Die Welt von KenFM

Ken Jebsen, der Betreiber von KenFM. (Screenshot: journalist)

Ken Jebsen ist ein „gefallener“ Journalist des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Seit 2012 betreibt er das Onlineportal KenFM – und erreicht damit ein großes Publikum. Jebsen ist umstritten. Er sei aber „kein Rechtsradikaler“, attestierte kürzlich Lutz Hachmeister, der ehemalige Direktor des Grimme-Instituts. Wir haben Zweifel.

von Matthias Holland-Letz

Dieser Medienprofi macht offenbar alles richtig. Er besetzt hochpolitische Themen. Er lässt Außenseiter zu Wort kommen. Er kommentiert scharf. Er zeigt Emotionen vor der Kamera. Und er gibt seinem Publikum reichlich Raum für Rückmeldungen.

Die Rede ist von Ken Jebsen, dem ehemaligen Radiomoderator des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Seit 2012 betreibt Jebsen das Onlineportal KenFM. Mit Erfolg. Mehr als 272.000 Menschen abonnieren das Portal auf Facebook. Zum Vergleich: Der WDR kann lediglich 179.000 Abonnenten vorweisen. Lutz Hachmeister, ehemaliger Direktor des Grimme-Instituts, lobt: „Inhaltlich wie ästhetisch absolut professionell gemacht.“ Hachmeister leitet heute das Kölner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik und sagte im Interview mit dem Branchendienst Kress: KenFM unterscheide „sich so gut wie nicht von vergleichbaren Sendungen im linearen Fernsehen“.

Doch wird dieses Urteil Ken Jebsen gerecht? Einem Mann, der Zeitungen und Rundfunkanstalten vorwirft, dass sie „immer nur im Sinne der besitzenden Eliten berichten“? Ein Medienmacher, der in Israel „Zionisten mit Herrenrassedenken“ am Ruder sieht?

Im März 2017 veröffentlichte KenFM auf YouTube ein Gespräch, das Jebsen mit dem Autor Gerhard Wisnewski geführt hat. Die aktuellen Bücher Wisnewskis erscheinen im rechtslastigen Kopp-Verlag. Wisnewski behauptete in diesem Gespräch, die „Flüchtlingskrise“ sei bewusst gesteuert. Sie führe zur „Desorganisation“ Deutschlands und Europas. Er zog den Vergleich zum Auto. Wenn jemand anfange, den „Motor zu desorganisieren“, so Wisnewski, dann werde „der ganze Wagen nicht mehr fahren“. Und wie wird „Desorganisation“ erreicht? „Zum Beispiel mit massenhaft Migrantenkindern, die nicht in dieser Weise lernbereit sind.“

Das ist rechtsradikales Gedankengut. Und Jebsen? Hält er dagegen? Stellt er kritische Nachfragen? Nein. Im Gegenteil. Als Wisnewski von höchst natürlichen Revierkämpfen schwadroniert, die zwischen Einheimischen und Zuwanderern ausbrechen, signalisiert Jebsen Zustimmung. „Gastfreundschaft“ habe nun mal ihre Grenzen, erklärt er. „Wenn einer zu Besuch kommt im Dorf, dann geht das. Bei 20 ist man schon“ – Jebsen unterbricht sich. „Und bei 500 fühlt man sich überrannt.“ Wisnewski setzt noch einen drauf: „Bei 500 ist es Krieg.“

Der journalist fragt Lutz Hachmeister, wie er das Gespräch von Jebsen mit Wisnewski einordnet. Im Kress-Interview hatte Hachmeister beteuert, Jebsen sei „kein Rechtsradikaler“. Doch Hachmeister lässt ausrichten, dass er für Anfragen zurzeit nicht zur Verfügung stehe. Auf KenFM ist derweil nachzulesen, was Jebsen von repräsentativer Demokratie hält: „Eine Mogelpackung, deren Ziel es vor allem ist, das Volk am langen Arm verhungern zu lassen“. Der Großen Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel warf Jebsen vor, sie stehe „knietief im Blut“. Jebsen behauptete im KenFM-Interview: „Wir haben es mit Eliten zu tun, die uns nicht wie ihre Schutzbefohlenen behandeln, sondern wie ihre Sklaven.“
 

„Aus terminlichen Gründen“

Ken Jebsen will nicht mit dem journalist sprechen. Ein Besuch könne nicht stattfinden, auch auf Fragen könne er nicht antworten. „Aus terminlichen Gründen“, wie ein Mitarbeiter schreibt.

