Die Propaganda-Brecher

Hochsicherheitssender: In die Redaktion von Radio Free Europe am Rande von Prag kommt nur, wer mehrere Sicherheitsschleusen passiert hat. (Foto: Kilian Kirchgeßner)

Das Konzept stammt aus der Zeit, als die Welt noch stur in schwarz und weiß aufgeteilt wurde. Radio Free Europe/Radio Liberty sendete als Stimme der freien Welt aus München in den Ostblock. Heute hat der einst für Dissidenten so wichtige Sender seinen Hauptsitz in Prag. Und so wie sich die weltpolitische Lage geändert hat, hat sich auch der von den USA gegründete Sender verändert. Wir haben ihn besucht.

von Kilian Kirchgeßner

Das Kommando kommt in entschlossenem Ton. „Nehmen Sie bitte die Hände aus den Hosentaschen!“, ruft der breitschultrige Mann. Mit einer Kollegin steht er in der ersten Sicherheitsschleuse, umgeben von Panzerglas und Stahlbetonwänden. Wie am Flughafen werden die Taschen durchleuchtet, und bis Besucher durch den Metalldetektor gegangen sind, sollen ihre Hände offen sichtbar sein. Sicher ist sicher. Die Türe öffnet sich erst nach der Kontrolle, sie gibt den Weg frei zur zweiten Sicherheitsschleuse.

Dass Journalismus nicht nur Freunde hat, wird wohl in keiner anderen Redaktion so deutlich wie in dieser. An einer Ausfallstraße am Rande von Prag hat Radio Free Europe (RFE) seine Zentrale, ein gewaltiger Quader auf einem riesigen Grundstück, das von einem meterhohen Eisenzaun mit Kameratürmen umfriedet ist. Das Logo des Senders prangt ganz oben an der Fassade: „Radio Free Europe/Radio Liberty“ steht dort, daneben eine flammende Fackel. Das Logo gibt es schon lange, aber der Sender selbst verändert sich gerade.
 

„Nicht für Putin oder gegen Putin“

Eins der neuen Gesichter bei Radio Free Europe ist das von Kiryl Sukhotski. Der gebürtige Weißrusse ist Nachrichtenchefredakteur des RFE-Fernsehkanals „Current Time“, der von Prag aus in fast zwei Dutzend Länder ausgestrahlt wird. „Was wir machen, ist im Prinzip ein Start-up“, sagt Sukhotski. Er sitzt auf der Dachterrasse und blinzelt in die Sonne. Sein Englisch ist akzentfrei, geprägt von seinem Studium in London und den vielen Jahren, die er für die BBC gearbeitet hat. Nach kürzeren Teststrecken ist das Programm von „Current Time“, das in Kooperation mit Voice of America produziert wird, seit eineinhalb Jahren rund um die Uhr auf Sendung: mit Nachrichten auf Russisch, die sich an Zuschauer aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion richten und zusätzlich in EU-Ländern ausgestrahlt werden, in denen eine starke russische Diaspora lebt.

„Wir versuchen, der Propaganda etwas entgegenzusetzen“, sagt Kiryl Sukhotski. „Unsere Mission ist es, unabhängigen, unvoreingenommenen Journalismus an Orte zubringen, wo es ihn sonst kaum gibt. Wir sind nicht für Putin oder gegen Putin – wir wollen einfach zeigen, was in der Region passiert.“ Etwa 100 Redakteure arbeiten für „Current Time“, hinzu kommen Freiberufler, die überall im Berichtsgebiet verteilt sind und Beiträge zuliefern. In der Prager RFE-Zentrale nimmt „Current Time“ inzwischen den größten Platz ein, obwohl der Fernsehkanal der jüngste Ableger der verzweigten Senderfamilie ist: Der offene Newsroom befindet sich im Erdgeschoss des riesigen Gebäudes, er füllt das gesamte Atrium mit seinem Glasdach. In einer Ecke des Atriums, knapp neben den Schreibtischen, leuchtet ein Scheinwerfer: Hier schaltet sich gleich ein Kommentator live ins Programm, im Hintergrund werden seine Kollegenaus dem Newsroom zu sehen sein.

