Ingrid Brodnig
„Online sind die Menschen ruppiger“
Ingrid Brodnig (Foto: Pertramer Brandstaetter Verlag)

Ihr Thema ist die digitale Gesellschaft. Wobei Ingrid Brodnig in ihren Büchern vor allem die negativen Auswüchse der Digitalisierung analysiert hat. Der journalist sprach mit der österreichischen Journalistin, die sich bei Besser Online als Digitalexpertin mit Strategien gegen Hass und Lügen im Netz befassen wird.

Interview von Monika Lungmus

journalist: Sie sind gerade aus dem Urlaub zurückgekommen. Waren Sie offline oder online?
Ingrid Brodnig: Ich war so halb offline. Ich habe mir angewöhnt, im Urlaub  Facebook und Twitter zu deinstallieren, weil ich sonst gedanklich dauernd bei der Arbeit bin. Ich schaue ab und zu in die Mails, nutze beispielsweise auch  Instagram, bewege mich sonst aber nicht in den sozialen Medien.

Ist das auch etwas, was Sie anderen raten: im Urlaub eine klare Grenze zur Arbeit zu ziehen?
Absolut. Ich glaube, dass es extrem wichtig ist, bestimmte Zeiten freizuräumen. Zum Beispiel versuche ich, abends unter der Woche nicht auf Facebook und Twitter zu schauen – manchmal deinstalliere ich auch die App, einfach weil ich sonst ständig hinschaue, mich über manche Dinge aufrege oder andere Dinge total interessant finde.

Die digitale Gesellschaft ist Ihr großes Thema: Was ist für Sie das Spannende daran?
Ich glaube, dass die Digitalisierung ähnlich massive Auswirkungen auf die Menschheit haben wird, wie die Entdeckung der Elektrizität oder die Erfindung der Eisenbahn. Und es ist wichtig, in solchen Phasen des technischen  Fortschritts immer wieder die Frage aufzuwerfen: Was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Sind genügend Sicherheitsmechanismen gegen die negativen Auswüchse eingebaut? Bereitet sich die Gesellschaft also  entsprechend auf den Wandel vor? Für mich ist es eine spannende Frage, wie wir diese Veränderung gestalten sollten.

Wie verändert die Digitalisierung den Menschen, das Leben der Menschen?
Die Digitalisierung hat es leichter gemacht, dass wir permanent erreichbar sind. Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt. Das andere ist die zwischenmenschliche Ebene. Es ist heute leichter, beispielsweise andere  Menschen niederzumachen. Denn der nonverbale Austausch, die nonverbalen Signale – Augenkontakt, Mimik, Gestik – fallen weg. Wir kommunizieren heute, ohne jemandem ins Auge schauen zu müssen. Und das führt eher dazu, grob gegen andere zu sein.

In Ihrem Buch „Hass im Netz“ haben Sie sich intensiv mit dem Thema befasst.
Genau. Man kann tatsächlich beobachten, dass Menschen online ruppiger sind. Das muss nicht immer Aggression sein. Aber wir können sehen, dass auch harmlose Debatten entgleiten. Und einer dieser Faktoren, warum Menschen online enthemmter sind, ist die Anonymität. Im Netz weiß man ja oft nicht den echten Namen des anderen. Zusätzlich fehlt der Augenkontakt, was man die Unsichtbarkeit im Internet nennt.

Sind Sie selbst auch schon im Netz beleidigt und beschimpft worden?
Ja sicher. Ich bin zum Glück nicht die größte Zielscheibe. Aber natürlich erlebe ich immer wieder Beleidigungen und auch einige sexistische, herabwürdigende Äußerungen. Ich bekomme schon recht viel Wut ab.

Was ist der Auslöser für die Beleidigungen?
Der Auslöser ist in der Regel, dass ich in deutschen Medien ein Interview gebe – wie jetzt gerade. Dann folgen oft E-Mails oder Twitter-Meldungen. Mit Sätzen wie „Wir werden dich ficken“. Oder man beschimpft mich – zum Beispiel als „eine Agentin der BRD GmbH“. Ich finde letzteres ganz lustig, weil ich ja Österreicherin bin. Die Anfeindungen sind manchmal schon eher grotesk.