Im September 2017, wenige Tage vor den Bundestagswahlen, veröffentlichte KenFM einen Gastbeitrag zu einem AfD-kritischen Videoclip. In dem Clip rufen die Darsteller aus der Schüler-Kinokomödie Fack ju Göhte dazu auf, wählen zu gehen. „Setz ein Zeichen für ein buntes Deutschland“ und „Wähl nicht die AfD“, lauten die Botschaften von Jella Haase und Elyas M’Barek. Der Gastkritiker auf KenFM gibt sich empört. Er sieht einen „Manipulationsversuch vom Fack-ju-Göhte-Team“. Was seien das für Leute, so der Gastkritiker, „die nicht im geringsten Kritik gegenüber einer Regierung üben, die selbst in mehr Kriegen verstrickt ist als es Nazideutschland je war?“ KenFM macht es sich bei derlei Anwürfen leicht: „Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln“, steht auf der Webseite.

Ken Jebsen will nicht mit dem journalist sprechen. Ein Besuch könne nicht stattfinden, auch auf Fragen könne er nicht antworten. „Aus terminlichen Gründen“, wie ein Mitarbeiter schreibt.
 

Eindimensional kommt Jebsen nicht daher. Schon in seiner Zeit als RBB-Moderator spielte Jebsen mit Ressentiments und politischen Klischees unterschiedlicher Themenfelder. Im Jahr 2011 stand er wegen einer Aussage in der Kritik, die manche als Holocaust-Leugnung empfanden. Zunächst beschäftigte ihn der RBB weiter. Später erfolgte doch die Trennung.


Che Guevara bis Gauweiler

Virtuos beherrscht Jebsen Vokabular und Denkweise der politischen Linken. „Ausbeutung und Kolonialismus werden heute Strukturanpassungsprogramme genannt“, sagte er im ausführlichen Interview mit dem Journalisten Mathias Bröckers, das als Buch erschienen ist (Der Fall Ken Jebsen oder wie Journalismus im Netz seine Unabhängigkeit zurückgewinnen kann, Verlag fifty-fifty). Begeistert berichtet Jebsen von einem Treffen mit Jean Ziegler, dem Schweizer Globalisierungskritiker: Er habe einen Mann erlebt, „der für Fairness und Gerechtigkeit brannte wie Che Guevara“. Jebsen plädiert für die Energiewende, für gesunde Lebensweise, für Frieden, gegen den Einsatz von Drohnen in Afghanistan. Es wundert nicht, dass auch Linke zum Interview in seine Sendung kommen, etwa die ostdeutsche Schriftstellerin Daniela Dahn. Genauso wie Ex-Familienministerin Rita Süssmuth (CDU) und CSU-Urgestein Peter Gauweiler bereits bei KenFM zu Gast waren.


Nicht sein richtiger Name

Ken Jebsen wurde nach eigenen Angaben 1966 in Krefeld geboren. Der Vater lebe im Iran, die Mutter stamme aus Hamburg, verrät er in dem von Mathias Bröckers publizierten Interview-Buch. Dass er in Wirklichkeit Moustafa Kashefi heiße, wie Wikipedia schreibt, sei falsch, erklärt der Berliner Medienmacher. Seinen wahren Namen möchte Jebsen nicht nennen. Und das journalistische Selbstverständnis von KenFM, wo rund 20 Autoren veröffentlichen? „Wir garantieren Vielfalt“, betont Jebsen gegenüber Bröckers. KenFM trage ferner dazu bei, „Feindbilder zu hinterfragen und aufzulösen.“

Wer sich mit dem Portal genauer beschäftigt, dem kommen allerdings Zweifel. Vielfalt? KenFM wird nicht müde, das militärische Vorgehen der USA in Irak, Afghanistan und Syrien anzuprangern. Dass auch Russland oder China nicht zimperlich sind, wenn es darum geht, eigene Interessen zu vertreten, darüber erfährt man wenig. Und hilft das Portal, Feindbilder aufzulösen? Im Oktober 2017 veröffentlichte KenFM einen Text, in dem Israel als „Symbol des Grauens“ und „größtes Gefängnis in der Welt“ bezeichnet wird. Der Text verweist auf einen angeblichen „Genozid in Gaza“ und erklärt, das „zionistische Regime“ genieße „weltweit Sonderrechte“. Alles Behauptungen, die Feindbilder nicht abbauen, sondern schaffen und verstärken.

„Wir garantieren Vielfalt“, betont Jebsen gegenüber Bröckers. KenFM trage ferner dazu bei, „Feindbilder zu hinterfragen und aufzulösen.“
Wer sich mit dem Portal genauer beschäftigt, dem kommen allerdings Zweifel.

