"Was soll das für eine Satire sein, die politisch ausgewogen ist?"

Ralf Kabelka: "Je mehr Druck die AfD macht, desto häufiger ist Florian Silbereisen im Programm." (Foto: Sven Bittner)

Bei der Harald-Schmidt-Show war er Redaktionsleiter, heute moderiert er die ZDF-Sketchsendung Danke Deutschland!, arbeitet für die Heute-Show und steht Jan Böhmermann im Neo Magazin Royale als Sidekick gegenüber. Ralf Kabelka erzählt in Teil 2 unserer Serie zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, warum die Öffentlich-Rechtlichen ihr Geld wert sind, auch Politiker auf die Quote gucken und was passierte, nachdem ihm auf einer AfD-Demo die Clownsperücke weggerissen wurde.

Interview von Alexander Hartwig

journalist: Ihr Kollege Jan Böhmermann hat bereits vor drei Jahren in seiner Sendung den Rundfunkbeitrag unter die „Neo-Magazin-Telelupe“ genommen. Böhmermann sagte, er stehe „zwischen den Stühlen“. Wie ist das bei Ihnen?
Ralf Kabelka: Ich bin darauf angewiesen, dass es einen Rundfunkbeitrag gibt. Ich werde in der Regel zwar von externen Produktionsfirmen bezahlt, die haben das Geld aber von den Sendern bekommen. Außerdem nutze ich die Segnung der Pensionskasse der öffentlich-rechtlichen Anstalten. So gesehen finde ich es schon gut, dass es den Rundfunkbeitrag gibt.

Also finden Sie die Finanzierung der Öffentlich-Rechtlichen gerecht?
Ja! Also nicht nur, damit sie mich prächtig bezahlen können, sondern weil ich finde, dass alles, was innovativ ist, eher von den öffentlich-rechtlichen Sendern kommt. Was für einen Grund gibt es heutzutage, für einen, der einigermaßen helle in der Birne ist, noch Sat.1 zu gucken? Ich finde, es gibt keine Sendung mehr, die es wert ist, diesen Sender einzuschalten, der ja noch zu den großen Playern gehört. Und RTL wiederholt sich quasi immer selbst. Nur bei den kleineren Privatsendern gibt es meiner Meinung nach noch innovative Formate.

Als im März bei ProSieben die neue Show von Klaas Heufer-Umlauf, Late Night Berlin, an den Start ging, hat Jan Böhmermann mit dem Sixt-Werbespot #welovetoenteryou direkt mal die erste Sendung sabotiert.
Sabotiert kann man nicht sagen. Das war ein kleiner Schabernack, den wir uns erlaubt haben. Wir wollten in der Werbepause einfach eine kleine satirische Spitze loslassen. Aber eigentlich war es ein freundliches Winken aus Köln an die Spree.

Auf Schabernack können wir uns einigen?
Ja, aber Sabotage finde ich zu stark. Berlin war total sauer darüber, mittlerweile sieht man das entspannter, aber wir haben das hier als liebevolles Necken gesehen.

Die Aussage in dem Spot ist trotzdem interessant: Glaubwürdige Satire funktioniert nur ohne Werbung. Stimmen Sie zu?
Naja, ich habe viele Jahre für Harald Schmidt gearbeitet, und er hat ja auch seine besten Jahre im privaten Fernsehen gehabt. So gesehen war das natürlich eine Zuspitzung, die nicht aus dem luftleeren Raum kam. Ich glaube, dass Sender wie Sat.1 vor zehn, 15 Jahren noch anders waren. Und das sieht man auch bei Klaas, der es jetzt ein bisschen schwerer hat.

Inwiefern hat er es schwerer?
Seine Quoten liegen jetzt unter dem Senderdurchschnitt, und da muss man halt sehen, wie ProSieben damit umgeht. Hält so ein Sender wie ProSieben das im Jahr 2018 durch und ermöglicht es Klaas und seiner Show, sich zu entwickeln? Oder werden die Verantwortlichen nervös und sagen vor dem Hintergrund der Zahlen: Wir drehen den Hahn ab?

Und dann kommt die Late-Night-Show von Enissa Amani zurück?
Zum Beispiel, ja. Wobei, da weiß ich jetzt auch nicht, warum es da nicht weiter ging. Es war doch ein fulminantes Format.

Ich hab es nicht so oft gesehen, ich musste da schon ins Bett.
Ja, ich auch.

Als Sie Redaktionsleiter der Harald-Schmidt-Show wurden, lief die Sendung zunächst im Ersten, später wieder bei Sat.1, wie in den Anfangsjahren. Welche Unterschiede haben Sie zwischen den Sendern bemerkt?
Wenn man für eine externe Produktionsfirma arbeitet, stellt die Firma in der Regel die Sendung her, und der Sender bekommt am Ende die fertige Datei. Darum ist es fast egal, ob der Sender Sat.1, WDR, Sky oder wie auch immer heißt. Allerdings gibt es im Detail bestimmte Erfordernisse: Bei privaten Sendern bestimmen zum Beispiel Werbeinseln die Dramaturgie einer Sendung, manchmal auch zum Positiven. Im Ersten haben wir das ja nachgestellt.