„Wir setzen stark auf Liveschalten“, sagt Kiryl Sukhotski – in der Zielregion beinahe ein Alleinstellungsmerkmal: Viele staatliche Sender in den früheren Sowjetrepubliken zeichnen ihr Programm fast komplett auf, um gegen unliebsame Überraschungen während der Sendezeit gefeit zu sein. Ohnehin mutet ihr Programm meistens statisch an, „richtiges Old-School-Fernsehen“, wie Sukhotski schmunzelnd anmerkt. „Current Time“ hingegen setzt auf moderne Studios, auf aufwendige Grafiken, auf Gespräche.„ Wir sprechen wie normale Menschen“, so der Chefredakteur. „Wir zeigen, dass man im Fernsehen reden kann und nicht nur proklamieren.“ Dazu gibt es einzelne Sendestücke in den sozialen Medien; Clips und Beiträge sind auf Facebook, Youtube und dem russischen Pendant Vkontakte zu sehen. 400 Millionen Views kamen so 2017 zusammen.
 

Unsere Mission ist es, unabhängigen, unvoreingenommenen Journalismus an Orte zu bringen, wo es ihn sonst kaum gibt. Wir sind nicht für Putin oder gegen Putin – wir wollen einfach zeigen, was in der Region passiert.
 

„Current Time“ ist der jüngste Versuch von Radio Free Europe/Radio Liberty, mit dem Medienwandel Schritt zu halten. Denn RFE ist ein altes Schlachtross: Als Speerspitze gegen den Kommunismus mitten im Kalten Krieg gegründet, finanziert vom amerikanischen Kongress und am 4. Juli 1950 in München gestartet. Die Redaktion saß direkt neben dem Englischen Garten: Von hier aus wurde in den Ostblockgefunkt, der nur 200 Kilometer entfernt hinter dem Eisernen Vorhang begann. Ein tschechisches Radioprogramm sendete in die Tschechoslowakei, ein polnisches nach Polen, ein ukrainisches in die Ukraine und so weiter – Radiosendungen, die per Kurzwelle übertragen wurden und für die Muttersprachler arbeiteten. Die Mission damals: über die Zustände berichten, die von den kommunistisch kontrollierten Medienverschwiegen wurden. Eine Art Gegenöffentlichkeit also, konzipiert nach westlichen Medienstandards und in der Berichterstattung, so hieß es, keineswegs den amerikanischen Geldgebern verpflichtet – auch wenn dem Sender immer wieder vorgeworfen wurde, selbst Propagandaorgan zu sein, da er in den Anfängen maßgeblich vom CIA finanziert wurde.


Gegenöffentlichkeit für den Ostblock

Für viele Dissidenten war RFE/RL jedenfalls ein lebenswichtiges Medium, wie viele im Rückblick erzählen. Und „lebenswichtig“ meinen sie durchaus wörtlich: Wenn die Staatssicherheit unliebsame Regimekritiker nachts abholte und einkerkerte, brachte Radio Free Europe diese Verhaftungen als Meldung; für die Betroffenen oft eine Überlebensgarantie, denn sie konnten so nicht stillschweigend verschwinden. Texte von prominenten Autoren kamen ins Programm, die in ihrer Heimat Publikationsverbot hatten und sonst nie zu hören gewesen wären. Václav Havel, der frühere Dissident, war so dankbar für das Programm, dass er anregte, den Hauptsitz des Senders von München nach Prag zu verlegen – das war nach der politischen Wende, als er Staatspräsident wurde.

Eine von denen, die im Kalten Krieg das Programm hörten, ist Oana Serafim. Die rumänische Journalistin arbeitet heute selbst bei Radio Free Europe – und schmunzelt, wenn sie an ihren ersten Kontakt mit dem Sender denkt. „Vielleicht klingt es ein wenig melodramatisch, aber meine ganze Kindheit über hörte ich das Programm im Hausmeiner Großeltern. Während des Spielens, bei den Hausarbeiten, immer. Alle Türen waren geschlossen, die Vorhängedicht zugezogen, damit nichts nach außen dringt. Meine Großeltern haben das Radio so aufgestellt, dass der Kurzwellenempfang am besten war.“

Ob ihr damals nicht in den Sinn kam, dass es westliche Propaganda sein könnte, was sie hört? Sie schüttelt energisch den Kopf. „Niemand, der die Zeit erlebte, würde das so sagen. Radio Free Europe wurde nicht als amerikanischer Senderwahrgenommen, sondern als ein Geschenk, das die Amerikaner uns gemacht haben: Euer Radio in eurer Sprache, gemacht von euren Leuten.“ Es sei nicht zuletzt ein Verdienst des Senders, dass ein, zwei Generationen von Rumänen über die dunkle Zeit hinweg die Hoffnung bewahrt hätten, sagt Serafim.