Fühlen Sie sich dadurch angegriffen? Oder können Sie darüber hinweggehen?
Ich fühle mich von solchen Tweets nicht direkt angegriffen, weil manch ein Vorwurf einfach absurd ist. Aber es zeigt doch, wie vergiftet das Klima ist. Nicht der einzelne Tweet, sondern eher die Masse solcher Tweets sind das Unangenehme.

Wie reagieren Sie auf solche Angriffe?
Auf das Meiste reagiere ich nicht. Auch weil mir einfach die Zeit fehlt. Ich hätte gar keine freie Minute mehr, wenn ich auf jeden Kommentar eingehen würde.

Aber in gewissen Fällen reagieren Sie schon.
Es gibt drei Reaktionen: Das eine ist Ignorieren. Manche User ärgert das auch, wenn sie keine Reaktion auslösen. Das zweite ist Thematisieren. Das heißt, ich zeige anderen Nutzern, was ich erlebe, mit welchen Aggressionen ich konfrontiert werde, und erkläre, warum ich das problematisch finde. Und das Dritte ist Nachfragen. Das tue ich, wenn ich das Gefühl habe, jemand ist vielleicht noch diskussionsbereit, wenn man ihm die Hand reicht. Ich überlege aber immer, ob meine Reaktion etwas bringt, ob da etwas Positives herauskommen kann. Denn eines ist klar: Es gibt kein Recht auf eine Antwort. Was viele dieser aggressiven User sich wünschen, ist ja, dass man den ganzen Tag mit nichts anderem mehr die Zeit verbringt als mit ihnen. Wir müssen auch lernen, Dinge einfach stehen lassen zu können. Das ist ungeheuer wichtig.

Wer am lautesten schreit, der wird am ehesten gehört. Pöbeln lohnt sich also. Schenken die klassischen Medien den Schreihälsen zu viel Aufmerksamkeit?
Ja, klassische Medien beschäftigen sich sehr gerne mit Schreihälsen. Sie tendieren dazu, das Drama hervorzuheben. Und Aggressionen bieten Drama. Das Problem ist die menschliche Natur. Es ist so, dass Menschen eher hinschauen, wenn etwas brisant und emotionalisierend ist. Das nennt man auch den „negativity bias“. Aggression ist gerade im Internet eine wunderbare Strategie, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Postings mit Schimpfworten bekommen zum Beispiel mehr Likes. Wut auslösende Kommentare erhalten sehr gutes Feedback.

In Deutschland wurde jetzt das Netzwerkdurchsetzungsgesetz von der Bundesregierung vorgelegt. Finden Sie es richtig, das Netz stärker zu reglementieren?
Ich finde es richtig, dass das Netz stärker reglementiert wird, dass es vor allem klarere Vorgaben für die großen Plattformen gibt. Was das Netzwerkdurchsetzungsgesetz betrifft: Da gibt es zu Recht Kritikpunkte. Denn hier besteht ja die Gefahr des Overblocking. Großen Plattformen drohen hohe Bußgeldzahlungen, wenn strafbare Inhalte nicht zeitnah entfernt werden.

Es werden also auch Äußerungen gelöscht, die man möglicherweise hätte stehen lassen können.
Das ist die große Sorge. Bisher wurde vieles zugelassen, was strafbar ist. Und jetzt dreht sich das Pendel schlimmstenfalls in die andere Richtung. Was ich am Gesetz gut finde ist, dass die großen Plattformen regelmäßig darüber informieren sollen, wie viele Hasskommentare ihnen gemeldet worden sind, wie viele sie davon gelöscht haben und wie viel Personal sie dafür engagieren. Bisher tappen wir im Dunkeln, wie viele deutschsprachige Moderatoren Facebook zum Beispiel angestellt hat. Und nun wird Facebook gezwungen, mehr Transparenz herzustellen.

