Sabine Schiffer
Sprache und Ausgrenzung
"Sprache und Ausgrenzung", so lautet der Titel des Vortrags von Sprachwissenschaftlerin Sabine Schiffer. (Foto: Diakonie Düsseldorf)

„Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten.“ So veranschaulicht Sabine Schiffer das Dilemma unserer Aufmerksamkeitssteuerung. Denn fast jeder hat jetzt unwillkürlich einen rosa Elefanten vor Augen. In einem Vortrag, den die Sprach- und Medienwissenschaftlerin auf Einladung der jüdischen Gemeinde in Marburg gehalten hat, erläutert Schiffer, wie unbedarfte Sprache im Journalismus antisemitische Vorbehalte schüren kann. Wir dokumentieren den Vortrag hier im Wortlaut.

von Sabine Schiffer

„Reden wir nicht nur, handeln wir lieber…“ Ein Satz wie dieser bezeugt, dass der Handlungscharakter von Sprache allgemein unterschätzt wird. Dabei kann man spüren, wie Schimpfworte und andere sprachliche Bösartigkeiten verletzen. Dass jedoch Sprechen Handeln ist, und was man mit sprachlichen und anderen Zeichen bewirken kann, ist spätestens seit dem Aufkommen der Sprechakttheorie von John L. Austin in Fachkreisen anerkannt.

Sprachliche und bildliche Zeichen steuern Aufmerksamkeit. Mit Zeichen lässt sich lenken - und zwar bewusst oder unbewusst. Fordere ich Sie auf „Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten!“, dann lenke ich Ihre Aufmerksamkeit auf die Vorstellung eines rosa Elefanten – auch, wenn ich diese Aufforderung explizit verneine. Unser Unterbewusstsein erkennt Verneinung nicht. Egal, wie man sich zu einem Sachverhalt äußert. Allein dadurch, dass man von etwas spricht, lenkt es Aufmerksamkeit und erklärt einen Sachverhalt damit für relevant. Und irrational, wie wir Menschen nun einmal sind, halten wir Dinge nicht zwingend für relevant, wenn sie wahr sind, sondern wenn sie möglichst oft wiederholt wurden. Es ist so banal, wie effektiv: Wiederholen ist überzeugen.

Inzwischen ist etwas mehr Wissen der Kognitionswissenschaft, also der Wie-das-menschliche-Gehirn-so-tickt-Wissenschaft, in die öffentliche Debatte gedrungen – etwa, wenn von Rahmung durch Kontext, auf Neudeutsch „Framing“ die Rede ist (vgl. George Lakoff/ Elisabeth Wehling). Die Debatte über das gefährliche Framing der „Hart-aber-Fair“-Redaktion bei einer Sendung mit dem Titel „Flüchtlinge und Kriminalität“ im Sommer 2018 hat gezeigt, wie wenig Bewusstsein über das Funktionieren sprachlicher Zeichen sogar bei Menschen vorhanden ist, die mit derlei Zeichen arbeiten. So twitterte die „Hart-aber-Fair“-Redaktion von Frank Plasberg folgende Antwort auf die Vorwürfe über den leichtfertigen Umgang mit Sprache und Ressentiments: „Framing? Als Journalisten können wir mit diesem Begriff wenig anfangen. Wir versuchen das, was Menschen beschäftigt, so darzustellen, wie es ist.“ 

Diese Aussage offenbart ihre ganze Naivität darin, dass sie unterstellt, dass man Realität einfach abbilden könne – wobei man sich subjektiver Zeichen bedienen muss. Ein Bewusstsein für die Konstruiertheit jedweder Darstellung – also für die eigenen Entscheidungen für Ausschnitte, Begriffe, Bilder und gegen andere ebenso mögliche – fehlt hier anscheinend völlig. Denn egal, wie schließlich die Sendung daherkommen wird und wenn sie als Hauptbotschaft hinausrufen sollte: „Flüchtlinge sind nicht krimineller als andere!“, so bleibt für das Gehirn eben nur die Verknüpftheit der beiden Hauptbedeutungen übrig – übertragen also die Botschaft vom rosa Elefanten.