Ist der Druck denn generell höher, wenn man für einen Privatsender arbeitet? Da braucht man ja die Einschaltquoten in der werberelevanten Zielgruppe.
Naja, es war tatsächlich so, dass die Zusammenarbeit mit Sat.1, 2012, nach einem Jahr vorbei war, weil die Quoten nicht gereicht haben. Ich denke mal, dass Harald Schmidt gerne weitergemacht hätte, aber der frühere ProSiebenSat.1-Chef Thomas Ebeling selbst den Stecker gezogen hat. Daraufhin hat Harald Schmidt gesagt: Wir gehen zu Sky – wo das gleiche Spielchen nochmal lief. Quote ist da total entscheidend.

Und bei den Öffentlich-Rechtlichen nicht?
Vielleicht ist die Rolle nicht ganz so groß wie bei den Privaten, aber heutzutage ist es so, dass die Politik, die ja über die Rahmenbedingungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks entscheidet, genauso auf die Quote schaut wie es die Werbekunden bei den Privaten tun.

Warum?
Die Quotenhörigkeit der Politik ist zwar nicht mehr so stark wie früher, hat aber dennoch großen Einfluss auf die Sender. Gerade vor dem Hintergrund der Diskussion über den Rundfunkbeitrag. Wenn die AfD sagt: Die Rundfunkgebühren müssen weg, sind die Politiker unter Druck. Die kommen dann auf den grandiosen Gedanken zu sagen: Dann müssen wir eben für ein möglichst breitenwirksames Programm sorgen. Irgendwann heißt es dann: Wir müssen möglichst oft Florian Silbereisen zeigen, damit wir die 17,50 Euro vor den Leuten rechtfertigen können. Verkürzt kann man sagen: Je mehr Druck die AfD macht, desto häufiger ist Silbereisen im Programm. So eine Entwicklung ist natürlich Mist. Aber die Politik will auch Quote haben – das sind ja Wählerstimmen.

Bei einer AfD-Demonstration Ende 2015, auf der Sie für die Heute-Show waren, wurde Ihnen die Clownsperücke weggerissen. Versuchen Sie trotz der Konfrontationen, abseits der Kameras in einen sachlichen Dialog zu treten?
Wegen dieser Szene gab es Beschwerden beim Fernsehrat des ZDF. Da ist in der Folge nichts weiter passiert, aber es zeigt: Wenn du Satire machst, hast du, zugespitzt gesagt, mit objektiver Berichterstattung überhaupt nichts am Hut. Später folgte eine Einstellung, in der ein Mann mich aufforderte zu sagen: Da hinten sind welche, sie sind gewalttätig und intolerant, weil sie euch Rechten ein paar auf die Fresse hauen wollen. Woraufhin ich ergänzte: Und ich finde, die Jungs haben recht. Natürlich ist das einseitig, unausgewogen, was auch immer.

Ist es denn sinnvoll, nur ein politisches Spektrum zu beleuchten?
In der Gesamtheit kann man darüber reden, ob das sonderlich schlau ist. Ich finde aber, das passiert bei der Heute-Show nicht. Gewichtung gibt es da natürlich, keine Frage. Aber in einer Satiresendung kann man schön auf die politische Ausgewogenheit pfeifen, da geht es nicht um eine Form von objektiver Berichterstattung. Deswegen griff dieser Vorwurf auch zu kurz, als es die Beschwerden beim Fernsehrat gab. Was, bitte, soll das für eine Satire sein, die politisch ausgewogen ist?

Ihr Alter Ego Dr. Udo Brömme hat in der Harald-Schmidt-Show dafür geworben, dass „Zukunft gut für alle ist“ und „alte Menschen von der Straße verschwinden sollten“. Wie sähe sein Konzept für den Rundfunkbeitrag aus?
Dr. Udo Brömme wäre natürlich dafür, dass der Rundfunkbeitrag eigentlich erhöht werden müsste auf, sagen wir mal, 40 oder 50 Euro im Monat, vielleicht später auch in der Woche, damit diese hervorragenden Menschen, die als Selbstständige für die Öffentlich-Rechtlichen arbeiten, um dieses wunderbar scharfe und ungemein spannende Satireprogramm zu erstellen, auch fürstlich entlohnt werden.

Und wie sieht das Ralf Kabelka?
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist eine Säule unseres demokratischen Systems, die vierte Gewalt, und ohne die gehen wir unter. Den Rundfunkbeitrag finde ich vollkommen okay: 21 Fernsehprogramme, 67 Hörfunkkanäle und was da jeden Tag an Output rauskommt. Wenn die Mediatheken von ARD und ZDF noch so eine visuelle Anmutung und so eine Nutzerfreundlichkeit wie Netflix oder Amazon Prime hätten und es diese vermaledeite Geschichte nicht gäbe, dass man die Sachen nach einem Monat wieder rausnehmen muss, dann könnten die viel mehr reißen. Ich bin ein großer Freund und Vertreter des Rundfunkbeitrags und finde ihn nicht zu hoch.


Zur Person:
Ralf Kabelka, 1964 in Paderborn geboren, wurde einem breitem Publikum in der Rolle als Dr. Udo Brömme bekannt. Für die Harald-Schmidt-Show war er bis zur Einstellung der Sendung auch als Redaktionsleiter tätig. Heute moderiert er die ZDF-Sketchsendung Danke Deutschland!, ist für die Heute-Show im Einsatz und spielt beim Neo Royale Magazin den Sidekick für Jan Böhmermann.

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Die Redaktion - 4.9.2018