Wir Panikmacher

journalist-Chefredakteur Matthias Daniel schreibt in seinem Editorial über das Titelthema der Januar-Ausgabe:

Sind Sie noch in der Krise? Und damit meine ich nicht den Weihnachtsstress oder die Frage, wie man den Plätzchenbauch wieder abtrainiert. Es geht um die Staatskrise. Die ganz große Nummer. Alles im Wanken beziehungsweise im „freien Fall“, wie der stern schrieb. „Stunde Null“, prophezeite der Spiegel. Nein? Kein beklemmendes Gefühl mehr bei Ihnen? Bei mir auch nicht. Ist wohl noch mal gutgegangen.

Sondierungsgespräche hin, Regierungsbildung her. Wo hört kritische Analyse auf und wo beginnt mediale Panikmache? In der Rückschau lässt sich über Situationen wie das Scheitern der Jamaika-Gespräche natürlich leichter urteilen. Zum ehrlichen Blick gehört aber auch, sich zu fragen, wie man die Situation selbst zu dem Zeitpunkt eingeschätzt hat, als sie passierte.

Auch jenseits der Politik hat sich bei vielen Themen ein skandalisierender Grundton in den Medien ausgebreitet. Überall lauern Chaos, Tod und Katastrophen, selbst wenn manchmal einfach nur Schnee fällt. Wo bleibt da noch die Steigerungsmöglichkeit, wenn ernste Gefahr droht?

„Berichterstattung über Gefahren ist schon deshalb schwierig“, schreibt journalist-Autor Michael Kraske, „weil Menschen Risiken permanent falsch einschätzen“. In Umfragen fürchten zum Beispiel 70 Prozent der Menschen hierzulande, Opfer eines Terroranschlags zu werden. Aber vergleichen Sie mal das Risiko, von Terroristen ermordet zu werden mit dem Risiko, im Straßenverkehr zu sterben. Experten sagen: Alltägliche Gefahren wie Rauchen und Autofahren werden in der Tendenz massiv unterschätzt, die Terrorgefahr dagegen deutlich überschätzt.

Aber selbst wenn es nicht um das Thema Terror geht: Wie soll man denn angemessen über Klimawandel, Insektensterben, Schweinegrippe oder Glyphosat berichten? Nehmen wir das Beispiel Schweinegrippe. Die gängige Meinung aus heutiger Sicht ist: weit überschätztes Thema. In Erwartung einer verheerenden Pandemie orderten Regierungen weltweit für gigantische Summen Impfstoffe, die nie gebraucht wurden. Auf der anderen Seite berichtete zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung vor einiger Zeit über eine Studie, nach der ungefähr zehnmal mehr Menschen an dem Virus H1N1 gestorben sein könnten, als offiziell gezählt wurden.

Michael Kraske formuliert das so: „Der Journalismus ist permanent gefordert, das richtige Maß zwischen Verharmlosung und Übertreibung zu finden.“ In unserer Titelgeschichte macht Kraske sich darüber Gedanken, wie man genau das hinbekommt.

Ich wünsche Ihnen einen unaufgeregten und erfolgreichen Start ins Jahr 2018. Wollen Sie den journalist kennenlernen? Dann hier entlang.

Matthias Daniel - 4.1.2018