Historische Erkenntnisse ernster nehmen

Eigentlich sollte man aufgrund der Antisemitismusforschung mehr erwarten können, aber der Blick auf die NS-Zeit verstellt anscheinend das Wahrnehmen der subtileren Formen der Ausgrenzung. Etwa als der Journalist Otto Glagau in der Berliner Zeitschrift „Gartenlaube“ anlässlich der Wirtschaftskrise 1873/74 über die Schwindler in Banken und Börsen berichtete, erwähnte er bei einigen Beteiligten extra eine bestimmte Gruppenzugehörigkeit. Indem er das Adjektiv „jüdisch“ zusätzlich erwähnte oder Markierungen einbrachte, wie „mosaischen Glaubens“ oder „der aus Posen stammende…“, betonte er, dass einige der Verantwortlichen Juden waren. Bei der Mehrzahl der nichtjüdischen Beteiligten erwähnte er nicht, ob sie Christen waren.

Darauf angesprochen, dass seine Berichterstattung antisemitisch sei, wehrte Glagau ab und konnte belegen, dass er ja über alle Verbrecher berichtetet hätte. Das stimmt, das ist Fakt – nur, hat er es eben bei beteiligten Juden irgendwie besonders erwähnt, also markiert, und damit das Merkmal für relevant in dem Kontext erklärt. Mit der Markierung beginnt also bereits die Diskriminierung. Eine solche Markierung kann sprachlich oder bildlich erfolgen und hat den Effekt, dass der berichtete Sachverhalt irgendwie der ganzen Gruppe zugewiesen wird. Diesen verallgemeinernden Reflex hat beziehungsweise macht das Medienpublikum – wir alle nehmen die erwähnten Ausschnitte aus der Realität pars pro toto wahr, also den kleinen erwähnten Ausschnitt als repräsentativ für das große Ganze. Wenn wir Länder, Menschen, Abenteuer nicht persönlich kennen, sind wir schnell geneigt, vom berichteten kleinen Teil auf das Aha-so-ist-das-bei-Denen zu schließen.

Wenn also zu bestimmten Artikeln über Verfehlungen welcher Art auch immer Bilder von Kippa tragenden Juden oder Kopftuch tragenden Musliminnen montiert werden, dann ist davon auszugehen, dass man die damit aktualisierte Gruppe als irgendwie besonders affin für den berichteten Sachverhalt ansieht. Markierungen bewirken sehr häufig Zuweisungen. Denn wir alle gehen davon aus, dass die berichteten Fakten auch relevant für den Sachverhalt sind, um den es eigentlich geht – dass diese Fakten sonst eben nicht erwähnt würden. Man kann hier von Relevanzsuggestion sprechen.

Wenn etwa, wie in einem Mediennewsletter einer Stiftung folgender Satz steht: „Der jüdische Medienmogul Haim Saban kauft zwei TV-Sender, um die Israel-Berichterstattung positiv zu beeinflussen.“, dann meinen nicht wenige, dass es relevant ist, dass Haim Saban Jude ist und dies tut. Das meint Saban auch selbst. Dennoch wird bei sachlicher Überprüfung deutlich, dass die besondere Betonung durch das Adjektiv „jüdisch“ hier irrelevant ist und lediglich Klischees bedient – denn diese Medienpolitik gegenüber Israel ist auch im Hause Springer Usus und wird umgekehrt von vielen anderen jüdischen Medienvertretern nicht geteilt. Auch ein reales Fakt verhindert also nicht ein falsches Fazit. So subtil kann der Antisemitismus daherkommen und das ist nicht harmlos.