Heute leitet sie die moldawische Redaktion von Radio Free Europe – für Rumänien selbst gibt es kein Programmmehr, genauso wenig wie für die anderen EU-Länder. Serafims moldawische Redaktion führt „einen Kampf mit der Mentalität, die von Propaganda geprägt war. Viele Menschen verstehen nicht, dass es nicht bedeutet, keine eigene Meinung zu haben, wenn man mehrere Sichtweisen zu einer Frage kennt. Viele ziehen es vor, eine vorgekaute Meinung zu bekommen.“ Ihre Reporter schickt Serafim deshalb durch das ganze Land, manchmal stellen sie sich mit einem Lautsprecherwagen irgendwo auf einen Marktplatz und bringen die Leute miteinander ins Gespräch – etwa den Bürgermeister mit jemandem, der seine Politik kritisiert.

25 solcher landessprachlichen Dienste sind heute unter dem Dach von Radio Free Europe/Radio Liberty versammelt – unter anderem wird inzwischen auch in die arabische Welt ausgestrahlt; landesprachliche Programme gibt es etwa für Afghanistan und Iran.
 

Weder schwarz noch weiß

Die Anziehungskraft ist auch viele Jahre nach dem Kalten Krieg ungebrochen – auf Zuhörer, aber auch auf Journalisten. Das beste Beispiel dafür ist „Current Time“, der neue TV-Nachrichtenkanal von RFE/RL: Hier arbeiten reihenweise Ex-Mitarbeiter staatlicher Fernsehsender. Andrei Cherkasov ist einer von ihnen. Er war früher Studioleiter des russischen Fernsehens in Paris, Washington und London. Oder Farida Kurbangaleeva, die eine der meistgesehenen Nachrichtensendungen in Russland moderierte und nach der Annexion der Krim entschied, nicht mehr mitzumachen. „Gerade sie ist ein guter Beweis dafür, dass die Welt nicht schwarz und weiß ist. Dass man die Meinung ändern kann, wenn man mehr Informationen hat“, sagt Chefredakteur Kiryl Sukhotski.

Für ihn ist es wichtig, im Programm nicht krampfhaft nur die Politik zu verfolgen. Auch bunte Geschichten hat er im Programm – wie jene über die 90-jährige Bäuerin am Baikalsee, die mit vorsintflutlichen Schlittschuhen ihre Kühe zurück in den Stall treibt, wenn sie sich zu weit hinaus gewagt haben auf das Eis. Es gibt Reisemagazine, Kulturberichterstattung – und auf Pressekonferenzen in Russland komme es immer wieder vor, dass Kollegen vom Staatsfernsehen auf das Team zukommen, auf das Mikrofon mit dem signifikanten Logo deuten und rufen: „Cool, wir schauen eure Sendungen!“

Auch in seinem Team seien Leute mit unterschiedlichsten Hintergründen und verschiedenen Weltanschauungen, sagt Sukhotski. Wenn Putin vor die Medien tritt, dann schalte man keinesfalls weg. Mal gibt es live einen Faktencheck zu dem, was der russische Präsident sagt. Und zuletzt, bei seiner Rede zum Amtsantritt, teilte „Current Time“ das Bild und zeigte auf der einen Seite des Bildschirms die Putin-Rede und auf der anderen Seite den prominenten Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski, der die Rede kommentierte.

So viel Eigensinn kommt nicht überall gut an: Bei Sendungen, die in Russland offenbar übel aufstoßen, springen die berüchtigten Troll-Fabriken an: Bei Youtube etwa schießen die „Dislikes“ raketenartig in die Höhe, die schlechten Bewertungen – vermutlich, damit die Videos im Rankingsinken und bei Youtube nicht mehr prominent angezeigt werden.

Bei Debatten um Propaganda, sagt Sukhotski, denke er manchmal an seine Kindheit in Minsk zurück. „Wenn das Staatsfernsehen damals den Westen gezeigt hat, dann gab es immer nur diese Bilder von Obdachlosen, die an einer Suppenküche für etwas zu Essen anstehen.“ Für ihn ist das zum Synonym der Propaganda geworden: Klar, es gebe im Westen auch Obdachlose und Suppenküchen – aber eben nicht nur. „Für mich, der ich keinen Kontext kannte, standen diese Suppenküchen für den Westen. Wir wollen in unserem Programm den Kontext zeigen, Hintergründe erklären. Nur dann können die Zuschauer die Nachrichten auch einordnen.“

Über Propaganda denkt Jefim Fistejn schon seit Jahrzehnten nach. „Ich bin hier der älteste der Veteranen“, sagt er lachend. Seit 37 Jahren ist Fistejn im Dienst von Radio Free Europe, zunächst als Freiberufler, schließlich als Chef des russischen Programms und jetzt als Berater des Radio-Präsidenten. Der 1993 ins Amt gewählte US-Präsident Bill Clinton wollte den Sender zunächst komplett einstellen, weil sich Russland auf dem Weg der Demokratisierung befinde und der Sender damit nicht mehr nötig sei. Zum Glück, sagt Fistejn, sei die Entscheidung dann anders gefallen.
 