 

Überhaupt, die journalistische Genauigkeit – für den selbsternannten Großkritiker der etablierten Medien ist die offenbar nicht so wichtig. So behauptete Jebsen im Interview mit Mathias Bröckers: Unter US-Präsident Obama „sitzen mehr Farbige hinter Gittern als zur Zeit des offiziell noch erlaubten Sklavenhandels“. Das klingt knallig, ist aber völlig untauglich, um das höchst fragwürdige US-Justizsystem zu kritisieren. Im Jahr 1865, als die USA die Sklaverei verbot, hatte das Land 30 Millionen Einwohner. Zu Obamas Regierungszeit waren es 325 Millionen Menschen, mehr als zehnmal so viel. Da wundert es nicht, dass in der Gegenwart weit mehr schwarze US-Bürger im Knast sitzen als vor 150 Jahren.

Von Transparenz in eigener Sache hält Jebsen wenig. KenFM werde ausschließlich crowdfinanziert, gibt er zu Protokoll. Doch wie hoch ist das Budget? Gibt es Großspender? Gehört der Kopp-Verlag dazu? Wer Geld gibt und wieviel, verrät Jebsen nicht.

Auch das Interviewbuch von Mathias Bröckers schweigt dazu. Überhaupt verzichtet Bröckers in dem Buch darauf, Ken Jebsen mit kritischen Fragen zu behelligen. So darf der Berliner Medienmacher zwar ausführlich erklären, dass er mit dem Rechtsradikalen Jürgen Elsässer gebrochen hat. Warum Jebsen allerdings Gerhard Wisnewski wiederholt eine Bühne bereitet und auch den jüngst verstorbenen umstrittenen Autor Udo Ulfkotte (Mekka Deutschland) präsentierte – diese Fragen sucht man im Buch vergeblich. Warum?


„Lächerlich“

Auf Anfrage erklärt Mathias Bröckers: Ken Jebsen habe so viele Autoren interviewt – seine Stellung zu jedem einzelnen abzufragen, sei „uninteressant und lächerlich“. Aus seiner Bewunderung für den Berliner Portalbetreiber macht Bröckers allerdings keinen Hehl: „Ich halte ihn für einen sehr guten Journalisten“, betont er.

Hier ist eine Szene entstanden, die sich gegenseitig hofiert und aufeinander verweist. Sie vereint weniger eine eindeutige politische Richtung als eher die Fundamentalkritik an dem bestehenden System. Auch Bröckers trat bereits als Interviewgast bei KenFM auf. Er und Jebsen sind zudem Autoren bei free21, einem Onlinemagazin, das sich links gibt – und gleichzeitig seltsame Texte publiziert, etwa: „Wer lockt mit Twitter Flüchtlinge nach Deutschland?“.


Nur ein Briefkasten

Auch Verschwörungs-Autor Udo Ulfkotte veröffentlichte auf free21, wo auch Paul Schreyer schreibt. Schreyer verfasste für das als links geltende Onlinemedium NachDenkSeiten eine wohlwollende Rezension des Interview-Buchs von Bröckers. Außerdem hat er zusammen mit Bröckers ein Buch (Wir sind die Guten) publiziert und war auch Interviewgast bei Jebsen. „Nur weil ich bei KenFM auftrete, muss ich deswegen noch nicht alles unterschreiben, was auf dem Kanal sonst läuft“, betont Schreyer. Allerdings räumt er ein: „Weil unsere politischen Ansichten sich in vielen Punkten ähneln, finden wir auch vor der Kamera zusammen.“

Berlin-Kreuzberg, Blücherstraße 22: Laut KenFM-Impressum ist das die Adresse von Jebsens Medienhaus. Ein mächtiger Altbau mit Jugendstil-Fassade. „Gewerbehof“ steht über dem Klingelschild. Doch nirgendwo ein Hinweis auf den Medienmacher.

Im Innenhof stehen drei Frauen und rauchen. „Ken Jebsen? Nie gehört.“ Ja, Jebsen sei ihm ein Begriff, sagt im Haus der Inhaber einer Videoproduktionsfirma. Wo KenFM seine Räume habe, wisse er nicht. Er habe „keinen Kontakt“. Zurück auf dem Hof, erzählt ein anderer Mann: „Die haben hier nur einen Briefkasten.“ Und tatsächlich, im Erdgeschoss des Treppenaufgangs Nummer 5 hängt der weiße Kasten mit der Aufschrift „Ken Jebsen – sector B“. Wo Jebsen Büro und Studio unterhält, das bleibt, wie so vieles, im Dunkeln.

 

Matthias Holland-Letz ist freier Journalist, er arbeitet unter anderem für SWR 2, WDR 5 und den Deutschlandfunk.

 

Die Redaktion - 10.12.2017