"Der Moment muss echt sein“

Julia Rehkopf: "Wir berichten immer aus einem persönlichen Blickwinkel" (Foto: Benjamin Eichler)

Funk, die Onlineplattform von ARD und ZDF, will das junge Publikum zu den Öffentlich-Rechtlichen locken. Und das Y-Kollektiv ist ein Netzwerk junger Journalisten, die für Funk über Themen ihrer Generation berichten. Julia Rehkopf gehört dazu. Das Spielfeld ist Youtube. Wie müssen journalistische Inhalte aussehen, damit sie von jungen Menschen geklickt werden? Teil 1 unserer Serie zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Interview von Marième Kandji

journalist: Wie ist das Y-Kollektiv entstanden?
Julia Rehkopf: Dass ARD und ZDF einen gemeinsamen Kanal für junge Menschen starten wollten, war ja schon lange bekannt. Dennis Leiffels, den ich von Radio Bremen kenne, hatte die Idee, ein Doku-Format einzubringen. Wir haben uns dann Ende 2015 mit weiteren Journalisten getroffen und zusammen überlegt, wie wir uns gute Dokumentationen vorstellen. Wir hatten fast alle schon für das klassische Fernsehen gearbeitet, und da ist man ja doch mit sehr vielen Restriktionen konfrontiert, was beispielsweise Sendelängen und Formatvorgaben angeht.

Was unterscheidet Ihre Dokumentationen von denen in klassischen Medien?
Die Subjektivität. Wir berichten immer aus einem persönlichen Blickwinkel. Natürlich geht jeder mit einer anderen Haltung, mit anderen Fragen an ein Thema heran. Das wollen wir zeigen. In den klassischen Fernsehreportagen ist es häufig noch so, dass der Journalist quasi allwissend ist. Wir finden: Die Zeit ist reif, sowohl Subjektivität als auch Unwissenheit transparent zu machen.

Wie schaffen Sie diese Transparenz?
Zum einen zeigen wir unsere Gesichter. Wir machen viele Selfie-Aufsager, in denen es zum Beispiel heißt: Ich komme gerade aus dem Termin raus und bin total erschüttert, was da passiert ist. Diese Momente sollen zeigen, was eine Recherche mit dem Journalisten gemacht hat. Außerdem achten wir beim Texten darauf, unsere eigene Haltung einfließen zu lassen. Zusätzlich haben wir ein Question-Antwort-Format, in dem wir auf Kommentare eingehen, die wir bekommen haben.

Als Journalist ist man es eigentlich gewohnt, objektiv zu bleiben. Wie gehen Sie mit diesem Spannungsfeld zwischen Subjektivität und Objektivität um?
 Es ist ja die Frage, ob Objektivität überhaupt jemals zu erreichen ist. Das fängt schon bei der Themenauswahl an. Wir wählen subjektive Blickwinkel, weil in vielen Fällen von Vornherein klar ist, was die Gegenseite sagt. Da kann es auch mal reizvoll sein, sich nur eine Seite anzuschauen. Ich war zum Beispiel im vergangenen Jahr eine Nacht lang auf illegalen Open-Air-Techno-Partys in Köln. Im Film werden Besucher, Veranstalter und DJs gezeigt – nicht aber das Ordnungsamt, weil das für mich nicht der spannende Teil der Geschichte war. In einem klassischen Fernsehbeitrag hätten auf jeden Fall Polizei und Ordnungsamt zu Wort kommen müssen.

Für den Beitrag „Viva la Vulva“ haben Sie einen Kursus besucht, der sich „Vulva-Watching-Gruppe“ nennt. Und die Kamera war dabei.
Ja, bei uns ist alles echt. Das haben wir gleich zu Beginn beschlossen: Keine gestellte Scheiße! Denn das hat uns am Fernsehen und am Fernsehmachen wirklich genervt. Wenn wir versuchen würden, auf YouTube Standard-Fernsehen zu machen, glaube ich nicht, dass das Erfolg hätte. Auf YouTube wird Authentizität ganz großgeschrieben. In einer Situation wie bei der Vulva-Watching-Gruppe kichere ich vielleicht verlegen und verhasple mich, aber dafür ist der Moment echt.

