

Künftig werden die Sinne aller Redaktionsmitglieder auf Figurenzeichnung und allzu passende Szenen und Sprachbilder besonders geschärft sein. Das ist ein Reflex, der keine Maßnahmen erfordert, sondern eine automatische Folge des ganzen Skandals sein wird. Übrigens nicht nur bei Redakteuren, auch bei Reportern wird der Fall Relotius einen selbstreinigenden Effekt haben: Schwarze Schafe (die allerwenigsten!) werden Unsauberkeiten vermeiden. Unser Vertrauen in die Integrität des Reporters bleibt bestehen.

 

Die Redaktion - 16.1.2019