Als besonders fatal erweist sich in diesem Kontext die Aufweichung der Richtlinie 12.1 des Pressekodex. Wo früher ein „begründeter“ Sachbezug zum berichteten Sachverhalt gefordert wurde, wird jetzt lediglich ein „begründbarer“ Sachbezug formuliert, der vom „begründeten öffentlichen Interesse“ abhängig gemacht wird. Wie sehr man sich einbilden kann, sachlich über „das, was ist“ zu debattieren, haben wir bei der Auseinandersetzung mit der „Hart-aber-Fair“-Sendung gesehen. Wie dehnbar „begründbar“ mit Bezug zu einer inzwischen algorithmisch gesteuerten Öffentlichkeit ausgelegt werden kann, lässt sich erahnen. Ohne Not und Verstand hat man das Prinzip aufgegeben, die Relevanz der Faktennennung am Sachverhalt zu orientieren.

Statt also die Lehren aus der Geschichte der am besten untersuchten Hass-Sprache ernst zu nehmen und gemäß der vielfältigen grafischen Gestaltung in der modernen Medienkommunikation eine Richtlinienergänzung 12.2 für visuelles Framing anzufügen, gibt man bewährte Prüfstandards auf – weil man offensichtlich unter Journalisten (im und außerhalb des trendsettenden Selbstkontrollorgans Presserat) vergessen hat, dass der Prüfauftrag von 12.1 kein Auftrag zum Verschweigen von relevanten Personenmerkmalen und somit ein Angriff auf die Meinungsfreiheit war, sondern eben ein Appell an eine vernunftgeleitete Überprüfung eigener Vorurteile, die zur Bevorzugung bestimmter stereotyper Merkmale führen könnten.

Ein größeres Bewusstsein scheint bei Metaphern zu herrschen, die komplexe Bilder evozieren und eine eigene innere Logik aktualisieren. Wenn „Fluten, Wellen oder Ströme“ von was auch immer auf uns zukommen sollen, dann ist die natürliche Reaktion die der Abwehr. Denn es wäre geradezu unklug, sich den Naturgewalten schutzlos auszuliefern. Durch das sprachliche oder bildliche Anspielen auf derlei Vorstellungen kreiert man gewissermaßen einen Frame der Selbstverteidigung. So lässt sich das häufige Verschleiern von Aggression hinter Formulierungen der Abwehr erklären und auch, warum manche Menschen dafür kein Unrechtsbewusstsein haben, dass sie gegen andere Menschen vorgehen – weil sie sich in ihrer Vorstellung ja „nur verteidigen“. Das Potenzial der Entmenschlichung addiert sich hier auf fatale Weise zum falschen Frame. Auch Bilder von vollen, bald untergehenden Booten – sei es auf Plakaten rechtsextremer Parteien oder dem Magazin „Der Spiegel“ vom Beginn der 1990er Jahre bis heute verfehlen ihre volkverhetzende Wirkung nicht; ebenso wenig Karikaturen von Blutsaugern als Verbildlichung verwerflichen Handelns in der Finanzkrise. Was aber mit wohlmeinenden Äußerungen, die dennoch ausgrenzende Wirkung haben?

Grenzen wohlmeinender Diskurse

Auch wohlmeinende Äußerungen können ausgrenzenden Charakter haben. Wenn etwa Charlotte Knobloch meint, „das Verhältnis von Deutschen und Juden“ habe sich gebessert, so verrät sich das trennende UND durch eine Gegenprobe. Auch ein Satz, der das Verhältnis von Deutschen und Muslimen erörtert, ist möglich. Aber ein Satz, der sich über das Verhältnis von Deutschen und Christen auslässt, macht keinen Sinn. Dies verrät, dass man sich den normalen, die prototypischen Deutschen immer noch als Christen vorstellt. Und Sie haben jetzt sicher bemerkt, dass ich mit der Formulierung „immer noch“ eine bestimmte Entwicklung unterstelle?!