Dient so eine Aktion nicht eher dem Clickbaiting?
Wir wollen teilnehmende Beobachter sein. Das heißt, wir stehen nicht nur daneben, gucken wie andere Leute etwas tun und stellen danach eine kluge Frage. Wir begeben uns selbst ins Geschehen hinein und erleben es mit. Bei diesem Thema war für mich schnell klar, dass ich mitmachen möchte und muss. Sonst wäre das ehrlich gesagt blutleer gewesen.

Was ist für Sie professioneller Journalismus?
Professionelle Journalisten halten gewisse Standards ein. Zum Beispiel halten wir uns an den Pressekodex: Wir nehmen kein Geld und keine Produkte entgegen, filmen keine Minderjährigen ohne das Einverständnis der Eltern und achten auf Persönlichkeitsrechte. Als professioneller Journalist ist man mehr als ein Mensch, der mit seinem Smartphone unterwegs ist, etwas Lustiges filmt und es dann bei Facebook oder YouTube hochlädt.

Wie unterscheidet sich die Arbeit für YouTube von der für das klassische Fernsehen?
Die meisten von uns haben ihr Handwerk in den klassischen Medien gelernt. Nun geht es einfach darum, dieses professionelle Handwerk auf die neuen Plattformen zu übertragen. Natürlich gibt es dort andere Regeln. Die Dramaturgie ist schon deutlich anders als im Fernsehen. Die User klicken noch schneller weg als der Fernsehzuschauer umschaltet. Für uns bedeutetet das, dass wir jeden Film mit einem Intro starten, in dem wir das Fazit häufig vorwegnehmen. Das tut zwar jedem Filmemacher weh, aber es hat sich einfach bewährt, weil wir nicht davon ausgehen können, dass jeder den Film bis zur letzten Minute guckt. Auch die Kommentare der Zuschauer haben eine andere Qualität als beim klassischen Fernsehen. Durch die Kommentarfunktion gibt es einen direkten Rückkanal für positive wie negative Stimmen - und die kommen oft auch sofort nach der Veröffentlichung.

Ist es leicht für Journalisten, auf YouTube Erfolg zu haben?
Wir konkurrieren mit YouTubern und stehen in einer Reihe mit Beauty-Blogs, unterhaltsamen Tutorials und den vielzitierten Katzenvideos. Sich dort als journalistisches Angebot zu bewähren, ist gar nicht so einfach. YouTube ist ja ein Unternehmen, das gewisse Ziele verfolgt und seinen eigenen Algorithmus hat. Dem sind wir natürlich unterworfen. Wir müssen versuchen zu verstehen, wie er funktioniert: Warum landet ein Video in den Trends und das andere nicht? Warum werden einzelne Videos von uns mit einem Jugendschutzhinweis versehen? Das sind Dinge, die wir ehrlicherweise oft nicht nachvollziehen können.

Wie geht es mit dem Y-Kollektiv weiter?
Ich bin sehr zufrieden mit der Arbeit des Y-Kollektivs und dem Zuspruch, den wir bekommen. Ich glaube, dass wir mit dem Kollektiv schon eine gewisse Größe erreicht haben. Aber es gibt immer noch Herausforderungen, zum Beispiel wie wir so sperrige Themen wie Umwelt, Verbraucher, Klimawandel oder Europa so runterbrechen, dass unsere Reportage die Leute interessiert und zur Diskussion anregt. Da sind wir noch nicht fertig.


Zur Person:
Julia Rehkopf hat ihr Volontariat an der Electronic Media School (EMS) in Babelsberg gemacht und ist mittlerweile stellvertretende Redaktionsleiterin beim Y-Kollektiv. Sie schreibt unter anderem nebenbei als freie Journalistin für das ARD-Morgenmagazin und wirkt bei längeren Dokumentationsprojekten mit.

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Die Redaktion - 4.9.2018