Was können Journalisten gegen die Hetze und für eine faire Debattenkultur im Netz tun?
Journalisten, die auf Facebook oder Twitter aktiv sind, sollten genau differenzieren: Ist es eine Kritik, die einfach persönlich untergriffig ist? Oder ist es Kritik, die Substanz hat, auch wenn sie persönlich verärgert? Im letzten Fall sollten wir die Diskussion führen und sie auf ein sachliches Level heben.

Was sagen Sie dazu, wenn eine Redaktion ihre Diskussionsforen ganz dichtmacht?
Das halte ich für gefährlich, weil die Debatte dann noch mehr an große Plattformen wie Facebook ausgelagert wird. Lässt man die User im eigenen Forum diskutieren, haben Redaktionen viel mehr Möglichkeiten. Sie können entscheiden, welche technischen Moderationstools sie verwenden, nach welchen Kriterien die Kommentare gereiht und freigeschaltet werden. Auf Facebook ist es nicht möglich, dass sie erst die Kommentare lesen und dann frei schalten. Man kann es erst danach moderieren. Das ist das eine. Das andere ist: Wenn Menschen heute über Politik diskutieren wollen, ist es ganz normal für sie geworden, das einfach auf Facebook zu tun. Das finde ich schade. Klassische Medien könnten schon auch der Ort sein, wo sich Menschen miteinander austauschen. Gut macht es Zeit Online, wo gewissenhaft moderiert wird. Und wenn im Zweifelsfall nachträglich Kommentare gelöscht werden, steht immer dabei: „Gelöscht, bitte bleiben Sie sachlich“. Das ist sinnvoll. Wenn man eingreift, sollte man es dem User auch erklären.

In Ihrem neuesten Buch „Lügen im Netz“ geht es um Fake News, um gezielte Desinformation. Da sind Journalisten ebenfalls gefragt.
Erstens können Journalisten Falschmeldungen aufdecken, und zweitens können sie den Lesern ein besseres Gespür, ein besseres Verständnis für die Systematik dieser Fake News geben. Viele Falschmeldungen funktionieren über Wut. Erfundene Meldungen machen Menschen so wütend, dass diese nicht mehr darüber nachdenken, ob das richtig ist oder nicht. Journalisten könnten dazu beitragen, dass die Menschen hier wachsamer werden und stärker auf ihr eigenes Verhalten achten.

Falschmeldungen werden auch politisch eingesetzt, um Leute bewusst in eine Richtung zu lenken. Wir erleben das permanent, dass mit Falschmeldungen die politische Debatte verhärtet wird. Und ich finde es richtig und wichtig, wenn Medien spezielle Faktencheck-Teams einrichten und Falschmeldungen richtigstellen. Aber wenn eine Falschmeldung keine große Öffentlichkeit erreicht, dann sollte man überlegen, ob man das Thema überhaupt anspricht und sichtbar macht, also etwas verbreitet, was sonst kein großes Publikum gehabt hätte.

Sie sagen: Die Lügen sind deswegen erfolgreich, weil sie permanent wiederholt und den Leuten eingehämmert werden.
Genau. Deshalb sollte man auch immer wiederholen, welche Medien unseriös sind, und darauf hinweisen: Diese Seite hat schon wieder eine Falschmeldung gebracht. Man sollte aber auf die Formulierung achten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Donald Trump behauptet ja immer wieder, dass Medien Fake News seien. Die erste Reaktion vieler Journalisten darauf ist: „Nein, Medien sind keine Fake News“. Damit wird aber der Spin wiederholt, den Donald Trump verbreitet, und nur ein „Nein“ davorgesetzt. Sinnvoller ist es zu sagen: Donald Trump hat einen zutiefst problematischen Umgang mit Fakten. Und genau dieses immer zu wiederholen und so die Debatte auf diese Ebene zu ziehen.

 

Zur Person:
Ingrid Brodnig (32) ist freie Publizistin, Digitalexpertin und Buchautorin; von 2015 bis 2017 hat sie als Medienredakteurin beim österreichischen Nachrichtenmagazin Profil gearbeitet, wo sie noch wöchentlich eine IT-Kolumne schreibt. Seit April ist sie Digital Champion Österreichs in der EU.

Die Redaktion - 21.9.2017