Auch Beschreibungen wie „der deutsch-jüdische Autor Rafael Seligmann“ zeigen im Sprachvergleich ihre Markierung, denn ein deutsch-christlicher Autor würde als Beschreibung nicht akzeptiert. Und eine Feststellung, dass „Frauen genauso gut Karten lesen können wie Männer“ unterstellt vor allem einmal, dass Männer dies könnten. Auch unausgesprochene Prämissen können ihre diskriminierende Wirkung entfalten, wie das Syntagma „die Gleichstellung der Frau“ beispielhaft aufzeigt. Hier schwingt eine Norm mit, an die sich Frauen anpassen dürfen. Im nunmehr zehnten Jahr der sogenannten Islamkonferenz werden die Teilnehmenden in Deutschland begrüßt. Das ist schön, bedeutet aber zunächst einmal vor allem, dass auch hier geborene Muslime als irgendwie eingewandert interpretiert werden.

Noch schlimmer und entmenschlichender ist jedoch die Anwendung eines Kosten-Nutzen-Frames auf Menschen. Dieser beginnt häufig bei markierten Gruppen, betrifft aber schließlich alle. So kann man in Bezug auf Migranten, Behinderte und andere gerne Markierte immer wieder Aussagen wie diese hören oder lesen: „Sie zahlen mehr in die sozialen Kassen ein, als sie kosten.“ Das ist darum fatal, weil man damit diesen Frame akzeptiert, der eigentlich gegen die Menschenrechte verstößt und schnell dazu führt, dass man umgekehrt Ausweisung und die Aufgabe von Hilfsleistungen fordert, wenn jemand seinen ökonomischen Leistungsanspruch nicht erfüllt – so wird unter anderem auch die Lebenserfahrung alter Menschen entwertet. Ähnlich auf die Allgemeinheit wirkt auch der Frame der Gefährlichkeit bestimmter Gruppen, weshalb man geneigt sein könnte, den Abbau von Bürgerrechten, Überwachung etc. zu akzeptieren. Das Einfallstor für unpopuläre und illegitime Maßnahmen ist gerade, dass diese zunächst nur „die anderen“ zu treffen scheinen.

Wenn aber auch wohlmeinende Diskurse auf die Gesellschaft spaltende Wirkung haben können, wie ich es ausführlicher in einem Artikel mit dem gleichen Titel auf migazin.de ausgeführt habe, was machen wir dann mit offenem Hass? Die No-Hate-Speech-Kampagne, die sehr wichtig ist, um Bewusstsein für die Verrohungen der Diskurse zu schaffen, zeigt die Problematik ungewollt auf. Das Konzept „Counterspeech“, also die Gegenrede, kann genau das befördern, was wir weiter oben schon erörtert haben. Das vermehrte Zeigen auf das Unerwünschte, verstärkt es, erklärt es für besonders relevant. Dem Dilemma entkommen wir anscheinend weder durch Ignorieren noch Dagegenhalten.

Was zu überlegen ist, sagt George Lakoff in einem CNN-Interview unter der Überschrift „How to fact check Trump without repeating his lies“ – also, „Wie kann man Trumps Behauptungen überprüfen, ohne seine Lügen zu wiederholen?“ Lakoff plädiert gemäß dem Bewusstsein für die Zeigefunktion von Sprache dafür, die Frage danach zu stellen, wovon Trump & Co. mit bestimmten Provokationen ablenken wollen, statt ihrem interessierten Blick auf das Zielobjekt ihrer Äußerungen zu folgen. Sprich: Was ist eigentlich relevant? Welches Thema wird gerade überblendet? Wo ist der große, übergeordnete Zusammenhang? Und darüber lohnt es sich zu streiten – statt sich an den Symptömchen abzuarbeiten und konstruktiv zu nutzendes Potenzial sinnlos abzuschleifen.

Sabine Schiffer ist als Professorin für Journalismus und Kommunikation an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Frankfurt/Main tätig und leitet das Institut für Medienverantwortung in Berlin.

Die Redaktion - 14.12.2018