Neue Art der Propaganda

Geändert hat sich allerdings die entscheidende Frage, die Fistejn und seine Kollegen heute umtreibt: Kann der Senderheute unter ganz neuen Bedingungen auf dem Medienmarkt noch arbeiten? Wie kann man gegen Propaganda kämpfen, wenn sie nicht mehr von einem zentralen Absender ausgeht, sondern von Zehntausenden Twitter- und Facebook-Accounts? Wenn das Schimpfen über unliebsame Wahrheiten, über „Fake News“, auch im Westen salonfähig wird? Fistejn denkt kurz nach: Die Rolle des Senders habe sich geändert, erklärt er dann. Zu Ostblock-Zeiten sei man eine Art Surrogat gewesen für fehlende Berichterstattung. Wenn es irgendwo in der Sowjetunion ein Grubenunglück gab mit vielen Toten oder einen Flugzeugabsturz, dann tauchte das im staatlichen Rundfunk oft nicht auf. Heute hingegen, im Überangebot von Nachrichten auf sämtlichen Kanälen, gehe es stärker um Aufklärung.

„Keiner erklärt den Menschen, wie Demokratie funktioniert. Was die Zivilgesellschaft leisten kann, wie sich Gewerkschaften, Religionsgemeinschaften oder Vereineengagieren können“, sagt Fistejn. Und man müsse Informationen viel stärker einordnen. Der „hybride Informationskrieg“ nach russischer Lesart lasse sich am Beispiel desabgeschossenen Passagierflugzeugs über der Ukraine studieren: Da kursierten mittlerweile in staatlichen Medien fünf verschiedene Versionen – von ukrainischen Freischärlern, die eine russische Rakete gestohlen hätten, bis hin zu unbekannten amerikanischen Laser-Waffen, die aus dem Weltall das Flugzeug zum Absturz gebracht hätten. „Keiner weiß, was Tatsache ist. Ganz im Gegenteil: Es werden so viele Theoriengestreut, dass die Menschen sich nachher fragen, ob es überhaupt irgendeine Wahrheit gibt, ob nicht immer irgendjemand irgendetwas verheimlicht.“ Es werde Chaos gesät – das sei die neue Strategie im Propaganda-Krieg.

Haben klassische Medien dagegen eine Chance? Jefim Fistejn lächelt. „Wir halten es mit Prinzipien. Manche Politiker fordern zum Beispiel, die Annexion der Krim als unabänderlichen Fakt einfach hinzunehmen. Ich halte davon nichts. Lasst uns die Prinzipien hochhalten – selbst, wenn es hundert Jahre dauert, bis sich etwas tut.“

Im Kalten Krieg hatte Václav Havel in Tschechien ein Motto, das viele Oppositionelle zum Durchhalten ermuntert hat. „Die Wahrheit und die Liebe werden siegen über Lüge und Hass“, so sein Credo. Vielleicht gilt das auch in Zeitendes Informationskriegs – das zumindest hoffen sie, die Journalisten im festungsartigen RFE-Redaktionsgebäude am Rand von Prag.
 

Der Sender

Radio Free Europe/Radio Liberty (www.rferl.org) sendet in 25 Sprachen in 20 Länder, in denen es keine freie Berichterstattung gibt, Nachrichten zensiert werden und keine offenen Debatten möglich sind. Seinen Auftrag sieht der Sender darin, demokratische Werte zu fördern. Das Budget des von Washington finanzierten Senders liegt bei 117,4 Millionen US-Dollar. Weltweit erreicht REF/RL nach eigenen Angaben pro Woche rund 25,8 Millionen Nutzer. Mehr als 600 Journalisten arbeiten in der Prager Zentrale, hinzu kommen weitere 450 Journalisten und mehr als 750 freie Mitarbeiter, die in den USA und in den Regionalbüros arbeiten.


Kilian Kirchgeßner ist Mitglied des Weltreporter-Netzwerks und arbeitet als Korrespondent in Tschechien und in der Slowakei.

Die Redaktion - 12.7.2018